Experten fordern mehr Geld für Problemschulen

6. Mai 2014, 10:57
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Schulen in bestimmten Bezirken seien klar benachteiligt, sagen Experten - Geldflüsse sollten das ausgleichen

Wien - Um in Sachen Bildung besser abzuschneiden, müsste Österreich Schulen in bestimmten Bezirken besser ausstatten als andere, fordern Experten. Es sei nachgewiesen, dass zusätzliche Ressourcen für Gruppen mit besonderem Förderbedarf zu besseren Lernbedingungen führen können, begründet Arbeiterkammer-Bildungsexpertin Gabriele Schmid die Forderung in einer Aussendung.

Man könne mit dieser Methode die Spaltung in "gute" und "schlechte" Wohngegenden zwar nicht aufheben, aber immerhin an den Schulen einiges verbessern, betont Martin Schenk von der Armutskonferenz.

Weniger Schulabbrecher

Munition bekommen Armutskonferenz, Arbeiterkammer und die Initiative "Bildung grenzenlos" durch eine Studie des Instituts für Höhere Studien (IHS). Es gehe darum, nachteilige Faktoren, die bei den Eltern vorhanden sind, bei den Kindern auszugleichen, sagt Studienautor Hermann Kuschej. Indem man Schulen in sozial benachteiligten Bezirken mehr Geld oder Personal zur Verfügung stelle, könne man vermeiden, dass viele Jugendliche die Schule abbrechen und ganz aus dem System fallen.

Problembezirke definieren

Das Modell, das etwa in Australien und den Niederlanden bereits angewendet wird, sieht dabei nicht nur eine Berücksichtigung der individuellen Risiken wie Migrationshintergrund oder Eltern mit maximal Pflichtschulabschluss vor, sondern bezieht auch das Umfeld mit Wirtschaftslage bzw. Arbeitslosigkeit in Bezirk und Region mit ein. Sind die Problembezirke identifiziert, können die Mittel nach Bedürfnissen der einzelnen Schulen verteilt werden.

Solche Problemregionen sind neben einigen Wiener Bezirken wie Margarethen, Rudolfsheim-Fünfhaus und Hernals mit hohem Anteil an Migranten und Jugendarbeitslosigkeit etwa Landeck in Tirol und Bruck an der Mur in der Steiermark.

Frühe Aufteilung beenden

Kuschej stellt allerdings auch klar, dass eine geänderte Finanzierung alleine nicht viel bewirken könne. Notwendig sei die Kombination mit einer Verwaltungsreform, um durch mehr Effizienz Geld freizuspielen, aber auch ein Ende der frühen Aufteilung der Schüler in AHS und Neue Mittelschulen, wo Schüler mit Migrationshintergrund und Eltern mit geringer Bildung deutlich überrepräsentiert sind. Durch diese Segmentierung sei dem Einfluss der Schule, ein gleichmäßig hohes Kompetenzniveau zu vermitteln, nämlich "deutliche Grenzen gesetzt".

Ministerin offen

Bei Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) stößt die Forderung nach indexbasierter Schulfinanzierung übrigens auf offene Ohren. Mit den Tests der Bildungsstandards, bei denen auch Daten zum Hintergrund der Schüler erhoben werden, gehe man bereits in diese Richtung. Bei den Gesprächen mit den Ländern sollen in den kommenden Monaten mögliche Modelle einer solchen neuen Art der Finanzierung besprochen werden, hieß es aus dem Büro Heinisch-Hoseks.

Im Ö1-Mittagsjournal erklärte sich die Bildungsministerin bereit dazu, Problemschulen in Österreich "herauszufiltern", um sie dann mit mehr Mitteln auszustatten. Dafür steht allerdings kein neues Geld zur Verfügung, vielmehr müsste Heinisch-Hosek die Mittel innerhalb ihres Ministeriums umschichten.

Wirtschaft: "Schulverwaltung zertrümmern"

Die Wirtschaftskammer (WKÖ) hält eine Reform der Schulverwaltung in Österreich für unmöglich. "Die muss man zertrümmern und komplett neu aufsetzen", meinte der Leiter der bildungspolitischen Abteilung der WKÖ, Michael Landertshammer, am Dienstag vor Journalisten. Demnach sollten die Schulen Personalhoheit über die Lehrer bekommen, ein Globalbudget erhalten, über ihr Schulprofil mit Schwerpunkten entscheiden und Zielvereinbarungen abschließen. Diese würden durch eine externe Agentur überprüft, so Landertshammer - etwa dahin gehend, ob Rahmenlehrpläne eingehalten werden und wie viele Schüler die Schule absolvieren bzw. die Reife für die nächste Ausbildung erlangen. "Ich muss mich auch von Lehrern trennen können, umgekehrt sollen jene, die sich überengagieren, auch etwas davon haben." Gleiches gelte für Direktoren - auch diese sollten abberufen werden können.

Kompetenztechnisch würde der Bund dann die Rahmenbedingungen vorgeben, meinte Landertshammer. Den Schulen käme eine hohe Autonomie zu, dazwischen sollten regionale Einrichtungen das Angebot steuern. "Im Waldviertel gibt es derzeit vier Handelsakademien, aber kaum Betriebe, die Absolventen dieser Schulform brauchen." Die Länder müssten dagegen Kompetenzen abgeben - eine Verländerung des Schulwesens fände Landertshammer skurril: "Ich kenne kein einziges Beispiel in der Geschichte Österreichs, dass irgendetwas billiger geworden wäre, wenn man es den Ländern übergeben hat."

"Potenzialanalyse" mit 14 Jahren

Nägel mit Köpfen will die WKÖ auch beim Thema Bildungsberatung sehen. "Jedes Kind soll mit spätestens 14 Jahren eine Potenzialanalyse und professionelle Berufsorientierung kriegen." Das funktioniere im Großen und Ganzen ganz gut, in der AHS-Unterstufe aber gar nicht: "Dort will man ja möglichst nur die Struktur aufrechterhalten und die Kinder an der Schule halten." Landertshammer plädiert daher dafür, Berufsorientierung vom reinen Unterrichtsprinzip zum eigenen Gegenstand zu machen. Dies sei ohne Zusatzkosten machbar: "Man braucht dafür auch kein anderes Fach zu opfern, weil es ja auch jetzt schon stattfinden sollte." Nötig sei nur eine andere Einteilung der Stunden: "Das sind genau die Dinge, die man im Sinne einer richtig verstandenen Autonomie umsetzen kann." (APA, 6.5.2014)

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