Tumulte am Zaun von Melilla

4. Mai 2014, 15:36
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Mit Pfefferspray und Feuerlöschern ging die Polizei am Zaun der EU-Exklave Melilla gegen Migranten vor. Laut Beobachtern wird der Konflikt zunehmend härter.

Kaum eine Woche verstreicht ohne neuerlichen Massenansturm von Migranten auf die Grenzwallanlagen der spanischen Enklaven in Nordafrika, Melilla und Ceuta. Zuletzt wagten am vergangenen Donnerstag 600 bis 800 Menschen in Melilla den Sprung auf EU-Territorium. 145 von ihnen gelang es, den bis zu sieben Meter hohen, mehrfachen und mit Nato-Draht gesäumten Zaun zu überwinden, gemäß den Zahlen des spanischen Innenministeriums, das die "kämpferische Einstellung" der Flüchtlinge kritisierte.

Tumultartige Szenen spielten sich bei Handgemengen mit der Grenzpolizei, der Guardia Civil, ab, die sich mit Schlagstöcken und Pfefferspray zur Wehr setzte. 14 Beamte wurden verletzt. Fünf Immigranten mussten wegen Schnittwunden, Knochenbrüchen und Prellungen versorgt werden. Weitere 20 wurden auf marokkanischer Seite im Spital von Nador behandelt.

Diejenigen hingegen, deren Versuch erfolgreich war, riefen euphorisiert "Bosa, bosa!" ("Sieg, Sieg!") und "Freiheit" - schien ihnen doch der Traum von Spanien endlich nach oft jahrelanger Odyssee und monatelangem Ausharren in provisorischen Lagern im Hinterland Melillas am Monte Gurugú erfüllt. Jene, die ihr Ziel erreichten, wurden in das mit mehr als 1900 Internierten restlos überfüllte Auffanglager Centro de Estancia Temporal de Inmigrantes (Ceti) überstellt, wo sie aus Platzmangel behelfsmäßig in Zelten und auf Feldbetten der Armee untergebracht werden.

Mehr als 240 gescheiterte Zaunüberwinder harrten auch noch nach über sechs Stunden im Niemandsland zwischen und auf den Grenzmarkierungen aus. Sie wurden an marokkanische Behörden übergeben. Das sei eine "direkte, mitunter gewaltsame Ausweisung", meinen Flüchtlingshilfsorganisationen wie Prodein - die NGO legte deshalb bei der EU-Kommission Beschwerde ein.

"Die Regierung versucht, Illegales zur Normalität zu machen", empört sich Prodein-Sprecher José Palazón. Auch Volksanwältin Soledad Becerril ist davon überzeugt, dass dieses Vorgehen "absolut illegal" und eine Abschiebung nach Marokko nur nach Prüfung des Asylstatus rechtens sei. Die Regierung in Madrid beruft sich hingegen auf ein Höchstgerichtsurteil von 2007, wonach Migranten, die zwischen den Grenzzäunen festsitzen, umgehend nach Marokko ausgewiesen werden dürften.

"Steigende Aggressivität"

"Verzweiflung ist kein Grund, gewaltsam den Wall zu überwinden", sagt Abdelmalik El Barkani, Regierungsdelegierter in Melilla. Er berichtet von "steigender Aggressivität" der Migranten. So hätten einige ihre Kleidung in Brand gesetzt, um sie auf Beamte zu werfen. El Barkani verteidigt daher den Einsatz von Pfefferspray und Feuerlöschern seitens der Polizei. Amnesty International hingegen fordert eine unabhängige Untersuchung, es werde "eine unverhältnismäßige Offensive gegen Flüchtlinge geführt".

Die Zäune um Melilla und Ceuta werden nun weiter verstärkt Kosten: 2,1 Millionen Euro. (Jan Marot aus Granada, DER STANDARD, 5.5.2014)

  • Feuerlöschereinsatz am Zaun. Manche Migranten harrten dort sechs Stunden aus.
    foto: epa/guerrero

    Feuerlöschereinsatz am Zaun. Manche Migranten harrten dort sechs Stunden aus.

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