Der Meister findet seinen Meister

6. Mai 2014, 10:20
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Snooker-Genie Ronnie O'Sullivan muss sich im WM-Finale Mark Selby geschlagen geben und verpasst sechsten Titel

Sheffield/Wien – Da fand Ronnie O'Sullivan doch noch seinen Meister. Mark Selby ist aber auch ein ziemlich hartnäckiger Gegner. O'Sullivan, Beiname "The Rocket", versteht sich bestens darin, auf dem Snooker-Tisch exakt, schnell zu spielen und Bälle zielsicher zu lochen. Darum, letztlich, geht es in dieser Billard-Variante. Aber manchmal geht es auch darum, es dem Gegner möglichst schwer zu machen, ihn mit "Safetys" in die Bredouille zu bringen. Darin versteht sich Selby bestens. Des Öfteren nimmt sich der 30-jährige Engländer etwas mehr Zeit, um seine Stöße zu planen. Das mag einen Gegner, der lieber schnell spielt, nerven. Aber Snooker ist ein Gentleman-Sport. Man lässt sich nichts anmerken.

Genie und Enfant terrible

Ronnie O'Sullivan ist früher das ein oder andere Mal der Geduldsfaden gerissen. Er ist der Usain Bolt, der Roger Federer, der Tiger Woods seiner Sportart. Wer kaum eine Ahnung vom Snooker hat, hat wenigstens von ihm, dem 38-jährigen Engländer, schon gehört. Er ist das Snooker-Genie. Ist O'Sullivan in Form, kann ihm kaum jemand das Wasser reichen. Aber er ist auch das Enfant terrible – hatte Drogenprobleme, agiert lustlos, gibt noch nicht verlorene Partien auf (ein No-Go im Snooker), leistet sich markige Sprüche, wurde des Öfteren schon zu Strafzahlungen verdonnert. Gibt seinen Rücktritt bekannt, um dann doch immer wieder zurückzukehren.

Snooker braucht O'Sullivan. Aber O'Sullivan braucht Snooker nicht mehr so sehr. Der Mann aus den West Midlands leidet unter Depressionen. Eine Erklärung für seine Eskapaden. Er hat sie jetzt besser im Griff. Ein Psychologe hilft.

"Früher hätte ich solche Spiele aufgegeben", sagte O'Sullivan nach dem WM-Finale im Crucible Theatre zu Sheffield. Er war der große Favorit auf seinen sechsten Titel, den dritten in Folge, gewesen. Vor allem, weil er in diesem Jahr das Geduldspiel vorzüglich vortrug, anfangs auch im Finale. Selby, genannt "The Jester from Leicester", hielt den Rückstand mit 7:10, davor war er schon mit 3:8 hinten gelegen, nach dem ersten Finaltag aber in Grenzen. An Tag zwei lief er zur Hochform auf. Im taktischen Spiel, wie auch im lochen.

Der Engländer gehört nach dem 18:14-Triumph zum elitären Kreis jener, die das Triple der drei wichtigsten Turniere (Masters, UK Championship und WM) gewonnen haben. Er übernahm zudem die Führung in der Weltrangliste. "Es gibt keine bessere Art, Weltmeister zu werden, als Ronnie im Finale zu besiegen", sagte Selby. "Er war der bessere Spieler", konstatierte O'Sullivan, der nun eine sechsmonatige Auszeit einlegt. Aber der Meister wird zurückkehren. Der Sport braucht ihn. "Ich glaube nicht, dass Snooker ohne mich tot wäre", hat O'Sullivan einmal gesagt, "aber mit mir ist Snooker viel besser." (rie, DER STANDARD, 7.5.2014)

  • Triumph.
    foto: ap/ anna gowthorpe

    Triumph.

  • Beute.
    foto: ap/ anna gowthorpe

    Beute.

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