Flüchtlingskrise: Symptome der Verrohung

Kommentar4. Mai 2014, 18:11
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Die EU-Staaten haben als Aufnahmeländer großteils versagt

Schaumsalven aus einem Feuerlöscher gegen Migranten, die sich in der Hoffnung auf eine Eintrittschance in die EU stundenlang auf dem Zaun von Melilla festkrallen. Kugelhagel auf ein Flüchtlingsboot vor der griechischen Insel Chios, um die Ankommenden zur Rückkehr in die Türkei zu zwingen. Tausende Syrer, die mangels legaler Reisemöglichkeiten auf lecken Schiffen ihr Leben riskieren, um dem Bürgerkrieg Richtung Italien zu entkommen: Wer die Augen vor den Realitäten der Migrations- und Fluchtbewegungen in die EU nicht verschließt, muss feststellen, dass sich die Lage in den vergangenen Monaten vielerorts zugespitzt hat.

Das liegt, etwa in Italien, an der großen Zahl an Betroffenen. Angesichts der in dem arabischen Staat stattfindenden größten humanitären Katastrophe seit Jahrzehnten haben die EU-Staaten als (vorübergehende) Aufnahmeländer großteils versagt. Und es wurde auch keine gemeinsame Lösung gefunden, um das Massenertrinken im Mittelmeer zu stoppen: Dass derzeit die meisten Boat-People vor Italien lebendig aus dem Meer gefischt werden, ist allein einer Aktion des italienischen Militärs zu verdanken.

Doch die Zuspitzung hat auch mit Verrohung zu tun: als Symptom dafür, dass es für das europäische Asyl- und Migrationsproblem keine Lösung gibt. Weil keiner den Mut hat, den ersten Schritt zu tun. Aber solange das nicht geschieht, wird die Abschottung weiter zum Abwehrkampf mutieren. (Irene Brickner, DER STANDARD, 5.5.2014)

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