"Man muss lernen, sich selbst zu verstehen"

Blog7. Mai 2014, 09:01
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Conchita Wurst im Interview über Luftblasen, Wege aus Coming-out-Krisen, ihren Auftritt in Kopenhagen und wie sie doch noch einen Grammy bekommen möchte

Am Donnerstag wird es für die österreichische Teilnehmerin beim diesjährigen Eurovision Song Contest ernst. Mit Startnummer sechs wird Conchita Wurst mit Rise Like A Phoenix an den Start gehen. In Kopenhagen ist sie eindeutig der meistangefragte und meistumjubelte Star der diesjährigen Ausgabe des Bewerbs. Ob das auch auf der anderen Seite, nämlich vor den TV-Bildschirmen, funktionieren wird?

Du hast in ganz Europa die Geschichte vom schwulen Buben aus Bad Mitterndorf erzählt, der Diskriminierung und Mobbing erlebt hat und der seinen Weg gegangen ist und eine Ausdrucksform gefunden hat. Und jetzt trittst du beim größten Musikbewerb der Welt auf. Was bedeutet dir das?

Wurst: Ich kann das nicht in Worte fassen. Alleine, wie du das jetzt gefragt hast ... Davon hätte ich nie zu träumen gewagt. Wir in der Gay Community haben ja alle eine sehr ähnliche Geschichte. Die einen weniger drastisch, die anderen unglaublich schlimm. Es liegt aber an einem selbst. Man muss die richtigen Leute suchen, die einen verstehen. Man muss lernen, sich selbst zu verstehen. Ich umgebe mich deshalb mit positiven Dingen. Ich will jetzt nicht sagen, dass ich in einer Luftblase lebe ... Wobei, doch: Ich lebe in meiner Luftblase, und hier ist es wahnsinnig gemütlich. Bei mir ist alles schön, und ich glaube an das Gute im Menschen. Seine eigene Wahrheit und sein eigenes Leben zu bauen: Das ist der einzig richtige Weg, um sich aus dem "Oh Gott, es ist furchtbar, und keiner kann mich leiden"-Gedanken zu befreien. Ich bin unendlich dankbar, dass ich das gelernt habe.

Du bist schon mehrere Tage in Kopenhagen. Ist es hier so, wie du dir das erwartet hast, oder ist es ganz anders?

Wurst: Es ist größer, glamouröser, lustiger und verrückter, als ich es mir je gedacht hätte. Es ist großartig.

Bei keiner anderen Kandidatin und bei keinem anderen Kandidaten waren mehr Journalisten als bei deiner Pressekonferenz. Wie erklärst du dir diese Anziehungskraft, die du offenbar hast?

Wurst: Ich weiß es nicht, ob ich das erklären kann. Ich bin ehrfürchtig, hier sein zu dürfen, und ich versuche mein Bestes zu geben ... Nein, ich versuche es nicht nur, ich werde das auch. Das große Interesse stimmt mich jedenfalls demütig, weil das nicht selbstverständlich ist. Das kann schnell wieder vorbei sein. Ich weiß eigentlich nie, was ich dazu sagen soll, weil ich es selber kaum glauben kann.

Welche Frage hat man dir hier am meisten gestellt?

Wurst: Natürlich, welches Statement ich vertrete. Was der Grund meines Looks ist.

Mir kommt vor, dass in den internationalen Medien viel mehr die Frage erläutert wurde, was die politische Botschaft der Kunstfigur Conchita Wurst ist, als in den österreichischen Medien ab 2011, als du zum ersten Mal als Conchita erschienen bist.

Wurst: Ja, das sehe und bemerke ich auch so. Das ist aber sehr einfach zu erklären. Ich habe in den letzten drei Jahren, in denen ich meinen Job machen durfte, vieles dazugelernt. Ich habe mich weiterentwickelt, konnte meine Meinungen klarer formulieren. Und mir wurde auch klarer, was ich will – und auch, was ich nicht will. Das ist ein Prozess, den jeder erlebt, der einen neuen Job bekommt. Man muss sich einarbeiten. Das war bei mir auch so.

Als bekannt wurde, dass du Österreich beim Eurovision Song Contest vertreten würdest, gab es sehr viel Hass, der gegen dich gerichtet war. Als das Lied bekannt wurde, ist dieser eher verstummt. Hast du auch diesen Eindruck?

Wurst: Ich habe keine Ahnung, weil ich mich mit denen genau zwei Minuten beschäftigt habe. Ich weiß gar nicht, ob die immer noch existieren oder nicht.

Hier vor Ort ist, anders als vor den TV-Bildschirmen zu Hause, der Schwulenanteil sehr hoch. Glaubst du, dass du in den Wohnzimmern Europas an einem Donnerstagabend dieselbe Anziehungskraft hast wie hier vor Ort? Dass sich auch die TV-Zuschauer die Frage stellen: Was will mir die bärtige Frau eigentlich sagen?

