Erstes Semifinale - Was euch heute Abend erwartet

Blog6. Mai 2014, 13:43
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Lasst die gesamteuropäische Party beginnen! Dieses Jahr mit offenem Ausgang wie noch nie

Außen die vermutlich hässlichste Halle, in der je ein Eurovision Song Contest stattgefunden hat. Innen eine enorm breite Bühne und die höchste Halle, die man sich vorstellen kann. Angeblich zählen ja ohnehin die inneren Werte. Und wer innere Werte besingen will greift gerne auf Balladen zurück. Und von diesen gibt es in der Ausgabe 2014 des Bewerbs geradezu eine Überdosis. In einem sind sich alle in Kopenhagen einig: Noch nie war es so schwer vorauszusagen, wer weiter kommen oder gewinnen wird. Es wird wohl knapp wie noch nie. Die Buchmacher haben die letzten Jahre den Sieger immer richtig getippt. Das wäre dann dieses Jahr Armenien.

Das erste Semifinale, das heute um 21 Uhr startet, beginnt mit Only Teardrops von Emmelie de Forest, dem Siegerlied des Vorjahres – mit ein bisschen mehr Trommeln, dem fast schon unvermeidlichen Kinderchor und virtueller Begleitung aus ganz Europa. Danach lernen wir die Moderatoren und Moderatorin kennen: Nikolaj Koppel, Pilou Asbæk und Lise Rønne. Vor allem Pilou Asbæk dürfte Serienjunkies durch seine Rolle als Kasper Juul in der Serie Borgen bekannt sein. Und dann geht’s auch los: 16 Lieder treten an. Sechs können noch heute Abend ihre Koffer packen, zehn werden wir am Finale am Samstag noch einmal hören. Und alle Österreicher und Österreicherinnen können sich gemütlich zurücklehnen. Wir können nämlich erst Donnerstag anrufen und mit abstimmen.

1. Armenien: Aram MP3 - "Not Alone"

Der große Favorit auf den Gesamtsieg eröffnet die diesjährige Ausgabe aus Kopenhagen. Es ist eine einfühlsame Ballade ohne Refrain, das leise beginnt und sich langsam dramatisch steigert. Wollen wir seine homophoben Witze über Conchita Wurst (für die er sich entschuldigte) kurz mal vergessen. Es ist schon ein recht beeindruckendes Lied, das er ganz alleine auf der Bühne bestreitet. In Kopenhagen wundern sich viele über die Favoritenrolle, manche – allem voran die Buchmacher – sind sich sicher, dass wir nächstes Jahr nach Jerewan fahren. Schauen wir mal.

Chancen fürs Finale: Wird sich qualifizieren. Alles andere wäre eine Sensation.

2. Lettland: Aarzemnieki - "Cake To Bake"

Die Letten backen uns einen Kuchen. Der schmeckt leicht, flockig und locker. Kuchen waren ja schon Inhalt mancher legendärer Lieder. Man denke an Donna Summers "McArthur Park". In die Musikgeschichte wird dieser Song wohl eher nicht eingehen. Fröhliches Gitarrengedudel von Straßenmusikanten, das man am Ende auch schon wieder vergessen hat. Weh tut’s aber nicht.

Chancen fürs Finale: Eher raus.

3. Estland: Tanja - "Amazing"

Wir bleiben im Baltikum. Und endlich Beats und Uptempo, die es 2014 nicht so oft zu hören gibt. Tanjas Stimme war in den Proben sehr oft sehr daneben. Absolutes Gehör dürfte sie eher nicht haben. Allerdings muss man auch ein bisschen nachsichtig sein. Sie muss singen während sie hoch gehoben, gedreht, durchchoreographiert, an den Füßen gehalten und von der Windemaschine nahezu weggeblasen wird. Also eh alles das, was Eurovision ausmacht. Trotzdem kein Knaller.

Chancen fürs Finale: Wird knapp.

4. Schweden: Sanna Nielsen - "Undo"

Der Fan-Favorit kommt wie jedes Jahr aus Schweden. Sanna Nielsen hat es bei ihrer siebten Vorausscheidungen endlich geschafft und darf das Nachbarland Dänemarks endlich vertreten. Die zeitgemäße Pop-Ballade "Undo" ist klassisch eurovisionesk. Sanna trällert im Lichtkäfig. Und die grammatikalischen Probleme der ursprünglichen Version mit der Zeile Undo my sad wurden mittlerweile auch behoben und lauten jetzt Undo my sad love. Schon schön das. Und Schwedenpop hat es einfach drauf. Nach der Probe des ersten Semifinales summt man es unabsichtlich vor sich hin. Einfach weil es hängen bleibt. Ohrwurm nennt man sowas.

