Cannabis: Zugedröhnt am Steuer sitzen

7. Mai 2014, 09:53
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Alkohol am Steuer lässt sich mit Messgeräten prüfen, Drogen wie Amphetamine oder Cannabis bleiben meist unentdeckt - dabei sind sie mindestens so gefährlich

Eine ruhige Landstraße an einem Samstagabend irgendwo in Europa: Es gibt nicht viel Verkehr, doch die Polizei ist trotzdem wachsam. Ein Streifenwagen kontrolliert die Strecke. Die Beamten halten Ausschau nach betrunkenen Verkehrsteilnehmern, die hier immer wieder herumfahren. Nach gut einer Stunde scheinen die Ordnungshüter fündig zu werden. Vor ihnen fährt ein Auto einen schlängelnden Kurs. Die Polizisten stoppen das Fahrzeug und kontrollieren den Fahrer auf Alkoholkonsum. Der Atemtest zeigt 0,0 Promille an, der Mann hat demnach nichts getrunken.

Unerwünschte Zusatzeffekte

Stig Tore Bogstrand kennt solche Fälle. Oft haben fahruntüchtige, aber nicht betrunkene Automobilisten Amphetamine in Kombination mit anderen Drogen geschluckt, erklärt der am Norwegischen Institut für Volksgesundheit in Oslo tätige Forensiker. Amphetamine sind in manchen Personenkreisen ein beliebtes Aufputschmittel. "Die eingenommenen Dosen sind oft sehr hoch, 500 bis 1.000 Milligramm pro Tag, und das für mehrere Tage hintereinander."

Die Konsumenten leiden unter Ruhelosigkeit, Übererregung und Paranoia. Um solche unerwünschten Zusatzeffekte zu mildern, nehmen sie auch Benzodiazepine wie Valium oder Rivotril zu sich. Hohe Amphetamindosen können die Neigung zu riskantem Fahrverhalten steigern, während die Benzodiazepine gleichzeitig die Fehleranfälligkeit des Fahrers erhöhen und seine Reaktionsgeschwindigkeit senken, betont Bogstrand. Eine gefährliche Kombination.

Wie oft derart beeinträchtigte Automobilisten und andere unter Drogeneinfluss stehende Verkehrsteilnehmer tatsächlich von der Polizei gefasst werden, hat Stig Tore Bogstrand zusammen mit seinem Kollegen Hallvard Gjerde im Rahmen einer bisher einzigartigen Erhebung untersucht.

Einzigartige Erhebung

Die Forscher nahmen die offiziell gemessenen Blutwerte von insgesamt 2.738 wegen Verdachts auf Drogenkonsum verhafteten Autofahrern und verglichen diese Daten mit den Analyseergebnissen von Speichelproben, die man nach dem Zufallsprinzip bei weiteren 9.375 Fahrern im normalen Verkehr genommen hatte. Letztere dienten als Kontrollgruppe. Alkoholisierte Personen wurden in der Analyse nicht berücksichtigt.

Die Ergebnisse der Studie zeigen mehrere Trends auf. Bei den wegen Drogenverdachts festgenommenen Verkehrsteilnehmern - 794 von ihnen waren auch an einem Unfall beteiligt - hatten knapp 76 Prozent illegale Substanzen oder unerlaubt hohe Konzentrationen psychoaktiver Medikamente im Blut. Bei den zufällig genommenen Proben ließen sich solche Stoffe nur in zwei Prozent der Fälle nachweisen.

Unter den Festgenommenen waren die Amphetaminkonsumenten am häufigsten vertreten. Der Cannabiswirkstoff THC und Beruhigungsmittel Zopiclon dagegen wurden bei den Kontrollpersonen als wichtigste Substanzen nachgewiesen. Je 0,58 Prozent der Untersuchten hatten deutliche Spuren davon im Speichel (vgl.: Forensic Science International, Online-Vorabveröffentlichung).

Alle Arten von Drogen

Aus den gewonnenen Zahlen konnten Bogstrand und Gjerde zusätzlich das relative "Verhaftungsrisiko" von Autofahrern im Drogenrausch berechnen. Demnach landen vor allem die eingangs erwähnten Mehrfachkonsumenten von Amphetaminen und Benzodiazepinen häufig in Polizeigewahrsam. Ihr Fahrverhalten ist zu auffällig, und dementsprechend oft sind sie auch in Kollisionen verwickelt.

Ein ähnlich hohes Risiko ermittelten die Experten für Menschen unter Einfluss von zwei oder mehr legalen psychisch wirksamen Medikamenten. Am seltensten werden den Berechnungen nach solche Fahrer gefasst, die nur Cannabis, Codein, Zopiclon oder Methadon genommen haben. Das heißt gleichwohl nicht, dass von diesen Drogen keine Verkehrsgefährdung ausgeht. THC zum Beispiel wurde bei mehr als 15 Prozent der untersuchten, nichtalkoholisierten Unfallfahrer nachgewiesen.

Die Analyse der norwegischen Wissenschafter ist Teil der in 15 europäischen Staaten durchgeführten Druid-Studie zum Thema Autofahren unter Einfluss von Alkohol, Drogen und Medikamenten. Das Projekt hat einige beunruhigende Ergebnisse zutage gebracht. Zwar ist die übergroße Mehrheit der Automobilisten auf unserem Kontinent nüchtern, doch gleichzeitig sitzen durchschnittlich dreieinhalb Prozent im angetrunkenen Zustand hinter dem Steuer. 

Zugedröhnte Fahrer

THC wird bei insgesamt 1,32 Prozent der Fahrer nachgewiesen, und besonders gefährliche Drogenkombinationen bei 0,39 Prozent. Mit anderen Worten: Auf einer Straße mit einem Verkehrsaufkommen von 10.000 Fahrzeugen sind täglich statistisch 39 vollkommen "zugedröhnte" Personen motorisiert unterwegs. Die Zahlen können regional und zeitlich bedingt erheblich schwanken. Der höchste Anteil an autofahrenden Mehrfachkonsumenten findet sich mit 1,22 Prozent in Italien, während es in Litauen nur 0,03 Prozent sind. Aus Österreich liegen keine im Rahmen der Druid-Erhebung ermittelten Zahlen vor.

Einer früheren norwegischen Studie zufolge sind Rauschfahrer erstaunlich oft Wiederholungstäter - trotz Vorbestrafung. Von den Konsumenten illegaler Drogen, die von der Polizei gefasst wurden, kamen 71 Prozent im Verlauf von 14 Jahren früher oder später wieder wegen Autofahrens unter Drogeneinfluss in Gewahrsam. Bei den alkoholisierten Automobilisten betrug diese Zahl 40 Prozent (vgl.: Drug and Alcohol Dependance, Bd. 66, S. 85). Dauerhafter Führerscheinentzug ist in solchen Fällen kein wirksames Gegenmittel. Viele fahren einfach ohne gültige Papiere. (Kurt de Swaaf, DER STANDARD, 7.5.2014)

  • Null Promille, aber trotzdem fahruntüchtig. Vor allem Amphetamine wirken sich auf Wahrnehmung und Selbsteinschätzung aus. Riskantes Fahrverhalten und Rasen können eine Folge davon sein.
    foto: picturedesk

    Null Promille, aber trotzdem fahruntüchtig. Vor allem Amphetamine wirken sich auf Wahrnehmung und Selbsteinschätzung aus. Riskantes Fahrverhalten und Rasen können eine Folge davon sein.

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