"Südafrika braucht frischen Wind"

6. Mai 2014, 05:30
posten

Viele Erstwähler ehren Mandelas Andenken zwar, wollen aber einen Wechsel

Mpho Tsotesti steckt voller Energie. Sie freut sich auf die Wahlen am Mittwoch. "Ich kann es kaum erwarten. Ich darf zum ersten Mal wählen." Die 19-jährige Schülerin aus der Township Boipatong hat sich lange vorbereitet, um sich eine politische Meinung zu bilden: Bereits nach dem Tod Nelson Mandelas im Dezember wollte sie weg von Mandelas Partei: "Sein Erbe soll weiterleben, aber nicht auf eine korrupte Art. Südafrika braucht einen Wandel, frischen Wind!"

Das Mädchen mit dem rötlich-gefärbten Bubikopf gehört zu den "born-frees" in Südafrika, der jungen Generation, die voller Hoffnung und ohne die seelischen Belastungen der Apartheid in die Zukunft blicken. Sie sind dankbar, dass Mandela und dessen Partei ANC ihnen ein besseres Leben ermöglicht. Aber wenn am Mittwoch die Wähler zur Urne gehen, werden viele Jugendliche nicht ihr Kreuz beim ANC setzen.

Die junge Mpho will in der kleinen Stadthalle in Boipatong die Geschicke ihres Landes mitbestimmen, indem sie der größten Oppositionspartei, der Demokratischen Allianz (DA) ihre Stimme gibt. "DA ist entschlossen, einen Wandel einzuleiten. Sie werden die hohe Arbeitslosigkeit verringern und die schlechte Infrastruktur verbessern", sagt Mpho überzeugt. Sie fühle sich geehrt, mit ihrer Stimme etwas Gutes für ihr Land zu tun.

Die vielen ANC-Poster in den holprigen Straßen von Boipatong beeindrucken sie nicht. "Der ANC sagt, wir sollen es für Madiba (Mandela, Anm.) tun. Sie manipulieren die Leute. Sie sollen wählen, um Madibas Erbe zu erhalten. Aber wir Jugendlichen sind unglücklich über den ANC. Die Älteren werden die Partei wohl weiter unterstützen."

Aber auch viele Ältere sind mit dem ANC unzufrieden. Soziale Unruhen kennzeichnen die Lage; die Arbeitslosigkeit ist gestiegen, die Wirtschaft durch Streiks verlangsamt. Gerade junge Leute finden es schwer, nach Schulabschluss in den Arbeitsmarkt einzusteigen.

Viele sind frustriert und wählen gar nicht. Andere wenden sich der radikalen EFF zu, die der frühere ANC-Führer Julius Malema nach dem Rausschmiss aus dem ANC gegründet hat. Er hetzt nicht nur gegen Präsident Jacob Zuma, sondern auch gegen die weiße DA-Führerin Helen Zille.

Stimme für die Opposition

Für Mpho ist die DA nicht zu weiß. Sie kann sich auch mit einer gemischten Partei und ihren Zielen identifizieren. Sie ist im September 1994 geboren, kurz nach dem Wunder der politischen Befreiung. Ihre Mutter ist längst verstorben, niemand in der Familie kümmert sich um sie.

Mpho, selbst schon Mutter einer dreijährigen Tochter, arbeitet hart, und ihre Schulnoten weisen auf eine gute Zukunft hin. Während ihr Freund Lucky aus Verdruss nicht zur Wahl gehen wird, findet Mpho, das sei ihre neu errungene Bürgerpflicht: "Mandela hat einmal gesagt, Erziehung ist die stärkste Waffe gegen die Armut." Daraus schöpft sie ihre Kraft: "Ich will nicht arm bleiben." (schwi/DER STANDARD, 6.5.2014)

  • Die 19-jährige Schülerin Mpho Tsotesti darf erstmals zur Wahl gehen.  
    foto: standard/martina schwikowski

    Die 19-jährige Schülerin Mpho Tsotesti darf erstmals zur Wahl gehen.  

Share if you care.