ORF-Chef Wrabetz hat "keine Wahrnehmungen" über Vorgaben aus Parteien

6. Mai 2014, 13:25
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"Halte nichts davon, Stiftungsrat infrage zu stellen" - Hoscher sei "erfahrener und kompetenter Topmanager"

Wien - Die Umsetzung der ORF-Strategie 2020, das Standortprojekt am Küniglberg, stabile und positive ORF-Finanzen, ein neuer Kollektivvertrag und die Weiterentwicklung digitaler Projekte sind für ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz die zentralen Schwerpunkte in der Zusammenarbeit mit dem ORF-Stiftungsrat, der sich am Mittwoch zu seiner vierjährigen Amtsperiode konstituiert.

Dass das oberste Aufsichtsgremium des Senders zuletzt einmal mehr wegen seiner Nähe zu den Regierungsparteien für negative Schlagzeilen sorgte, sieht Wrabetz weniger kritisch. "Der ORF ist einer der erfolgreichsten öffentlich-rechtlichen Sender in Europa. Das ist die Leistung der Mitarbeiter, des Managements und auch der Aufsichtsorgane. Deshalb halte ich nichts davon, den Stiftungsrat infrage zu stellen. Als Manager halte ich es da mit der Organdisziplin, dass man sich seine Aufsichtsorgane nicht aussucht und auch nicht beurteilt."

Von "Vorgaben" aus Parteizentralen, wie Anfang der Woche die der SPÖ nahestehende scheidende Stiftungsratsvorsitzende Brigitte Kulovits-Rupp kritisierte, will Wrabetz jedenfalls "keine Wahrnehmungen" gemacht haben. "Im Stiftungsrat sitzen viele sehr professionell agierende Fachleute aus den verschiedensten Bereichen. Wir haben dort alle Beschlüsse trotz kritischer und sachlicher Diskussionen immer zeitgerecht gefasst. Es gab in der vergangenen Periode eine gute Zusammenarbeit und ich gehe davon aus, dass das auch in der kommenden Periode so sein wird."

 Hoscher "erfahrener und kompetenter Topmanager"

Sein Verhältnis zum von der SPÖ-Parteizentrale ins oberste ORF-Gremium entsandten kolportierten neuen Stiftungsratsvorsitzenden Dietmar Hoscher bezeichnet Wrabetz als gut. "Unabhängig davon, wie die Bestellung zum Stiftungsratsvorsitzenden am Mittwoch erfolgt, ist Hoscher seit mehr als zwei Jahren ein wichtiges Mitglied des Stiftungsrats. Er ist ein erfahrener und kompetenter Topmanager." Mehr politischen Druck erwartet Wrabetz vom neuen Aufsichtsorgan, in dem SPÖ und ÖVP über eine klare Mehrheit verfügen, jedenfalls nicht. "Zwei Drittel der Personen waren schon bisher im Stiftungsrat vertreten, daher gehe ich von hoher Kontinuität aus."

Keine Sportevent-Apps

Als wesentlichen Schwerpunkt der ORF-Geschäftsführung bis zum Ende der laufenden Funktionsperiode im Dezember 2016 nennt Wrabetz die "Weiterentwicklung unserer digitalen Projekte". Am Dienstag stellte der Sender denn auch seine neue News-App vor - "eine wichtige Weiterentwicklung von ORF On". Im Herbst soll laut Wrabetz eine Sport-App kommen, dem werden danach erste Implementierungen eines Social Media Programmguides folgen. Am Ende steht das "strategisch wichtige Projekt 'My ORF'". Als "weiteren wichtigen Schritt" führt der ORF-Chef die HD-Umstellung der "Bundesland heute"-Sendungen sowie der Spartenkanäle ORF III und ORF Sport + an. "Ziel ist es, bis 2020 etwa 90 Prozent aller Haushalte auf HD umzustellen", so Wrabetz.

Dritter Schwerpunkt ist die Programmstrategie. "Wir haben nächste Woche eine Klausur, wo wir zum ersten Mal eine Content-Strategie für die vier Kernbereiche Information, Kultur/Bildung, Sport und Unterhaltung medienübergreifend diskutieren wollen", berichtet der ORF-General. "Besondere Aufmerksamkeit" und eine "stabile Entwicklung" brauche es darüber hinaus für ORF eins.

Im App-Bereich will der ORF seine Prioritäten künftig nicht mehr auf Sport-Event-Apps setzen, "die man nach sechs Wochen wieder wegschmeißt", sondern auf den dauerhaften Betrieb solcher Angebote.

Musikquoten im ORF

Die jüngste Diskussion um österreichische Musikquoten in den ORF-Radios will ORF-General Alexander Wrabetz Sender-intern klären. Von gesetzlichen Vorgaben hält der ORF-Chef wenig. "Ich halte das aus grundsätzlichen und rechtlichen Gründen für gesetzlich nicht lösbar. Europarechtlich ginge allenfalls eine Quote für österreichisches Mundartliedgut, aber das will ja wohl niemand", so Wrabetz.

Das in der Kritik stehende ORF-Radio Ö3 dürfe darüber hinaus nicht auf die Förderung österreichischer Musikschaffender reduziert werden. Ö3 habe auch die Aufgabe, ein breites Publikum anzusprechen und mit Information zu versorgen. Darüber hinaus finanziere der ORF mit Ö3 einen erheblichen Teil von Ö1 und des Radio Symphonie Orchesters. Ein "gutes Verhältnis zur Musikwirtschaft" ist dem ORF-General aber ein Anliegen. "Ich habe ja 2009 die Musikcharta ins Leben gerufen, und wir sind dadurch einige Schritte weitergekommen. In den letzten Monaten ist es aber nicht so gut gelaufen. Ich habe deshalb mit Ö3 vereinbart, dass wir dort im Mai beim österreichischen Musikanteil schon wieder über zehn Prozent liegen."

