Wie bin ich, wenn ich krank bin?

6. Mai 2014, 13:06
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Eine neue Typologisierung soll Patienten und ihre Wertvorstellungen besser als bisher erfassbar machen

Wien - Sie sind wie ein Mantra in der Gesundheitspolitik. Egal welches Anliegen umgesetzt werden soll, es geschieht stets nur "zum Wohle der Patienten und Patientinnen". Das sagen Politiker, Vertreter von Hauptverband, Ärzteschaft und Pharmaindustrie gleichermaßen. Die Frage, was genau diese immer wieder instrumentalisierte Bevölkerungsgruppe will, wurde bisher selten gestellt. "Der Patient - ein unbekanntes Wesen" ist der Titel einer Studie, die der Pharmakonzern Janssen-Cilag vergangene Woche in Wien präsentierte. 

Sinus-Milieus

"Wir wollten wissen, wie die verschiedenen Bevölkerungsgruppen ticken und welche Einstellung sie zu Gesundheit haben," sagte Janssen-Geschäftsführer Erich Eibensteiner, der zu diesem Zwecke das Meinungsforschungsinstitut Integral beauftragt hatte. Wurden Patienten bisher immer nur unter den vier Kategorien - Geschlecht, Alter, Einkommen und Bildung - betrachtet, ergab sich durch das Instrument der sogenannten Sinus-Milieus ein sehr differenziertes Bild.

Sinus-Milieus gruppieren die Gesellschaft nach ihrer Wertorientierung und Lebenseinstellung und verbinden sie mit den bisher etablierten Kategorien. Für Österreich wurden von Integral zehn Kategorien entwickelt. Traditionell eingestellte Menschen sind autoritätsgläubig, halten sich auch im Falle der Krankheit an Vorgaben.

Doch je individualisierter und auf Selbstverwirklichung ausgerichtet die Lebenseinstellung ist, umso stärker wirkt sich das auch aufs Gesundheitsverhalten aus. Während sich die Gruppe der Performer Eigenverantwortung auf die Fahnen heften will, betrachten die Hedonisten das Leben eher fatalistisch und leben im Moment und insofern oft ungesund.

Eine überaus anspruchsvolle Gruppe sind die der digitalen Individualisten, die selbst recherchieren und Diagnosen schnell infrage stellen. Prekär in vielen Aspekten wiederum ist die konsumorientierte Basis, also die resignierte Unterschicht, die sich benachteiligt fühlt, kommunikativ schwer zu erreichen ist und insgesamt kaum Ressourcen für gesunde Lebensführung hat.

Wegweiser für Neugestaltung

"Im Gesundheitswesen sind wir in einer Art Blindflug unterwegs, die Sinus-Milieus könnten eine Art Blindenstock sein", sagt Patientenanwalt Gerald Bachinger. Entscheidend sei, wie sich diese zielgruppenspezifische Herangehensweise auch im bestehenden System abbilden und verankern lässt

Konkret geht es um den sogenannten "Best point of service", also den Ort, wo sich Patienten Behandlung abholen. Bachinger betont, dass telefon- und webbasierte Applikationen als erste Anlaufstelle für Ratsuchende eine wichtige Rolle in der Zukunft spielen könnten. Zudem sollte für Patienten auch die Qualität einer Behandlung im Vergleich ersichtlich sein können. Transparenz in Bezug auf ärztliche Leistung und Behandlungserfolg sind hier die Kriterien, aus denen sich Patientenzufriedenheit ergibt.

Sinus-Milieus greifen nicht nur bei der Typologisierung von Patienten, sondern vor allem auch in Fragen der Prävention. Krankheit und Lebensstil stehen in einer unmittelbaren Wechselwirkung. "In der Medizin geht es ja oft um Verhaltensänderung. Das sind schwierige Prozesse", resümiert Eibensteiner. (Karin Pollack, DER STANDARD, 6.5.2014)

  • Nicht jeder Patient ist gleich. "Im Gesundheitswesen sind wir in einer Art Blindflug unterwegs, die Sinus-Milieus könnten eine Art Blindenstock sein", sagt Patientenanwalt Gerald Bachinger.

    Nicht jeder Patient ist gleich. "Im Gesundheitswesen sind wir in einer Art Blindflug unterwegs, die Sinus-Milieus könnten eine Art Blindenstock sein", sagt Patientenanwalt Gerald Bachinger.

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