YLine-Strafprozess: Angeklagter widerspricht Wirtschaftsprüferin

6. Mai 2014, 17:45
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Böhm: Erste Quartalsbilanz 2001 war korrekt - Firmengründer sieht Schuld für Pleite bei IBM und anderen

Am heutigen sechsten Hauptverhandlungstag im Strafprozess um die Internet-Firma YLine wurde der Hauptangeklagte Firmengründer Werner Böhm weiter befragt. Dieser wies die Untreue- und Bilanzfälschungs-Vorwürfe entschieden zurück. Zwar hatte eine - mitangeklagte - Wirtschaftsprüferin die erste Quartalsbilanz 2001 als fehlerhaft bezeichnet, aber "da hat sie nicht recht", meinte der Angeklagte.

Richterin Marion Zöllner erinnerte Böhm daran, dass im Rechnungswesen der Grundsatz der Bilanzwahrheit gelte. "Sie haben ja die Handelsakademie abgeschlossen", so die Richterin zum Hauptangeklagten, da müsse er das ja gelernt haben. "Ja, die Bilanz soll stimmen", bestätigte Böhm. "Muss oder soll?" hakte die Richterin nach. "Die Bilanz muss stimmen", sagte Böhm. Allerdings sei er bis heute der Meinung, dass die betreffende YLine-Quartalsbilanz auch gestimmt habe.

Wirtschaftsprüferin distanziert sich

Die nun mitangeklagte Wirtschaftsprüferin (damals bei Ernst&Young) war allerdings der Ansicht, dass in die YLine-Bilanz des ersten Quartals 2001 Umsätze gebucht wurden, die gar nicht in dem Quartal angefallen waren. Die Umsätze seien fälschlicherweise im ersten Quartal 2001 verbucht worden, das für dieses Quartal angegebene Ergebnis (EBITDA) von 2,3 Mio. Euro und die gemeldeten 15,2 Mio. Euro Umsatz seien wesentlich unrichtig, zitierte die Richterin die Angaben der Wirtschaftsprüferin. Sie wolle daher mit dieser Quartalsbilanz nichts zu tun haben. Außerdem habe sie zwei YLine-Vorständen Ende Mai 2001 mitgeteilt, dass Bilanzfälschung für Vorstände im Gefängnis enden könne. Böhm zeigte sich heute unwissend, er wisse heute nicht mehr, ob die beiden Vorstände - von denen eine inzwischen verstorben ist - ihm das auch mitgeteilt hätten.

Nach Ansicht des Sachverständigen Thomas Keppert, der über die YLine ein Gutachten verfasst hatte, war das börsenotierte Internet-Unternehmen spätestens im Jänner 2001 zahlungsunfähig. Die YLine meldete im September 2001 Insolvenz an.

Böhm sieht Schuld bei IBM

Böhm schilderte heute in seiner Befragung, dass er sich von einem früheren Geschäftspartner "betrogen" fühle. Außerdem habe IBM die YLine torpediert, als sie den Kredit für ein millionenschweres PC-Geschäft im Juli 2001 fällig stellte. Zuvor hatte die YLine allerdings die Partnerschaft mit IBM aufgelöst, weil sie zu Compaq wechseln wollte. Der Vertrag mit IBM sei in dieser Form abgeschlossen worden, weil ihn IBM "massiv unter Druck" gesetzt habe, so Böhm. Auf Nachfrage der Richterin präzisierte er, dass ihm die IBM-Manager damit "gedroht" hätten, wenn er den Vertrag in der vorliegenden Form nicht unterschreibe würde das Geschäft gar nicht zustande kommen.

Nach Böhms Kalkulationen sollte bei dem Geschäft mit IBM-Computern jeder Kunde 1.000 Schilling pro Monat Umsatz generieren. Darin seien die Mindest-Internetgebühr von 240 Schilling pro Monat sowie die erwarteten Umsätze aus Internet-Verbindungen und Werbeeinnahmen inkludiert. Seinen Berechnungen nach wäre sich dadurch die Bedienung der Raten an IBM für die Computer ausgegangen. Das Konzept ging aber nicht auf. Seine Marktprognosen wären schon aufgegangen, meinte Böhm heute, die von ihm prognostizierten Internet-Nutzungszeiten von 10 Stunden pro Monat seien später realisiert worden. Die Internet-Wirtschaft sei allerdings damals im Jahr 2000 eingebrochen, wobei er nur an eine "Delle" im Wachstum geglaubt habe.

"Komplizierte" Transaktionen

Böhm schilderte heute mehrere nach seinen eigenen Angaben "komplizierte" Transaktionen, wie er die IBM-Raten bedienen wollte. Außerdem hätte er auf jeden Fall frisches Geld über einen Fonds bekommen können, wenn er es gewollt hätte. Daher sei er keineswegs zu Jahresanfang 2001 insolvent gewesen, wie die Anklage behauptet. "IBM hat also verhindert, dass sie über die Schiene Compaq die Partnerschaft vernünftig auflösen - IBM hat eigentlich alles verhindert, Ihrer Darstellung nach", so die Richterin.

Der Prozess wird am Mittwoch (7. Mai) im Großen Schwurgerichtssaal des Wiener Straflandesgerichts fortgesetzt. (APA, 06.05.2014)

  • Werner Böhm sieht vor allem IBM in der Verantwortung.
    foto: apa

    Werner Böhm sieht vor allem IBM in der Verantwortung.

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