Jazzjahrmarkttreiben im globalen Dorf

2. Mai 2014, 18:22
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Zur neunten "Jazzahead!" reiste die Szene nach Bremen

Mobiltelefon im Konzertsaal ausschalten war gestern. Das niederländische Jazz-Trio Tin Men and The Telephone ersucht darum, exakt Gegenteiliges zu tun. Mit einer eigens entworfenen App darf die Hörerschaft hier unmittelbaren Einfluss auf den Ablauf des Konzerts nehmen:

Soll der munter aufspielende Dreier um Pianist Tony Roe als Nächstes in Richtung "Play Romantic" abzweigen? Oder soll man in den "Nervous"-Modus übergehen? Bitte abstimmen! Wer für eine Pause ist, der klicke auf "Get A Beer!" Dem nicht genug, fordern die Musiker zuweilen gar: "Put the loudspeaker on your phone at maximum volume!" Um in der Folge mit jenen Klängen in Interaktion zu treten, die aus dem zum Handy-Orchester mutierenden Publikum auf die Bühne zurückströmen.

Exzeptionelle Infodichte

Tin Men and The Telephone war zweifellos eine der Entdeckungen des Festivalprogramms der diesjährigen Jazzahead in Bremen. Diese erwies sich einmal mehr als in Sachen Informationsdichte exzeptionelle Veranstaltung: 708 ausstellende Firmen und knapp 3.000 Fachbesucher aus 50 Ländern sowie knapp 16.000 Konzertbesucher zählte das aus Jazzmesse, Festival und einem umfangreichen Rahmenprogramm bestehende Event heuer, das sich seit seiner Gründung im Jahr 2006 sukzessive zum zentralen Branchentreff der europäischen Jazzszene und darüber hinaus entwickelt hat.

Als Journalist konnte man sich im Getümmel nicht nur mit Informationsmaterial zuschütten lassen, sondern im Rahmen der "Matchmaking Sessions" auch gleichsam als teilnehmender Beobachter agieren. Innerhalb einer vereinbarten Zeitspanne konnten Interessierte Termine buchen, um ihre Musik zu präsentieren. Die Gesichter wechselten im 20-Minuten-Intervall:

Tanz mit Trompete

Da war etwa Trompeterin Constanze Juergens, die im Rahmen des Hamburger Projekts Brassballett musizierend und tanzend (!) in Erscheinung tritt. Oder die New Yorker Promoterin Suzie Reynolds, die mit Geschichten über Bassisten-Veteran Rufus Reid wie auch über Sänger Freddy Cole, den 82-jährigen Bruder des legendären Nat King Cole, aufzuwarten wusste. Oder der israelische Trompeter Itamar Borochov, der seit sieben Jahren in Brooklyn lebt und seine Debüt-CD überreichte: nur drei der Musikmenschen, die vor dem Autor dieser Zeilen Platz nahmen. Bremen als Brennpunkt des Jazzjahrmarkts im globalen Dorf.

Aus anderer Perspektive bearbeitet selbigen die rührige Union Deutscher Jazzmusiker (UDJ): Sie präsentierte bei der Jazzahead eine immerhin bereits von über sechzig Veranstaltern unterschriebene Erklärung, um dem Problem des Lohndumpings mit dem Wunsch nach Mindestgagen zu begegnen. Darin wurden "250 Euro pro Person in Spielstätten sowie 500 Euro pro Person bei Festivals" als angemessene "Einstiegshonorare" genannt - freilich nur bei Veranstaltern, "deren Gesamtausgaben zu mindestens einem Drittel mit öffentlichen Zuschüssen gedeckt sind."

Die UDJ kritisierte im Vorfeld übrigens auch die Jazzahead selbst: Dass die jungen deutschen Bands, die sich im Rahmen der "German Jazz Expo" in 20-minütigen Showcases vorstellten, nicht nur keine Gage erhielten, sondern Hotel- und Reisekosten aus eigener Tasche begleichen mussten, sei "nicht vertretbar."

Abstrakte Tonkaskaden

Aus dem Reigen dieser Konzerte verdient das kammermusikalische, mit Saxofon und Kontrabass besetzte Trio der deutschen Harfenistin Kathrin Pechlof erwähnt zu werden, weiters die 27 Jahre junge, famose slowenische Pianistin Kaja Draksler, die simple Akkordrepetitionen mit komplexen, abstrakten Tonkaskaden übermalte. Viel Beifall gab es auch für die österreichischen Acts, das trashig-groovige Quartett "Kompost3", und vor allem für das Wien-Berner Trio Rom/Schaerer/Eberle, das in der ungewöhnlichen Besetzung Gitarre-Stimme-Trompete Witz und Originalität bewies.

Einen Kontrapunkt bedeutete ein Konzert im Rahmen des Dänemark-Schwerpunkts: Der Auftritt des wackeren Aarhus Jazz Orchestra mit der 67-jährigen Gitte Haenning, in den 1970er-Jahren auch als Schlagersängerin Gitte bekannt, geriet in der Glocke im Stadtzentrum von Bremen vor einem 65-plus-Publikum zum peinlichen Kuriosum. Und es bestätigte: Die junge europäische Jazzszene gibt auf der Jazzahead den Ton an! (Andreas Felber, DER STANDARD, 3.5.2014)

Ausgewählte Veranstaltungen sind noch in der Mediathek des Festivals abrufbar: www.jazzahead.de

  • Das Wien-Berner Trio Rom/Schaerer/Eberle bewies Witz und Originalität.
    foto: reto andreoli

    Das Wien-Berner Trio Rom/Schaerer/Eberle bewies Witz und Originalität.

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