"Schnell ist gut, aber richtig ist besser"

Video4. Mai 2014, 20:21
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Beim Journalismusfestival in Perugia geht es auch um ethische Themen wie den Umgang mit Fehlern und wie man Quellen verifiziert und kennzeichnet

"Es ist unmöglich, alle Seiten zu jeder Zeit zufriedenzustellen“, sagte Margaret Sullivan über ihren Job als public editor bei der "New York Times". Seit 2012 ist die ehemalige Chefredakteurin von "Buffalo News" nun Leseranwältin und versucht, zwischen ihren Kollegen und Lesern zu vermitteln. Manche würden auf Fehler hinweisen, andere Journalisten kritisieren und darauf hinweisen, etwas besser machen könne. Die meisten Zuschriften erhalte sie nicht mehr via Email sondern über Twitter.

Es reiche auch nicht mehr wie früher, einmal pro Woche in der "Sunday Times" in einer Kolumne Richtigstellungen oder Erklärungen zu veröffentlichen, sondern sie tue dies inzwischen fast täglich in ihrem Blog. Bei einigen Themen gehe sie aber nicht auf jede Reaktion individuell ein, etwa bei Nahostthemen. Sie gehöre aber nicht der alten Schule an, die der Meinung sei, wenn sich beide Seiten beschwerten, dann würde man schon alles richtig machen.

Keynote von Margaret Sullivan.


Journalistische Grundsätze

"Schnell ist gut, aber richtig ist besser“, ist eine ihrer Ratschläge, die Sullivan als eine der Hauptrednerinnen in Perugia an Journalistenkollegen weitergibt. Integrität, Transparenz, Kontrolle der Mächtigen und Faktencheck nennt sie als wichtige journalistische Grundsätze und nennt konkrete Beispiele: Man dürfe sich als Journalist nicht kaufen lassen durch vermeintlichen Zugang zu Geheimwissen, einen Buchvertrag oder eine Einladung zum Mittagessen.

Darüber hinaus sieht sie folgende Entwicklungen: Ernsthafte Leser seien bereit, für seriöse Nachrichten zu zahlen. Sie nennt dabei die "New York Times" als Beispiel, deren Einnahmen aus dem Vertrieb jene aus dem Anzeigenbereich im Vorjahr erstmals übertroffen haben. Online-Plattformen verlangten spezifische Angebote. "Es ist anders, etwas nur für die Zeitung zu machen“, sagte Sullivan. Datenjournalismus sieht sie ebenfalls als Trend. "Wir wissen noch nicht, wie weit das geht“, meint sie und verweist auf Nate Silvers FiveThirtyEight.com. Die "New York Times" hat mit Upshot vor kurzem ebenfalls ein Angebot in diesem Bereich gestartet, kurz nach Ezra Kleins Projekt Vox.

Zusammenarbeit mit Anzeigenbereich

Sullivan berichtete über heftige Leserkritik gegen Native Ads - Werbung, die wie ein redaktioneller Bericht ausschaue. Inzwischen sei die Kennzeichnung aber gut.  Die traditionelle Mauer zwischen der Anzeigenseite und der Redaktion bröckle auch bei der "New York Times", räumte Sullivan ein. "Es gibt jetzt eine sehr enge Zusammenarbeit zwischen dem geschäftlichen Bereich und Jouralisten.“ Gleichzeitig beteuerte sie: "Wir wollen nicht, dass die geschäftliche Seite den Journalismus diktiert.“

Dass die Verifizierung von Quellen durch Journalisten werde immer wichtiger, gerade, wenn Informationen aus sozialen Netzwerken stammen, betonte Sullivan. Ins gleiche Horn stieß Mark Little, der Storyful gegründet hat. Storyful ist die erste Nachrichtenagentur, die Internetplattformen wie You Tube, Twitter oder Facebook nach relevanten Informationen durchsucht.  Little versicherte bei seinem Auftritt in Perugia, dass Menschen, aber auch technische Mittel eingesetzt würden, um zu verifizieren, ob ein Video wirklich aktuell aus Syrien stamme oder die Aufnahmen schon während des Irakkrieges gemacht worden seien. Genutzt werden etwa Geo-Daten, auch Dialektexperten werden eingesetzt. Manchmal seien mehr als 50 Mitarbeiter mit einem Fall befasst.

