Karrieretüröffner Praktikum?

7. Mai 2014, 10:59
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Employability-Anspruch universitärer Bildung

Neben dem Studium auch Berufserfahrung zu sammeln gilt als wichtig für einen erfolgreichen Karriereeinstieg. Auch in Stellenanzeigen zeigt sich diese Anforderung. Universitäten reagieren auf diesen Anspruch. Im Sinne der funktionalen Employability (Attraktivität für den Arbeitsmarkt) wird ein intensiver Austausch mit potentiellen zukünftigen Arbeitgebern angestrebt.

Der im Jahr 2000 eingeleitete Bologna-Prozess strebt nicht nur eine Vereinheitlichung der Studienpläne in Europa an, sondern erklärt auch Employability zu einer Schlüsselkomponente in der tertiären Bildung. Zur Steigerung der Employability ihrer Absolventen reichern die Universitäten ihre Curricula zunehmend mit obligatorischer "praktischer Erfahrung" an.

Eine der Konsequenzen dieses näheren Zusammenrückens ist freilich das zunehmende "Verschwimmen" der Grenzen zwischen Bildung und Ausbildung. Was bedeutet nun das Employability-Enhancement in der Praxis?

Und was bedeutet es für Karrierewege?

Eine in Großbritannien durchgeführte Studie identifiziert drei Bereiche der Employability-Förderung an den Hochschulen: a) Employability-Qualifikationen, b) Einbindung und Einfluss der Arbeitgeber auf Curricula und c) Arbeitserfahrungen von Studierenden durch Praktika. Als erfolgreichste Methode wird hier die Förderung von Studierenden propagiert. So wird direkt beim Individuum angesetzt und ein barrierefreier Übergang zwischen (Aus-)Bildung und Arbeitsleben geschaffen.

Gleichzeitig wird das Sozialkapital gestärkt, um künftige Karriereperspektiven zu öffnen. In Großbritannien hat es einen regelrechten Boom ausgelöst, Praktika in Curricula zu integrieren. Mittlerweile absolvieren dort über 70 Prozent der Studierenden und 28 Prozent aller deutschen Studierenden mindestens ein Praktikum während oder nach ihres Studiums.

Wie sieht es aber um die Qualität dieser Praxiserfahrung aus und wem nützt sie tatsächlich? Zum einen lässt sich festhalten, dass Praktika nicht alle Bereiche gleichermaßen betreffen. Speziell in soziokulturellen Berufen stellen Praktika die Norm dar. Darüber hinaus spielt das Geschlecht eine wichtige Rolle: Studien in Deutschland und in den USA zeigen, dass Frauen eher unbezahlte Praktika annehmen, während Männer bezahlte Praktika oder Einstiegspositionen erhalten. Diese Dynamik hat Implikationen für die Karrieren von Universitätsabsolventen: Mittlerweile beschäftigen sich NGOs mit der Qualitätssicherung der heißbegehrten Praktika. In den USA werden inzwischen Firmen verklagt, weil Praktikanten unbezahlt arbeiten.

Praxiserfahrung

Vor diesem Hintergrund ist für künftige Karrierewege nicht nur die Frage nach "Praxiserfahrung: ja oder nein?" relevant. Vielmehr: Wie steht es um die Qualität der praktischen Erfahrung? Wie soll die Rolle der Universitäten hier aussehen (etwa: wer übernimmt die Verantwortung für die Qualität dieser Praktika, wenn sie Teil des Studienplans sind)? Für die Einzelperson: Wie sieht das Aufwands-Ertrags-Verhältnis kurz- und langfristig aus? Öffnet ein Praktikum tatsächlich Karrierepfade oder wird es zur Sackgasse? (Katharina Chudzikowski, DER STANDARD, 26./27.4.2014)

Katharina Chudzikowski ist Associate Professor an der University of Bath (UK).

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