Chancen fürs Finale: Weiter

5. Island: Pollapönk - "No Prejudice"

Nicht nur Conchita Wurst wirbt dieses Jahr für Respekt und Toleranz, sondern auch die Isländer mit der Band Pollapönk. Allerdings in diesem Fall nicht mit einer Ballade, sondern mit Spaß-Punk-Rock. Einer der Bandmitglieder, Óttarr Proppé, ist sogar Abgeordneter der Partei Leuchtende Zukunft im Althing, dem isländischem Parlament. Das Lied ist ansteckend fröhlich, lebens- und menschenbejahend, gegen Vorurteile (und daher eine ganz passende Botschaft vor den Europawahlen) und daher eine gute Sache.

Chancen fürs Finale: Ich will das im Finale haben. Also Europa, gönnt mir das!

6. Albanien: Hersi - "One Nights Anger"

Das albanische Siegerlied wurde für den Song Contest ins Englische übersetzt, obwohl man sich beim Zuhören nicht ganz sicher ist, ob dies wirklich geschehen ist. Allerdings sind die unglaublichen englischen Akzente aller Art immer wieder ein Genuss bei diesem Bewerb und gehören dazu wie die Windmaschinen! Hersi steht auf einem Podest und singt gerne mit erhobener Hand, wenn nicht eben gerade ein Gitarrensolo stört. Und dann war das Lied auch schon wieder vorbei und lässt (zumindest mich) etwas ratlos zurück.

Chancen fürs Finale: Ich tippe auf Ausscheiden.

7. Russland: Tolmachevy Sisters - "Shine"

Österreich hatte 2013 mit diesem Songtitel kein Glück, Jedward, die Zwillinge aus Irland, konnten 2011 und 2012 auch nicht gewinnen. Russland versucht es trotzdem mit Zwillingen und "Shine" und wippen sich über die Bühne mit einer eingängigen, aber recht mittelmäßigen Popnummer. Und als übernächster Beitrag kommt dann ja die Ukraine. Politische Brisanz ist Teil der diesjährigen Ausgabe. Ob man deshalb Russland dieses Jahr boykottiert oder erst recht anruft? Ich weiß es nicht. Möge nur der Musikgeschmack Europas entscheiden. Die Tolmachevy-Schwestern gewannen 2006 übrigens den Junior Eurovision Song Contest, die in Österreich unbekannte Kinder-Ausgabe des Gesangwettbewerbs.

Chancen fürs Finale: Intakt, weil halt Russland.

8. Aserbaidschan: Dilara Kazimova - "Start A Fire"

Aserbaidschan landete immer vorne, seit das Land dabei ist. Dieses Jahr schicken sie eine stille Ethno-Ballade und Trapezartistin. Im Kopenhagener Pressezentrum teilen sich die Meinungen erheblich: Die einen sehen "Start A Fire" nicht einmal im Finale, andere halten es für ein Geheimfavorit. Ich gehöre eher zu letzteren. Ich glaube, dass dafür viele Menschen anrufen werden und viele Juroren und Jurorinnen das mögen werden. Einziges Fragezeichen: In den Proben war sie einmal stimmlich fulminant, dann wieder äußerst wackelig.

Chancen fürs Finale: Weiter.

9. Ukraine: Mariya Yaremchuk - "Tick - Tock"

Ein bisschen mehr Uptempo tut zu diesem Zeitpunkt des Bewerbs richtig gut. Und als ob die Ukraine die politische Situation visualisieren möchte, befindet man sich während Tick - Tock in einem Hamsterrad. Und wie für Russland gilt: Möge nur der Musikgeschmack Europas entscheiden. Mir persönlich gefällt dieses Liedchen besser als das der russischen Zwillinge.

Chancen fürs Finale: weiter

10. Belgien: Axel Hirsoux - "Mother"

Apropos Ukraine: Ruslana, die ukrainische Siegerin 2005, war dieses Jahr Jurorin der belgischen Vorausscheidung. Und sie war überzeugt, dass wenn Belgien Axel Hirsoux nach Kopenhagen schicken würde, das Land den Bewerb gewinnen wird. Ich bin mir da ja nicht so sicher. So kurz vor Muttertag eine derart schmalzige Ballade über Mütter zu schicken, ist aber natürlich eine nicht blöde Strategie. Vorausgesetzt man mag Schmalz. Weil mehr triefender Schmalz geht nicht.

Chancen fürs Finale: weiter

11. Moldawien: Cristina Scarlat - "Wild Soul"

Osteuropäischer Windmaschinen-Powerpop bietet uns Moldawien dieses Jahr, das fast immer locker ins Finale kam. Aufgrund der vielen Ex-Sowjetstaaten im ersten Semifinale könnte das wieder passieren. Dieses Jahr dürfte es aber knapper werden.

Chancen fürs Finale: wird knapp.

12. San Marino: Valentina Monetta - "Maybe (Forse)"

San Marino ist tapfer und versucht es zum dritten Mal hintereinander mit der selben Interpretin. Vor genau 50 Jahren klappte das ja, als Österreich zum ersten Mal Udo Jürgens (übrigens in Kopenhagen) ins Rennen schickte und beim dritten Antreten dann endlich gewann. Das ist bei San Marinos Beitrag – wieder eine Ralph Siegel-Komposition – nicht zu erwarten. Das Lied ist hoffnungslos langweilig. Böse Zungen behaupten, demnächst würde sie mit dem Titel "I Hate Eurovision" noch einmal ins Rennen gehen.