Weil man nicht alles selber produzieren und auch nicht alles verifizieren könne, habe man sich entschlossen, Storyful zu kaufen, erklärte Raju Narisetti, Senior vice President von Rupert Murdochs News Corporation. Zwei- bis vierhundert Videos werden pro Monat von Storyful übernommen, Abnehmer sind unter anderem die BBC und Murdochs Medien – zum üblichen Preis, wie Narisetti versicherte. Mit Chinas Weibo sei man in Verhandlung. "Es geht für uns nicht darum, die ersten zu sein, sondern dass die Meldungen stimmen“, betonte Little, der zuvor für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk in Irland gearbeitet hatte.

Handbuch zum Verifizieren

Wie man Videos verifizieren kann, ist ein Kapitel, das ein Storyful-Mitarbeiter im Verification Handbook geschrieben hat, das das European Journalism Center, zu Jahresbeginn veröffentlicht hat und das es als Download unter verificationhandbook.com gibt. Es zeigt Techniken auf, wie man mit User Generated Content umgehen soll und wie solche Inhalte überprüft werden können. "Früher gab es klare Regeln in den Medienunternehmen. Durch die sozialen Netzwerke hat sich viel geändert, es gibt viele Informationen außerhalb bekannter Strukturen. Wie soll man damit umgehen? Deshalb brauchen wir auch einen neuen Ethik-Kodex“, sagte Wilfried Ruetten, Direktor des EJC. 

Nach Einschätzung von Giannina Segnini, Journalistenausbildnerin und langjährige Redakteurin bei "La Nación" in Costa Rica, gibt es unterschiedliche ethnische Standards in einer Redaktion: "Einen vertreten die Zeitungsjournalisten, den anderen die Online-Kollegen.“ Früher hätte man auch nicht das, was man nur gehört habe, einfach gedruckt. Jetzt müsse man jede Minute publizieren und verifiziere zu wenig. Das gelte übrigens auch für Daten. "Man kann auch nicht allen Statistiken trauen“, stellte die erfahrene Datenjournalistin fest.

Ethik-Kodex im Werden 

Das Journalistenfestival in Perugia, das mit zweihundert Veranstaltungen an fünf Tagen zu den größten weltweit gehört, war deshalb auch eine gute Gelegenheit für die Vorstellung des Projekts der Online News Association (ONA), einen internationalen Ethik-Kodex zu kreieren, der auch Blogger und freie Journalisten anspricht. Wie Thomas Kent, Standards Editor bei der Associated Press (AP), erläuterte, haben 20 Journalisten einen Entwurf erarbeitet. Einige Grundsätze gibt es bereits, weitere sollen im Rahmen eines Crowdsourcing-Projekts hinzugefügt werden (bit.ly/onacrowdsourcing). Damit hat das Journalistenfestival 2014 auch einen nachhallenden Effekt. (Alexandra Föderl-Schmid aus Perugia, derStandard.at, 4.5. 2014)

Journalismusfestival in Perugia

  • Ein reisender Newsroom in Europa - In Perugia regte Wolfgang Blau vom "Guardian" ein paneuropäisches Medium an
  • Datenjournalismus als Teamwork -Wie sich der Datenjournalismus entwickelt und welche digitalen Trends es gibt, sind Hauptthemen beim diesjährigen Journalismfestival in Perugia. Die Einbindung sozialer Medien wird immer wichtiger
  • "Auf welche Art willst du sterben?" -Für Journalisten ist es insbesondere schwierig, aus Kriegs- und Krisenländern zu berichten. Welchen Gefahren man in Syrien und der Ukraine ausgesetzt ist und wie man eine Geiselhaft überlebt, schilderten Medienvertreter beim Journalistenfestival in Perugia
  • Wie Snowden den Journalismus aufweckte -Was ist der Snowden-Effekt im Journalismus? Mit dieser Frage beschäftigen sich beim Journalismusfestival in Perugia gleich mehrere Podiumsdiskussionen. Die erste fand am Donnerstag im Teatro della Sapienza statt
  • Journalismus-Festival: Gamification und Video als Trends - Berlusconi als digitale Kleiderpuppe und andere journalistische Neuentwicklungen beim Medientreffen in Perugia

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  • Mark Little, Gründer von Storyful (re.) und Raju Narisetti, Senior vice President von Rupert Murdochs News Corporation (Mitte) auf dem Podium in Perugia.

    Mark Little, Gründer von Storyful (re.) und Raju Narisetti, Senior vice President von Rupert Murdochs News Corporation (Mitte) auf dem Podium in Perugia.

  • Margaret Sullivan, public editor bei der "New York Times" auf dem Podium in Perugia.

    Margaret Sullivan, public editor bei der "New York Times" auf dem Podium in Perugia.

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