Marguerite und der Hirsch

5. Mai 2014, 18:02
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Charles Gounods "Faust" an der Wiener Staatsoper

Wien - Hochkultur ist ja, gesamtgesellschaftlich gesehen, Subkultur. Bemerkenswert also, wie präsent die museale Gattung Oper ob des Starprinzips im Boulevard noch ist. Themen der letzten Woche etwa: die Gottschalks bei einem Lohengrin in der Staatsoper; Placido Domingo, der vor dem Wiener Nabucco noch schnell zum CL-Halbfinale nach München jettet. Und Sopranistin Anna Netrebko mit ihrem neuen Freund im Publikum des Gastspiels des Bolschoi-Theaters im Theater an der Wien.

Die Sopranistin hätte ja an der Staatsoper die Marguerite an der Seite ihres ehemaligen Lebensgefährten Erwin Schrott singen sollen, doch machten hier unvorhergesehene Umstände einen Strich durch die Planungen: Die Netrebko sah sich der Sache nicht gewachsen. An ihrer Stelle kam Sonya Yoncheva zu ihrem Rollendebüt am Haus: Sie bewältigte es souverän. Yoncheva spannte einen vokalen Bogen von der Leichtigkeit der Unschuld bis zu üppiger Dramatik. Piotr Beczala erwischte in der Titelpartie einen nicht ganz so idealen Abend.

Erwin Schrott erinnerte als Méphistophélès an Jude Laws Gigolo Joe in Spielbergs Film A.I. und war ganz marionettenhafter, affektiert-eitler Gockel. Gesanglich gab er in uniformer Weise den röhrenden Hirsch: jeder Ton eine brunftähnliche Männlichkeitsdemonstration. Intensiv Stephanie Houtzeel als Sièbel, etwas strapaziert Adrian Eröd als Valentin. Solide Jongmin Park (Wagner) und Aura Twarowska (Marthe).

Bertrand de Billy koordinierte die Unternehmung erstklassig - also mit Energie, Eleganz und Präzision; kraftvoll die tiefen Streicher des Staatsopernorchesters. Ein Höhepunkt des Abends auch der Staatsopernchor (Leitung Thomas Lang), speziell der Männerchor im vierten Akt: differenziert und intensiv in der Zartheit wie auch in der Wucht. Es folgte somit freudvoller Beifall. (Stefan Ender, DER STANDARD, 6.5.2014)

10. Mai, 19.00

  • Erwin Schrott: Vokaldemonstration der Männlichkeit.
    foto: michael poehn / wiener staatsoper

    Erwin Schrott: Vokaldemonstration der Männlichkeit.

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