Chancen fürs Finale: raus.

13. Portugal: Suzy - "Quero ser tua"

Ich persönlich würde Portugal einen Sieg ja wirklich mal gönnen. Seit genau 50 Jahren ist das Land dabei und konnte noch nie gewinnen. 2014 wird das aber leider auch nicht passieren. Nach dem Balladenüberfluss tut diese belanglose Feelgood-Nummer aber eh irgendwie gut. Und vielleicht hilft das ja auch? Wer Lambada mag, wird dafür vielleicht anrufen. Für den Strand nach zu vielen – sehr, sehr vielen! – Caipirinhas erträgt man sogar das.

Chancen fürs Finale: Eher nicht.

14. Niederlande: The Common Linnets - "Calm After The Storm"

Die Niederlande wiederholen das Konzept des Vorjahres: Ganz untypische Nummer für Eurovision. Und - wie ich finde - eine wunderbare Nummer. Aber vielleicht höre und sehe ich das auch durch die niederländische Brille. „Calm After The Storm“ ist eine Country-Nummer, die man sich am liebsten in einem Cadillac auf der Route 66 anhören möchte. Wenig Show, sondern einfach zwei Menschen, die unprätentiös gute Musik machen. Nicht mehr und nicht weniger. Und gerade deshalb so schwer einzuschätzen.

Chancen fürs Finale: Ich hoffe es.

15. Montenegro: Sergej Ćetković - "Moj Svijet"

Die Balkanländer zogen sich – zumeist aus finanziellen Gründen – vorübergehend von Eurovision zurück. Kein Serbien, kein Kroatien, kein Bosnien-Herzegowina. Dafür schickt Montenegro eine Balkan-Ballade in bester ex-jugoslawischer Tradition ins Rennen und erinnert an legendäre Beiträge ihrer Nachbarn. Nur die Rollschuhfahrerin stört gewaltig. Traurig, wie man ein schönes Lied durch die Darbietung so zerstören kann. Wird wohl nicht nur deshalb knapp, weil auch die Punktelieferanten vom Balkan dieses Jahr fehlen. Aber dafür kann Montenegro Diaspora-Stimmen sammeln.

Chancen fürs Finale: wird knapp.

16. Ungarn: András Kállay-Saunders - "Running"

Ungarn gilt als Geheimfavorit, der am Samstag noch alle überraschen könnte. Budapest als Austragungsort 2015 scheint durchaus möglich, denn unser Nachbar schickt ein sehr zeitgemäßes und verdammt gutes Lied ins Rennen. András Kállay-Saunders überzeugt in dieser Drum&Bass-Nummer und sieht auch noch gut aus. Der Song ist sehr ernst, denn es geht um Kindesmissbrauch.

Chancen fürs Finale: weiter.

(Marco Schreuder, derStandard.at, 6.5.2014)

Marco Schreuder, 1969 in den Niederlanden geboren, ist seit 1976 Eurovision Song Contest-Fan. Gerade erst nach Österreich übersiedelt begeisterten ihn die Bilder vom Austragungsort '76. Denn in Den Haag lebten seine Großeltern. Seitdem ist er standhafter Europäer und Eurovision-Fan und hat keinen einzigen Song Contest ausgelassen. Im Brotberuf sitzt er für die Grünen im Bundesrat und ist Einzelunternehmer. Als Letzterer war er im Team von Nadine Beiler in Düsseldorf 2011. Sein Lieblingsbeitrag aller Zeiten: Alice & Battiato - I treni di Tozeur, Italien 1984. Für derStandard.at ist er bereits seit dem den Song Contest 2012 in Aserbaidschan dabei und bloggt auch heuer in Kopenhagen wieder vor Ort mit Alkis Vlassakakis, der filmt und fotografiert.

  • Schiffswerft in den eher verlassenen Docks Refshaleøen in Amager, Kopenhagen.
    foto: alkis vlassakakis

    Schiffswerft in den eher verlassenen Docks Refshaleøen in Amager, Kopenhagen.

  • Der Favorit der Buchmacher: Aram MP3 aus Armenien.
    foto: sander hesterman (ebu)

    Der Favorit der Buchmacher: Aram MP3 aus Armenien.

  • Ein isländischer Parlamentarier mit seiner Band Pollapönk und einem Lied vom US-amerikanischen Songwriter John Grant.
    foto: sander hesterman (ebu)

    Ein isländischer Parlamentarier mit seiner Band Pollapönk und einem Lied vom US-amerikanischen Songwriter John Grant.

  • Ernstes Lied über Kindesmissbrauch, moderner Pop, toller Sänger: Der Ungar András Kállay-Saunders.
    foto: thomas hanses (ebu)

    Ernstes Lied über Kindesmissbrauch, moderner Pop, toller Sänger: Der Ungar András Kállay-Saunders.

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