Wunsch nach weiterem Radiosender "21 FM"

Zugleich plädiert der ORF-Chef für eine Diskussion über das Radioangebot des öffentlich-rechtlichen Senders. Probleme ortet er vor allem beim Musikangebot im ganz jungen Segment, da Ö3 zunehmend auf ältere Junge fokussiere. "Wenn sich die Radiolandschaft weiter segmentiert, dann sollten wir auch darüber diskutieren, ob der ORF nicht auch einen Radiosender für ganz Junge anbieten sollte, wie es die Bayern etwa mit dem Projekt Bayern 3 Puls vorhaben, zunächst im digitalen Bereich." Wrabetz schwebt ein weiterer ORF-Radiosender vor. Arbeitstitel: 21 FM.

Ob sich Wrabetz bei der nächsten planmäßigen Wahl der ORF-Geschäftsführung im Sommer 2016 wieder als Generaldirektor bewerben wird, lässt dieser offen. Das Nachrichtenmagazin "profil" hatte ja zuletzt darüber spekuliert, dass der ORF-Chef bereits seine dritte Amtszeit vorbereite.

Wrabetz: "Ich versuche jeden Tag so vorzubereiten, dass der ORF auch im Jahr 2020 gut da steht und weiter die starke Rolle in der österreichischen Medienlandschaft spielt, die er derzeit hat. Aber es ist falsch, einzelne Projekte unter dem Aspekt der Wiederwahl zu sehen und da zu viel hineinzuinterpretieren. Wir haben noch nicht einmal die Mitte der Amtsperiode erreicht. Es ist viel zu früh, um über eine neuerliche Bewerbung nachzudenken, und es ist noch viel mehr zu früh, darüber zu reden. Aber klar ist auch, dass es bestimmte Leitprojekte gib, die weit über den 31. 12. 2016 hinausreichen. Und es ist mir wichtig, sicherzustellen, dass die gut laufen. Doch zuerst kommt die Strategie, dann kommen Personalfragen."

Keine Änderungen im Direktorium geplant

Personelle Änderungen in der Geschäftsführung plant Wrabetz nicht. In Medienberichten war jüngst etwa die Rede davon, dass die TV-Information wieder aus der Fernseh-Direktion herausgezogen und unter eigene Verantwortung gestellt werden könnte. "Es gibt von meiner Seite derzeit keine Überlegungen für personelle Veränderungen", stellt Wrabetz dazu klar. "Alle in der Geschäftsführung arbeiten hart und gut zusammen. Es gilt, einige wichtige Fragen zu lösen. Wir müssen gemeinsam schauen, dass wir im Radiobereich zu einem guten Ende der Musikanteil-Diskussion um Ö3 kommen, ORF eins gut aufstellen, dass wir insgesamt unsere finanziellen Ziele erreichen, und wir gemeinsam die künftigen Strukturen im Sinne der neuen Strategie entwickeln."

Dabei gehe es im Programmbereich vor allem um die Frage, wie sich der ORF bei einer Content-getriebenen Strategie in den wichtigen Bereichen Information, Kultur/Bildung, Sport und Unterhaltung über die verschiedenen ORF-Medien hinweg aufstellt. "Wie wir dieses übergreifende Arbeiten strukturieren, dem wollen wir uns jetzt widmen. Das ist eine spannende Aufgabe, die nichts mit kurzfristigen Änderungen der Geschäftsordnung zu tun hat. Und auch hier gilt: zuerst Strategie, dann Struktur, dann Personalentscheidungen. Momentan sind wir bei der Strategie, daher sind Personalspekulationen nicht aktuell."

Dass Wrabetz und sein Finanzdirektor Richard Grasl schon jetzt eine Art Doppelspitze bilden, sieht der ORF-Chef nicht so. "Der Kaufmännische Direktor des ORF hatte immer schon eine relativ starke Rolle, weil er eine bereichsübergreifende Funktion ausübt, und er hat eine wichtige Rolle bei der finanziellen Entwicklung des Senders. Aber es gibt eine klare, dem ORF-Gesetz entsprechende Aufgabenverteilung."

Die geplanten Kooperationen mit der "Kronen Zeitung" rund um die Fußball-WM-App der Tageszeitung sowie bei der Umweltinitiative "Mutter Erde braucht dich" will der ORF-Chef ebenfalls nicht überbewertet wissen. In der Medienbranche wird die Zusammenarbeit der beiden größten Medien des Landes seit jeher kritisch beäugt.

Wrabetz: "Wir verkaufen laufend Bewegtbild-Inhalte an verschiedene Medienplattformen. Das ist weder etwas Neues, noch etwas Besonderes. Und wir sprechen auch mit anderen Verlagshäusern über Zusammenarbeit und Lizenzmodelle bei Bewegtbildern. Die Kooperation mit der 'Krone' bei der Fußball-WM ist auch keine exklusive. Und dass wir bei einem wichtigen Anliegen wie der Kommunikation rund um das 'Mutter Erde'-Projekt mit der nach wie vor stärksten Tageszeitung des Landes zusammenarbeiten können, ist positiv zu sehen und stimmt mich froh. Wir arbeiten aber bei anderen Projekten auch mit anderen Medien zusammen, wie zuletzt mit der 'Presse' und ORF III, mit dem 'Kurier' beim Film- und Fernsehpreis Romy oder mit dem News-Verlag beim Klimaschutzpreis." (APA, 6.5.2014)

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