Emotionaler Ausnahmezustand im Münchner "Tatort": Top oder Flop?

Ansichtssache4. Mai 2014, 17:41
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Wenn der Kommissar beim Anblick der Leiche seltsam dreinschaut, weiß das erfahrene "Tatort"-Publikum: Wieder einmal hat es eine erwischt, die der Polizist zu Lebzeiten kannte.

foto: orf/br/denise vernillo

Ermittler Leitmayr ist in "Am Ende des Flurs" beileibe nicht der Erste, der ein bisschen blass um die Nase wird beim Anblick der schönen Leich'. Er kannte die blonde Lisa, die da nicht ganz freiwillig vom Balkon stürzte, den letzten Schluck Schampus noch in der Kehle.

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Das hätte in einem überfrachteten Melodram enden können, jedoch: Man hat es hier mit einer erfreulich zielsicheren und charmanten Folge zu tun. Das liegt nicht unbedingt an der Handlung selbst, die von einer Frau erzählt, welche ihren Mitmenschen (die, wie so oft, Männer sind) als Projektionsfläche für allerlei Sehnsüchte dient.

"Eine Professionelle", vermutet Assistent Kalli; und professionell war sie wohl, wenn das bedeutet, anderen das Gefühl zu vermitteln, sie wären angenommen und geliebt, während man selbst Antidepressiva einwirft.

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Die wahre Stärke dieses Filmes aber sind die Figuren: Batic und Leitmayr wie alte Bekannte, neben denen viele der neueren "Tatort"-Kommissare wirken wie Hipster, die ihre Charaktereigenschaften gleich Statussymbolen vor sich hertragen müssen.

Dazu gibt es fünf neue Kolleginnen und Kollegen, die ohne jede Prätention so eingeführt werden, als wären sie immer schon da gewesen - darunter Robert Joseph Bartl als Gerichtsmediziner.

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Und schließlich, im Kreise der Verdächtigen: der immer noch große Franz Xaver Kroetz als Inbegriff eines bayrischen Mannsbilds, spielend wie ein junger Gott. "Ist er mehr als ich?", fragte er die Verstorbene einst eifersüchtig. Aber nein, Franz. Keiner ist mehr als du. (Andrea Heinz, DER STANDARD, 5.5.2014)

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"Ein Krimi, der die Ermittler im emotionalen Ausnahmezustand zeigt, ohne die gängigen Erregungstechniken zu bedienen. Erstaunlich, wie uns die alten Münchner Buben auch nach 25 Jahren noch aus dem 'Tatort'-Trott ins Ungewisse reißen können", schreibt dazu Christian Buß im "Spiegel".

Holger Gertz in der "Süddeutschen Zeitung": "Ein besonderer, bewegender 'Tatort', der zeigt: eine Geschichte über die Liebe - wenn sie nicht trivial werden will - kann immer nur eine Geschichte über die Unmöglichkeit der Liebe sein."

Wie hat Ihnen diese Folge gefallen? Top oder Flop? (red, derStandard.at, 4.5.2014)

 

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