Wurst: Das hoffe ich. Es ist aber natürlich nicht zu vergleichen. Auch auf den Konzerten, die ich im Vorfeld in Amsterdam, Madrid oder Riga gegeben haben, wurde mir gesagt, dass ich aufgrund des Erfolgs doch recht selbstbewusst zum Song Contest fahren könne. Aber ich sagte immer: Das ist eine subjektive Wahrnehmung. Der harte Kern der Eurovision-Fans kommt nun einmal zu 80 Prozent aus der LGBT-Community. Das ist kein Klischee. Ich weiß übrigens auch, warum: Der Song Contest strahlt einfach das aus, was wir uns alle wünschen, nämlich Gleichberechtigung ohne Debatten darüber, was man ist. Man wird in der Eurovision-Familie einfach als das akzeptiert, was man ist. Deshalb stehen "meine Gays" so drauf, wie auch ich drauf stehe. Und natürlich lieben wir auch Glitzer, Glamour und Tralala. Mit den Fans alleine durchschifft man das Ding aber nicht.

Es gibt in diesem Jahr sehr viel Zirkus auf der Bühne. Trampoline, Tanzeinlagen, anzügliches Butterstampfen in Trachten und so weiter. Ausgerechnet von der Figur, von der man am meisten Spektakel erwartet hätte – nämlich von dir –, bekommt man das aber nicht. Du bietest eigentlich eine sehr ruhige Performance. Du stehst ganz still auf der Bühne und singst drei Minuten dein Lied. Außergewöhnlich sind die ersten 30 Sekunden. Da sieht man dich nicht, sondern hört nur das Lied. Dann erst lernt man Conchita kennen.

Wurst: Das war ursprünglich gar nicht geplant. Das Setting des Liedes beginnt ja recht depressiv und dunkel. Und dann kommt hinzu, dass ich nun mal einen Bart habe und polarisiere. Aber ich hätte es auch als Frau ohne Bart so gemacht, weil diese Dunkelheit der Inszenierung genau die erste Strophe widerspiegelt. Und bis zum Schluss wird es heller und heller, bis man mich dann abfackelt. Ich finde das großartig und wurde sehr schön inszeniert. Die ersten Sekunden bilden eine enorme Spannung, und die Regisseure hatten da auch eine mutige Idee. Mir gefällt's extrem gut. Man könnte natürlich meinen, man will einen Schockmoment kreieren und mich erst spät zeigen, aber man darf nicht vergessen, dass man im Zuspieler davor ja schon sieht, wie ich aussehe. Es handelt sich also um eine künstlerische Visualisierung des Songs.

Wohin wird dein Weg dich noch führen?

Wurst: Wenn ich den Grammy mit 70 noch immer nicht gewonnen habe, dann werde ich ihn von irgendjemandem klauen. (Marco Schreuder, derStandard.at, 7.5.2014)

Ergebnisse vom ersten Halbfinale

Marco Schreuder, 1969 in den Niederlanden geboren, ist seit 1976 Eurovision-Song-Contest-Fan. Gerade erst nach Österreich übersiedelt, begeisterten ihn die Bilder vom Austragungsort 1976. Denn in Den Haag lebten seine Großeltern. Seitdem ist er standhafter Europäer und Eurovision-Fan und hat keinen einzigen Song Contest ausgelassen. Im Brotberuf sitzt er für die Grünen im Bundesrat und ist Einzelunternehmer. Als Letzterer war er im Team von Nadine Beiler in Düsseldorf 2011 dabei. Sein Lieblingsbeitrag aller Zeiten: Alice & Battiato, "I treni di Tozeur", Italien 1984. Für derStandard.at ist er bereits seit dem den Song Contest 2012 in Aserbaidschan dabei und bloggt auch heuer in Kopenhagen wieder vor Ort mit Alkis Vlassakakis, der filmt und fotografiert.

  • Conchita Wurst beim Interview, das mehr Medien haben wollten, als möglich war.
    foto: alkis vlassakakis

    Conchita Wurst beim Interview, das mehr Medien haben wollten, als möglich war.

  • Eine eloquente und schlagfertige Conchita Wurst mit ORF-Delegationsleiter Stefan Zechner und Manager René Berto bei der Pressekonferenz in Kopenhagen. Bei keinem anderen Act gab es mehr Medienandrang.
    foto: alkis vlassakakis

    Eine eloquente und schlagfertige Conchita Wurst mit ORF-Delegationsleiter Stefan Zechner und Manager René Berto bei der Pressekonferenz in Kopenhagen. Bei keinem anderen Act gab es mehr Medienandrang.

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