Die Habsburger-Monarchie als Vorbild für die Europäische Union?

6. Mai 2014, 12:36
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Konferenz von 7. bis 9. Mai in Wien zum Umgang der Nachfolgestaaten mit dem Habsburg-Erbe

Wien - "Wer über die Habsburgermonarchie nicht reden möchte, der muss über Europa schweigen", meint Helmut Rumpler, Obmann der Kommission für die Geschichte der Habsburgermonarchie der Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Über die Habsburger als potenzielle Vorbilder für die Europäische Union und den Umgang der Nachfolgestaaten mit dem historischen Erbe diskutieren ab Mittwoch Experten in Wien.

Die "Liquidierung" der Habsburgermonarchie sei seit 1918 meist als großer Erfolg gefeiert worden, meinte Rumpler, einer der Mitorganisatoren der Konferenz der ÖAW unter dem Titel "Bewältigte Vergangenheit? Die nationale und internationale Historiographie zum Untergang der Habsburgermonarchie". Allerdings bilde sich heute mit der Europäischen Union wieder ein "Machtgefüge auf den gleichen Grundlagen", nämlich ein föderalistischer Staat, in dem alle Nationalitäten vereinigt sei, sagte der Historiker.

Er sieht die Monarchie auch als "Beispiel der Multikulturalität", wo in Gebieten wie der Bukowina verschiedene Volksgruppen in Parität nebeneinander gelebt haben."Die Probleme sind eins zu eins dieselben", so Rumpler weiter. Unter anderem musste sich auch die Verwaltung des Habsburgerreiches mit Migration sowie einer gemeinsamen Militär-, Außen- und Wirtschaftspolitik beschäftigen.

Ende einer jahrzehntelangen Arbeit

"Brüssel muss die Probleme, die die Habsburgermonarchie nicht bewältigen konnte, erst lösen", zeigte sich der Obmann der ÖAW-Kommission für die Geschichte der Habsburgermonarchie überzeugt. Auf Anregung der USA untersucht die Kommission seit 1959 die Geschichte der Habsburger - 2013 sind die Forschungen - und damit auch die Kommission - zu einem Abschluss gekommen. Das Symposium ist damit auch Endpunkt einer jahrzehntelangen Arbeit.

Neben den Gemeinsamkeiten und Differenzen steht dabei auch der Umgang der Nachfolgestaaten der k.u.k.-Monarchie mit den Habsburgern auf dem Programm. "Wir leben nach wie vor praktisch in der Habsburgermonarchie, wollen damit aber eigentlich nichts zu tun haben", meinte Rumpler. "Das halte ich für sehr bedenklich." Die Gründe dafür ließen sich etwa in der feudalstaatlichen Organisation und der Deklaration als katholisches Reich ausmachen: "Unser Parteienspektrum heute hat hier kein Identifikationspotenzial."

Antisemitischen Bodensatz nicht unterschätzen

Zudem sei die Elite des Habsburgerreiches jüdisch dominiert gewesen, man habe in einem Vielvölkerstaat gelebt, in dem alle Nationalitäten gleichgestellt waren. "Da darf man im problematischen Verhältnis zwischen Österreich und der Habsburgermonarchie einen gewissen antisemitischen und reichsdeutsch orientierten Bodensatz nicht unterschätzen", so der Historiker.

Im Fokus der Konferenz stehen aber auch die Situation in Ungarn, Tschechien, der Slowakei, Polen, Italien, dem ehemaligen Jugoslawien und der Ukraine. "Vor dem Ersten Weltkrieg lebte Mitteleuropa eigentlich unter einem 'pax austriaca', dann war es eher ein 'pax americana'- es wurde eine neue Weltordnung geschaffen", erklärte der Historiker. Eine neue Weltordnung, die sich noch heute auswirke, wie das aktuelle Beispiel der Ukraine zeige. "Wir stellen uns daher auch die Frage, wie haltbar ist diese neue Ordnung?", so Rumpler. (APA, 06.05.2014)


Symposium

"Bewältigte Vergangenheit? Die nationale und internationale Historiographie zum Untergang der Habsburgermonarchie"

7. bis 9. Mai 2014

Stiftskaserne
Stiftsgasse 2A, 1070 Wien

Theatersaal
Österreichische Akademie der Wissenschaften
Sonnenfelsgasse 19
1010 Wien

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