Die Sonnenseiten des Nihilismus

6. Mai 2014, 17:47
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Die Altersmilde ist der wegweisenden US-Band Swans fremd. Der Brutalität ihres Frühwerks folgt nun jene des fortgeschrittenen Lebens. Ihr neues Album "To Be Kind " zeugt davon. Zwei Stunden lang

Wien - Von dem 1997 gestorbenen Countrysänger Townes van Zandt ist ein schöner Satz überliefert. Der geht so: "Ich glaube nicht, dass all meine Lieder traurig sind, einige sind auch hoffnungslos."

Erweitert man die Hoffnungslosigkeit um Themen wie Gewalt, Gegengewalt und ohnmächtige Aussichtslosigkeit, landet man bei der Kunst eines anderen Cowboyhutträgers. Bei Michael Gira. Der US-Amerikaner hat 2010 seine berüchtigte Band Swans wiederbelebt und seither zwei neue Alben veröffentlicht.

Am Freitag erscheint nun das dritte Werk dieser Swans-Inkarnation: To Be Kind. Wobei diese Nomenklatur ungenau ist. Denn wie das vor zwei Jahren veröffentlichte The Seer ist das neue Album ein dreifaches. Das macht sieben Alben in vier Jahren. Und bereits die Spieldauer von To Be Kind - 121 Minuten - weist auf eine Obsession hin, deren Ursprung viele in den Bergen des Wahnsinns vermuten. Dem möchte man nicht widersprechen. Doch für diese Diagnose hätte es keiner Reunion bedurft. Dazu reichte das Frühwerk aus den 1980er-Jahren. Damals erkundeten die Swans mit Bands wie Sonic Youth oder Foetus musikalisches Neuland und erzielten extreme Ergebnisse. Wie der Blues, nur ohne Melodie, beschreibt Gira heute seine Musik von damals.

Das klingt kokett, ja, nachgerade verniedlichend. Denn der brutalen Unerbittlichkeit, der zähen Monotonie der frühen Swans, zu denen Gira seine Todesgstanzln brüllte, fehlte jeder Funke Hoffnung, der noch dem traurigsten Blues innewohnt. Gegen Ende der 1980er-Jahre wandten sich die Swans formal einer vergleichsweise traditionellen (Folk-) Rockmusik zu -, ohne dass Gira von seinen Themen und seinem aggressiven Pessimismus abgerückt wäre. Der wurde nur etwas subtiler transportiert. 1998 erschien das Album Swans Are Dead, das war's dann mit den Schwänen.

In ihrem 2009 begonnenen zweiten Leben verschränken sie ihr Frühwerk mit dem Spätwerk. Dieses Rezept geht auf To Be Kind erstmals richtig auf. Denn die Swans versuchen nicht zwei starre Formalismen miteinander zwangszuvermählen, die sechsköpfige Herrenpartie bemüht sich um Kompromisse und verbreitert damit ihre Ausdrucksform, die Swans-Hardlinern vielleicht zu sanft ist. Schon der Groove des Albumopeners Screenshot überrascht.

Doch sobald Gira seine knappen Texturen wie Mantras aufsagt, zu Beginn noch mit leiser Märchenonkelstimme, schleicht sich die Vorahnung ein, dass auch diese Geschichte in existenzialistischem Mattschwarz oder gar in einem die Existenz auslöschenden Blutrot enden wird. Auf den Mann ist Verlass.

In diesem nur acht Minuten langen Stück ziehen die Swans mit zunehmender Dauer die Schrauben an. Die Gitarre wird grimmiger, das Piano erstickt stellenweise bereits darin, ein bohrendes Geräusch vermittelt Gnadenlosigkeit, Gira wird lauter. Dieses Muster wiederholt sich im zwölf Minuten dauernden Just A Little Boy und gipfelt in A Little God, dem ersten Höhepunkt. Für die Swans ist das fast schon ein Popsong, offenbart quasi die Sonnenseiten ihres Nihilismus. Gleichzeitig ziehen sie die Schrauben fest, bis Gira dazu brüllt.

Eine Sonderprüfung

Den Swans gelingt in diesen Stücken, was in die Jahre gekommene Wegbereiter selten schaffen. Sie pflegen das eigene Erbe, ohne es lediglich zu wiederholen. Niemand erwartet von einem 60-Jährigen, dass er sich immer noch wie ein 30-Jähriger verschwendet. Doch Gira und Co treten nicht viel kürzer.

Altersmilde? Die ist für die Alten und Milden. Selbst konventionell beginnende Songs wie She Loves Us oder Oxygen entwickeln einen Sog und eine Wucht, die sie hoch über das Niveau handelsüblicher Lärmerzeuger erheben.

Nicht nur wegen seiner Spieldauer ist dieses Swans-Album wieder eine Sonderprüfung. Zwar sind im Bereich musikalischer Härte und Brutalität heute keine neuen Meter mehr zu machen, die Swans beweisen aber, dass zumindest im Schattental noch nicht alle Pfade ausgetreten sind. Nicht, wenn man den Stiefelabsatz so tief eingräbt wie sie. (Karl Fluch, DER STANDARD, 7.5.2014)

  • Härte kennt keine Milde: Cowboy Michael Gira und seine Band Swans.
    foto: mute / matias corral

    Härte kennt keine Milde: Cowboy Michael Gira und seine Band Swans.

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