Gähnen dient auch zur Kühlung des Gehirns

6. Mai 2014, 17:11
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Wiener Forscher beobachteten, wie sich saisonale Temperaturunterschiede auf die Gähnfrequenz auswirken

Wien - Menschen und viele andere Tierarten tun es, wenn sie müde sind. Wir gähnen aber auch unter Stress, und wir neigen dazu, bevor wir schlafen gehen oder nach dem Aufwachen, wenn wir uns langweilen oder uns die Inspiration fehlt. Zudem lassen wir uns gerne anstecken, wenn andere gähnen.

Lange ging man davon aus, dass Gähnen die Sauerstoffzufuhr erhöht. Allerdings konnten neuere Untersuchungen einen Zusammenhang zwischen Gähnen und erhöhtem Sauerstoffgehalt im Blut nicht bestätigen. Vielmehr kamen Forscher um den Psychologen Andrew Gallup vom Suny College in Oneonta, USA, zum Schluss, dass Gähnen das Gehirn kühlt.

Tatsächlich sind Schlafzyklen, kortikale Erregungszustände und Stress durch schwankende Gehirntemperaturen gekennzeichnet. Gähnen dürfte diese Temperaturunterschiede ausgleichen und gewährleistet eine optimale Homöostase. Gemäß dieser Theorie und unter der Annahme, dass kalte Lufttemperaturen zu niedrigeren Gehirntemperaturen führen, sollte Gähnen leicht durch die vorgegebene Umgebungstemperatur zu manipulieren sein.

Gähnen würde demgemäß nur unter optimalen Temperaturbedingungen stattfinden, in einem sogenannten "Wärmefenster". Um diese Hypothese zu testen, untersuchten Jorg Massen und Kim Dusch von der Universität Wien die "ansteckende" Gähnfrequenz von Fußgängern auf den Straßen Wiens sowohl in Sommer- als auch in Wintermonaten, und verglichen sie mit den Ergebnissen einer früheren Studie im trockenen Klima von Arizona, USA.

Im Sommer öfter als im Winter

Das Ergebnis der Untersuchung, veröffentlicht im Fachblatt "Physiology & Behaviour": Die Wiener gähnten im Sommer öfter als im Winter, während die Befragten in Arizona umgekehrt öfter im Winter als im Sommer gähnten. Es zeigte sich auch, dass es nicht um die Jahreszeit selbst geht oder um die Anzahl der Tageslichtstunden, sondern dass "ansteckendes" Gähnen vielmehr von optimalen Umgebungstemperaturen um rund 20 Grad Celsius abhängig ist.

Das "ansteckende" Gähnen nahm mit den hohen Sommertemperaturen von 37 Grad in Arizona und den niedrigen, rund um den Gefrierpunkt befindlichen Wintertemperaturen in Wien ab. Erstautor Jorg Massen: "Gähnen als Thermoregulation für das Gehirn kann nicht funktionieren, wenn die Umgebungstemperatur und die Körpertemperatur gleich hoch sind. Bei Umgebungstemperaturen um den Gefrierpunkt ist dies ebenfalls nicht notwendig - oder sogar gefährlich." (red, DER STANDARD, 7.5.2014)

  • "Der Gähner" von Franz Xaver Messerschmidt, hergestellt um 1780. Seit kurzem weiß man mehr, warum wir gähnen.
    foto: ap photo/matthias rietschel

    "Der Gähner" von Franz Xaver Messerschmidt, hergestellt um 1780. Seit kurzem weiß man mehr, warum wir gähnen.

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