"Wir sind keine Faschos, auch keine Nazis"

Reportage4. Mai 2014, 09:00
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Der Front National will über den Umweg der Kommunalpolitik das Präsidentenamt in Frankreich erobern

Niemand will es gewesen sein. Eine ältere Dame, die ihren Terrier ausführt, findet zwar, man müsse dem "Neuen" eine Chance geben; das solle aber nicht heißen, dass sie dem Front-National-Kandidaten Cyril Nauth die Stimme gegeben habe. Und ein Kunde im P'tit Bar ärgert sich über die plötzliche Bekanntheit des Ortes 50 Kilometer westlich von Paris: "Wir sind doch nicht alle Rassisten geworden!"

Die 20.000 Einwohner haben im März ihre Geschicke den Rechtsextremen anvertraut. Mantes-la-Ville ist eine "FN-Stadt" - eine von elf Gemeinden, die der Front National bei den Wahlen erobert hat. So gesichtslos wie die Wählerschaft ist der Ort: ein undefinierbares Stadtzentrum, wo die Crêperie leersteht und ein orientalischer Friseur mit Fünf-Euro-Tarifen lockt. Die einzigen Hochhäuser finden sich am Stadtrand; eine Einwanderersiedlung mit dem romantischen Namen Les Merisiers (Kirschbäume).

Lachender Dritter

In dem Arbeiterort hatte seit dem Krieg die Linke regiert. Bei den Wahlen leistete sie sich sogar den Luxus, mit zwei Kandidatinnen anzutreten. Der lachende Dritte: Cyril Nauth (FN). Der 32-jährige Lehrer gewann mit nur 61 Stimmen Vorsprung auf Amtsinhaberin Monique Brochot. Die Sozialistin, die sich nach eigenen Worten immer noch nicht von dem Wahlschock erholt hat, ruft nun ein Wachsamkeitskomitee ins Leben, "um die Bevölkerung zu informieren, was sich im Rathaus tut".

Als Erstes hat der neue Stadtrat alle Subventionen um 20 Prozent gekürzt. Ideologisch geht Nauth vorsichtig vor: Schweinefleisch ließ er bisher nicht auf das Menü der Schulkantinen setzen. Auch andere FN-Bürgermeister beschränken sich auf symbolische Maßnahmen: Villers-Cotterêts streicht den Gedenktag zur Abschaffung der Sklaverei; Fréjus holte die EU-Flagge vom Rathaus.

Alles dreht sich um die "Moschee"

"Wir sind keine Faschos, auch keine Nazis", meint Nauth. "Marine Le Pen will, dass wir tadellos sind. Wir werden es sein." Angesagt ist kommunalpolitische Salonfähigkeit: Das soll die Chancen Le Pens bei den Präsidentschaftswahlen 2017 erhöhen. Mantes-la-Ville ist laut Le Pen ein "Schaufenster" seriöser FN-Verwaltung: niedrige Steuern, viel Polizeipräsenz. Les Merisiers ist "prioritäre Sicherheitszone", von der Linksregierung in Paris eingerichtet. Die Gemeindepolizei hat dazu nichts zu sagen.

"Der Front National kann die Gesetze hier nicht ändern", beruhigt der maghrebinische Supermarktkassier. "Auch die Moschee wird er nicht verhindern."

Alles dreht sich in Mantes um die "Moschee", die in Wahrheit ein schlichter Gebetsraum ist. Ex-Bürgermeisterin Brochot hatte 2013 einen Kaufvertrag für einen großen Saal unterzeichnet; in der Folge sollte ihn die Gemeinde an den muslimischen Lokalverein weiterverkaufen. Das ist bis heute nicht geschehen. Der kommunale Schatzmeister hatte finanzielle Einwände; danach fand er, der hauptberuflich als Arzt in Les Merisiers praktiziert, die Reifen seines Autos zerstochen vor. Das bewirkte im Stadtrat die Spaltung der Linken.

Bei den Wahlen profitierte Nauth davon, und für ihn ist die "Moschee" ein rotes Tuch: "Wir werden sie mit allen politischen und juristischen Mitteln zu verhindern versuchen."

Dass die Muslime als einzige Glaubensgemeinschaft hier über keinen spirituellen Treffpunkt verfügen, kümmert ihn nicht. Seit 26 Jahren ersuchen sie schon darum; auch für die Finanzierung kämen sie auf. Der neue Bürgermeister will trotzdem nicht. Aus Prinzip, aus FN-Prinzip. Selbst wenn die Salonfähigkeit auf der Strecke bleiben sollte. (Stefan Brändle aus Mantes-la-Ville, DER STANDARD, 3.5.2014)

  • Wahlveranstaltung von Marine Le Pen am 1. Mai in Paris.
    foto: reuters/platiau

    Wahlveranstaltung von Marine Le Pen am 1. Mai in Paris.

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