Auf einen Sprung nach Echternach

6. Mai 2014, 16:55
6 Postings

Bei der Springprozession hüpfen einmal im Jahr Tausende durch eine Luxemburger Stadt. Ein Selbstversuch

An einem einzigen Tag im Jahr wird in Luxemburg das Mittelalter lebendig. Quietschlebendig sogar, und das ausgerechnet durch eine recht eigenwillige Art, eine katholische Prozession zu begehen. Die sogenannte Echternacher Springprozession unterscheidet sich von den anderen europäischen - wie etwa der berühmtesten in Sevilla - schon einmal durch das bizarre Datum: Immer am Dienstag nach Pfingsten, und heuer am 10. Juni, erklären sich offensichtlich bis zu 9000 Menschen bereit, den feschen Stadtkern von Echternach hüpfend zu durchqueren.

Die Ursprünge dieser Wallfahrt zum Grab des Heiligen Willibrord (658- 739), der das Kloster von Echternach gründete, liegen im Dunkeln. Es wird angenommen, dass sie der Heilung von Psychosen und der Epilepsie dienen sollte oder auch dem Schutz davor.

Die Prozession beginnt am frühen Morgen im Stiftshof. Dort werden 44 Abteilungen gebildet, jeweils aus einer Musik- und einer Tanzgruppe. Die "Springerinnen" und Springer" kommen in Casual Wear, jedenfalls in dunklen Hosen oder Röcken und weißen Hemden oder Blusen. Sie bilden Fünferreihen und halten einander durch zum Dreieck gefaltete weiße Taschentücher fest. Dann geht es zu den Klängen einer genau festgelegten polkaartigen Melodie los.

Höchstens hüpfen

Erst einmal ist man enttäuscht. Was soll denn das? Hier wird ja gar nicht gesprungen, hier wird maximal gehüpft. Die Teilnehmer machen einen Schritt zur Seite, abwechselnd nach links und nach rechts. Das Ganze, indem sie bei jedem Schritt kurz auf einem Fuß verweilen und dann mit dem anderen zum nächsten Schritt ansetzen. Dazu ist man hierher gekommen? Dafür vergab die Unesco 2010 den Titel des immateriellen Welterbes? Für eine Pfarrvereinsveranstaltung, gegen die sich jede All-inclusive-Clubanimation wie eine Massenorgie ausnimmt?

Erst in der Kathedrale geht es wirklich los. Durch den Ortswechsel nimmt die Veranstaltung mit einem Mal einen vollkommen anderen Charakter an. Allein schon die Anwesenheit einer Blaskapelle in der Kirche - wo sie naturgemäß nicht hingehört - und ihr Vorbeizug am Hochaltar haben etwas zutiefst Blasphemisches. Auf einmal erhebt das "finstere" Mittelalter trotz aller katholischen Domestizierungsversuche sein archaisches Haupt.

Diese eine, ewig gleiche Melodie wird immer und immer wieder wiederholt, und mit der Zeit verwandelt sie sich aufgrund des Einsatzes der Blechinstrumente und den starken Widerhall durch die hohen Kreuzgewölbe in einen infernalischen, nervenzerfetzenden Lärm. Kaum atmet man kurz auf, weil eine Abteilung die Kirche verlässt, gibt ein Ordner mit einem weißen Handschuh seinem Kollegen am Eingang ein Zeichen: Der nächste Pilgerpulk betritt das Gotteshaus. Nun weiß man zwar, dass jede Ekstase nur durch Repetition zustande kommt, hat aber nicht geahnt, dass der Weg zu ihr so beschwerlich ist.

Ehrgeiz und Wahnsinn

Man hält es bald nicht mehr aus, spielt mit dem Gedanken, den Ort fluchtartig zu verlassen. Aber man schafft es nicht - weil man sich wie in einem magischen Kreis gefangen fühlt. Dann erwacht der Ehrgeiz. Die wollen mich in den Wahnsinn treiben? Mit so einer primitiven Methode? Ich bleibe.

Mit diesem Entschluss wachsen einem übermenschliche Kräfte zu. Man erträgt die regelmäßigen Attacken auf das eigene Nervenkostüm nicht nur, man ersehnt die nächsten sogleich herbei. Durch gelegentliche Beschwichtigungsversuche - Variationen des Themas mit Mandolinen, Flöten und Violinen anstelle von Blechbläsern - wiegt man sich in Sicherheit. Doch die nächste Tschinelle kommt bestimmt. Man hält durch, schließt Wetten auf sich selbst ab und zählt bis vierundvierzig. Die letzte Springerpartie verlässt das Kirchenschiff, erst dann ist der Spuk wirklich vorbei. Es tritt Stille ein. Man hat gewonnen.

Anscheinend geht es vielen Einheimischen ebenso. Denn nach dem Umzug füllen sich die Restaurants der Fußgängerzone mit den Teilnehmern jedes Alters, und die Instrumente werden sofort weggelegt. Ein Gefühl der Behaglichkeit, der Zufriedenheit, ja des Glücks legt sich über das Luxemburger Städtchen: Wir sind noch einmal davongekommen. Sind geheilt. Oder wenigstens immunisiert. Was uns nicht wahnsinnig macht, macht uns stärker. (Robert Quitta, Album, DER STANDARD, 3.5.2014)

 

  • Immer am Dienstag nach Pfingsten nähern sich bis zu 9000 Menschen der Basilika von Echternach hüpfend.
    foto: opt / peuky barone-wagener

    Immer am Dienstag nach Pfingsten nähern sich bis zu 9000 Menschen der Basilika von Echternach hüpfend.

Share if you care.