Siemens kauft Rolls-Royce-Sparte und baut um

7. Mai 2014, 07:18
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Konzern wird auf Energie und Industrie ausgerichtet - Medizintechnik wird künftig separat geführt

Berlin - Joe Kaeser richtet Siemens im Rahmen seines Strategieplans stärker auf Energietechnik und moderne Fabrikausstattung aus. Gleichzeitig wendet sich der Vorstandschef von der traditionsreichen Medizintechnik und der traditionellen Schwerindustrie ab. 

Im abgelaufenen Quartal stieg der operative Gewinn zwar auf 1,57 Milliarden Euro, enttäusche die Erwartungen der Analysten aber dennoch, weil Siemens wegen des verzögerten Baus einer Starkstromleitung in Kanada 310 Millionen Euro Sonderlasten verbuchte.

Die Energiesparte stärkt Kaeser im Zuge seiner Neuausrichtung mit dem Kauf des Gasturbinengeschäfts der britischen Rolls-Royce für fast eine Milliarde Euro. Die Hörgerätesparte soll hingegen an die Börse gebracht werden, die Medizintechnik künftig eigenständig geführt werden, wie Siemens in der Nacht zum Mittwoch mitteilte."Unsere Vision 2020 adressiert die langfristigen Perspektiven unseres Hauses entlang der Wertschöpfungskette der modernen Elektrifizierung und der Automatisierung", erklärte Kaeser.

Vier Großsektoren abgeschafft

Er schafft zudem die vier Großsektoren seines Vorgängers Peter Löscher ab. Der Konzern mit seinen 360.000 Mitarbeitern soll künftig in neun Divisionen gegliedert werden. Besonderes Augenmerk legt der 56-Jährige neben der Energieerzeugung auf das Trendthema Industrie 4.0. Das Digitalisierungsgeschäft für Produktionsfirmen wird in der neuen Division "Digital Factory" geführt.

Das Segment soll bis zu 20 Prozent operative Rendite abwerfen und die bislang ertragreichste Medizintechnik noch überflügeln. In den jeweiligen Divisionen hat sich Siemens Renditeziele zwischen fünf und 20 Prozent vorgenommen. Einen eues Gesamtrenditeziel für den Konzern rief Kaeser allerdings nicht aus. Sein Vorgänger war an der Ambition von zwölf Prozentfür den Konzern gescheitert und musste gehen.

Produktivität soll steigen

Kaeser führt indes die Siemens-Tradition der letzten Jahre fort und eine weitere exotische Kenngröße ein. Durch Einsparungen bei den Gesamtstückkosten soll die "Gesamtkostenproduktivität" ab dem kommenden Geschäftsjahr zwischen drei und fünf Prozent betragen. Um rund eine Milliarde Euro soll nach seinem Willen das fast 170 Jahre alte Unternehmen produktiver werden. Da der Umsatz auf absehbare Zeit allenfalls leicht wachsen dürfte, müssen sich die Mitarbeiter auf Einsparungen gefasst machen. Kaesers langfristiges Ziel ist es, sein Haus so rentabel zu machen wie die Rivalen ABB und GE.

Die Aktionäre sollen rasch verwöhnt werden. Der angekündigte Rückkauf von Anteilsscheinen im Wert von bis zu vier Milliarden Euro soll demnächst beginnen. Kaeser hatte ihn bislang wegen seiner ausstehenden Strategieziele aufgeschoben.

Mitten im Übernahmepoker

Dem Umbau fällt inmitten des Übernahmepokers um die Alstom-Energiesparte auch Energietechnikchef Michael Süß zum Opfer. Er räumt sofort seinen Posten und wird im August von der bisherigen Shell-Managerin Lisa Davis ersetzt. Sie soll dafür sorgen, dass Siemens stärker von der Öl- und Gasrenaissance in Nordamerika profitiert, von dem der Konzern bisher wenig hatte. Im Vorstand wird Veteran Siegfried Russwurm künftig Personal-und Technologiechef, sein Kollege Helmrich kümmert sich um die Industriesparten, Roland Busch um die Gebäude- und Zugtechnik.

Den dienstältesten Vorstandskollegen Hermann Requardt stellt Kaeser vor eine schwierige Zukunft. Zum einen soll er die hochrentable, aber ungeliebte Hörgerätetechnik an die Börse bringen. Bereits vor rund fünf Jahren hatte Siemens versucht, das Geschäftsfeld mit seinem geschätzten Umsatz von einer halben Milliarde Euro loszuschlagen. Allerdings scheiterte es seinerzeit an den eigenen Preisvorstellungen. Etwa zwei Milliarden Euro wollte Kaeser einst noch als Finanzvorstand von interessierten Finanzinvestoren haben. Die lehnten allerdings ab, da damals der Schweizer Konkurrent Sonova durch eine Vertriebsoffensive Siemens vom Endkundenmarkt abzuschneiden drohte. In der Folge nahm der Konzern die Hörgerätetechnik aus dem Licht der Öffentlichkeit und richtete sie neu aus.

Zum anderen muss sich Requardt darauf einstellen, dass sein kompletter Bereich aus der Siemens-Familie verstoßen wird. Die Medizintechnik wird künftig eigenständig abseits der neun Sektoren geführt. Damit werde dem Zweig mit seiner langen Geschichte "eine größere Flexibilität auf dem sich fundamental wandelnden und von Paradigmenwechseln geprägten Markt für Medizintechnik gegeben". Mit einer ähnlichen Formulierung leitete Siemens die Trennung von seiner früheren Leuchtmitteltochter Osram ein. Ein geplanter IPO war Kaeser damals allerdings nicht gelungen, er musste die Aktien an die Siemens-Aktionäre verschenken.

Siemens gab in der Nacht zudem bekannt, mit dem japanischen Konzern Mitsubishi Heavy Industries (MHI) ein Joint Venture für die Metallindustrie zu bilden. Demnach wird MHI 51 Prozent und Siemens 49 Prozent an dem Gemeinschaftsunternehmen halten. Vorbehaltlich der Zustimmung der entsprechenden Behörden soll das Joint Venture im Jänner 2015 seinen Betrieb aufnehmen. (Reuters, 7.5.2014)

  • Der Siemens-Konzern wird neu aufgestellt: Die Hörgerätesparte soll an die Börse gebracht werden
    foto: ap/matthias schrader

    Der Siemens-Konzern wird neu aufgestellt: Die Hörgerätesparte soll an die Börse gebracht werden

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