Die Ukraine und die historischen Vergleiche

Kolumne4. Mai 2014, 18:17
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Weil jede Zeit ihre historischen Bedingungen hat, sind Vergleiche oft attraktiv, aber selten bestechend

Bei einem ist es "wie 1914", was sich da in der Ostukraine abspielt, beim anderen "wie 1939". Manche begnügen sich mit 1956 (Ungarn) oder 1968 (Tschechoslowakei). Da sich Kriege immer aus Nationalismus, aus Religionskonflikten, aus wirtschaftlichen Interessen heraus entwickeln, lassen sich Parallelen finden. Aber die Quotenhascherei mit dem Schüren der Weltkriegsangst (und das ist es, wenn man mit 1914 oder 1939 spielt) verlässt das Terrain der seriösen Analyse.

Das haben sowohl Hillary Clinton als auch Karel Schwarzenberg getan, die eine ehemalige US-Außenministerin, der andere jahrelang in derselben Rolle für Tschechien. Beide sind aber auch Politiker. Sie will zweifellos 2016 Barack Obama nachfolgen, er ist nach wie vor Chef einer Partei und nicht nur adeliger Geschichtskenner.

Beide haben Wladimir Putin mit Adolf Hitler verglichen, weil sie - so meinten sie es wohl - mit ihrem Expansionsdrang weltkriegsverdächtig waren bzw. sind. Wolfgang Schäuble, deutscher Finanzminister, setzte Krim und Sudetenland gleich, das zum Unterschied von der Halbinsel nie zu Deutschland, sondern zu Habsburg gehörte.

Der russische Präsident ist ein autoritärer Herrscher mit einem gefügigen Parlament. Aber trotzdem müssen Vergleiche historisch und politisch stimmen. Der Wirtschaftshistoriker Roman Sandgruber, weder ein Linker, noch ein Sympathisant der FPÖ, sagte sehr dezidiert, dass die Vergleiche Clintons und Schwarzenbergs eine "Verharmlosung der Geschehnisse im NS-Regime" seien und Gerhard Mangott, ebenfalls Historiker, fügte hinzu, dass das heutige Russland zum Unterschied von Nazi-Deutschland kein Staat sei, der programmatisch den Völkermord propagiere und/oder praktiziere.

Herfried Münkler, linksliberaler Professor für Ideengeschichte in Berlin, war einer der Ersten, der Parallelen zu 1914 fand. Er vergleicht Kaiser Wilhelm II. mit "Zar" Putin. "Russland ist 2014 von ähnlichen Einkreisungsängsten geplagt wie Deutschland 1914", lautet sein Hauptargument. Aktuell sei es das Vorrücken von Nato und EU, wodurch Putins Herrschaft gefährdet sein könnte. Tatsächlich ist der Umschwung in der (West-)Ukraine aber durch einen Volksaufstand ausgelöst worden, nachdem Wiktor Janukowitsch das faktisch fixe Abkommen mit der EU auf Druck Moskaus gekippt hatte.

Etwas stringenter, weil auch zeitlich näher, sind Vergleiche mit 1956 und 1968. Beide Male stoppte Moskau mit Panzergewalt die Sezessionsbewegungen. Unbestritten ist, dass Putin das mithilfe der russisch-orthodoxen Kirche auch nationalreligiös aufgeladene Großreich nicht noch weiter beschnitten haben möchte.

Dem soll offenbar vorgebeugt werden - durch die Annexion der Krim (die Chruschtschow seinerzeit "verschenkt" hat) und durch den Einsatz von Geheimagenten in der Ostukraine, die laut Artikel in der Neuen Zürcher Zeitung wie die Tscheka agieren, wie die unter Lenin 1918 gegründete Geheimpolizei.

Daher: Weil jede Zeit ihre historischen Bedingungen hat, sind Vergleiche oft attraktiv, aber selten bestechend. (Gerfried Sperl, DER STANDARD, 5.5.2014)

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