Zwischen Gedenkstätte und Hundezone

Kommentar der anderen4. Mai 2014, 18:02
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Wie jedes Jahr Anfang Mai steht der Heldenplatz im Zeichen des Gedenkens an die Befreiung vom Faschismus. Was dort seit Jahr und Tag fehlt, ist ein Haus der Geschichte, in dem die Republik das mörderische 20. Jahrhundert reflektiert

Während der Kunstfreund durch fünf große Bundesmuseen versorgt wird, verfügt Wien über kein vergleichbares (zeit-)geschichtliches Angebot. So verdienstvoll Spezialorganisationen - vom DÖW über das Wien Museum bis zum Jüdischen Museum - auch sein mögen, sie können nicht jene Wunde schließen, die sich die Republik durch den Verzicht auf ein "Haus der Geschichte" stets neu zufügt.

Es ist absurd, wenn der mangelnde politische Konsens dazu führt, dass ein Großteil der Debatte über das Jahr 1934 anhand eines einzigen Objekts - des Dollfuß-Porträts im VP-Parlamentsklub - geführt wird, das der Öffentlichkeit nicht zugänglich ist. Durch die habsburglastige Geschichtserzählung öffentlicher Vorzeigeinstitutionen - von der Spanischen Hofreitschule bis zur Albertina - ist das keine simple Lücke mehr, sondern eine bewusste Ausklammerung des 20. Jahrhunderts.

Zahlreiche Beispiele der letzten Jahre haben gezeigt, dass Geschichtsvermittlung oft besser "am Schauplatz" funktioniert als in statischen Ausstellungsformaten. In diesem Verständnis müssten kritische Stadtführungen, Initiativen für Gedenkorte, Interventionen und öffentlich ausgetragene Kontroversen über historische Themen ebenso zum Programm eines "Hauses der Geschichte" zählen wie Ausstellungen und kontinuierliche wissenschaftliche Arbeit in Kooperation mit der universitären und außeruniversitären Forschung. In Anlehnung an den Namen einer verdienstvollen Kunstvermittlungsinitiative der 1990er-Jahre müsste ein "Haus der Geschichte" ein "Stördienst" im institutionellen Raum der Republik sein. Als Beispiel für den Wert für die Einbeziehung externer Akteure kann die "Karriere" der "Provenienzforschung" gelten, der es gelungen ist, vom unbequemen Störfaktor zum unverzichtbaren Bestandteil aktueller Museumsarbeit zu werden.

Es wäre jedoch fatal zu glauben, dass es sich der Staat erlauben könnte, wegen der vielen dezentralen Ansätze auf eine feste Organisation zu verzichten. Ein Krankenhaus kann nicht ausschließlich durch kleine Rettungsdienste ersetzt werden. Überdies wäre es zynisch, wenn versucht würde, das Loblied auf schnelle, kleine Boote gerade dort zu singen, wo es im Bereich staatlichen kulturellen Handelns an großen Tankern nicht fehlt.

Wenn es zum Selbstverständnis der Republik zählt, über das bestfinanzierte Theater des deutschsprachigen Raums mit über 550 Mitarbeitern zu verfügen, sollte ein "Haus der Geschichte" gleichermaßen in die Lage versetzt werden, international beispielgebend wirken zu können. Eine finanzielle Ausstattung im arithmetischen Mittel der sieben Bundesmuseen und der Nationalbibliothek läge derzeit bei etwa 13 Millionen Euro jährlich und damit sehr sehr deutlich unter den Budgets der drei Bundestheater, denen im Schnitt 47 Millionen Euro (Basis 2011) jährlich zur Verfügung stehen.

Zentraler Standort

Der mögliche Standort für das Haus ist im Bundesbesitz, war bereits einmal als Museumsbauplatz vorgesehen und wird derzeit als Hundezone in bester Lage benutzt. In seiner Nähe liegen alle relevanten Schauplätze österreichischen politischen Handelns in Vergangenheit und Gegenwart. Ebenso besteht eine Nachbarschaft zu einem Großteil der Bundeskulturorganisationen und eine Einbettung in historisch bedeutsame öffentliche Räume - vom Burggarten bis zum Votivpark. Ein Neubau an der Nordwestseite des Heldenplatzes, gegenüber dem Naturhistorischen Museum, wo heute ein Baumkarree an den Bauplatz für das bis 1908 dort vorgesehene "K&K Hofmuseum an der Ringstraße" erinnert, würde der überfälligen Neugründung eines "Hauses der Geschichte" hohe symbolische Stärke verschaffen.

Im heutigen Volksgarten-Café, dem ehemaligen Cortischen Kaffeehaus, wurde 1848 der erste Wiener demokratische Frauenverein gegründet. 70 Jahre später wurde schräg gegenüber, im Parlament, das Frauenwahlrecht beschlossen und die Republik ausgerufen. Auf der anderen Seite des Heldenplatzes, in den als Kaiserapartments gedachten Räumen der Neuen Burg, die heute von der Sammlung alter Musikinstrumente belegt sind, wurden ab 1938 sämtliche in Wien geraubten Kunstwerke "bearbeitet".

Beiden Ereignissen ist gemeinsam, dass keine Tafel, keine Führung und kein Besucherservice daran erinnern. Der in vier Jahren anstehende 100. Geburtstag der Ausrufung der Republik böte den letzten glaubwürdigen Anlass, ein "Haus der Geschichte" zu eröffnen, das neben vielen anderen Aktivitäten auch diese Tafeln montieren und dorthin führen könnte. Die Regierenden seien hiermit an den Umstand erinnert, dass auch dieses Jubiläumsjahr in die aktuelle Legislaturperiode fällt (Martin Fritz, DER STANDARD, 5.5.2014)


Martin Fritz ist Kurator und Publizist in Wien. Er ist beteiligt am Forschungsprojekt "Vom Kaiserforum zum Kulturforum Hofburg-Museums-Quartier".
  • Der Heldenplatz - ein geschichtsträchtiger, ein symbolischer Ort: Am 27. Jänner wurde dort der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz durch die Sowjets im Jahr 1945 gedacht.
    foto: standard/fischer

    Der Heldenplatz - ein geschichtsträchtiger, ein symbolischer Ort: Am 27. Jänner wurde dort der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz durch die Sowjets im Jahr 1945 gedacht.

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