Flucht auf die Metaebene

6. Mai 2014, 18:14
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Die Compagnie Luna mit "Where Are We Now?" im TAG

Wien - Eine mit Füßen getretene Babypuppe, Hühnereingeweide, Frankfurter Würstel, Kackeimitat: Am Ende des Stücks Where Are We Now? gleicht die Bühne im Theater an der Gumpendorfer Straße (TAG) einem Schlachtfeld. Gewütet hat aber nicht der dritte Weltkrieg, um den es im Stück geht, sondern eine "aktionistische" Theatertruppe, die vor selbigem auf die Metaebene geflüchtet ist.

Die Kriegserklärung kommt zu Beginn des Stücks von einem weiblichen "Putin". 72 Stunden verbleiben. Da taucht ein Messias mit Lichterketten am Kopf auf und prophezeit eine Expertenkommission. Deren Vorsitzende sind zwei Holzfiguren, deren Köpfe verhüllt sind - wie jene von René Magrittes Lovers. Der belgische Surrealist, als Gesellschaftskritiker ein dankbarer Zitatenquell, ist ein wichtiger Bezugspunkt für das Stück.

Das Wartezimmer der kafkaesk-ominösen Kommission dient Regisseur Josef Maria Krasanovsky indes für eine totentanzähnliche Auffädelung einer illustren Figurenrunde: "Speedy, der Pulvermann" ist ein mit Medikamenten dealender Cowboy. Er trifft auf "Muffi, den Burnoutmann" sowie einen verhuschten Zweifler, der hauptsächlich Fragen stellt und deshalb nicht mehr weiter kommt, als schließlich alle auf Drogen sind. Der elefantöse "Wurstfabrikant Hölli" tritt ebeno auf wie der "Hungermann". Ein Nerdmädchen möchte mittels Internet die "World verbettern". Auch ein Gorilla mit Geschäftsidee fehlt nicht.

Where Are We Now? erzählt vor allem von der Gaudi, die die fünfköpfige Compagnie Luna beim Einstudieren gehabt haben dürfte: Die Charaktere entstanden aus tagesaktuellen Themen (Wurst!) und schöpfen herzhaft aus menschlichen Abgründen. In Erinnerung bleibt ein Wutbürger, der sich Peter Schilling nennt und seine aufgestaute Wut an einem toten Körper auslässt. Im Trend liegt die Entscheidung, einen Schlagzeuger auf die Bühne zu holen. Der sorgt stummfilmmäßig für perkussive Untermalung.

Als der Krieg dann ausbricht, erklärt eine Off-Stimme, dass "die Probenzeit an dieser Stelle vorbei war". Man entschuldigt sich selbstironisch für den fehlenden Storybogen, die "postdramatische Scheiße". Auf der Metaebene wird nun versucht, durch entgrenzende Theaterformen doch noch etwas im Publikum "auszulösen": Zwischen Ekel, Nacktheit, verbalen Tabubrüchen und Mitmachtheater nimmt das Stück noch einmal Fahrt auf. Spontanen Applaus löst es aus, als eine vermeintlich Uneingeweihte einem Schauspieler eine Torte ins Gesicht schmiert. (Roman Gerold, DER STANDARD, 7.5.2014)

Bis 3. 6.

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