Nun haben wir den Sündenbock: Schuld sind immer die Medien

Blog3. Mai 2014, 10:00
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An Fachkräften mag es vielleicht bei manchen Entscheidungsträgern anderer Berufsgruppen mangeln, im Bereich des Journalismus nicht

Nun haben wir den Sündenbock. Medienmacher und Journalisten sind dafür verantwortlich, wenn Finanzskandale wie die Hypo-Alpe-Adria-Pleite nicht rechtzeitig aufgeklärt, die Politik nicht rechtzeitig reagiert und solche Fehltritte schließlich zu Langzeitbelastungen für alle Steuerzahler werden. So jedenfalls wurde Freitagfrüh die Informationsmisere in Sachen Hypo auf Ö1 analysiert. Schuld ist nicht die Politik, schuld sind primär die Medien, war dem Äther-Wort zum internationalen Tag der Pressefreiheit zu entnehmen.

Kein Zweifel, "wir brauchen die freie Presse mehr denn je als Aufklärungs- und Aufdeckungsmacht". Dass dieser Wunsch in manchen Fällen nur ein frommer ist, liegt jedoch nicht an zu wenigen Journalisten mit "sachlicher Kompetenz, persönlicher Integrität und einer Portion Mut" oder Verlegern, die nicht bereit sind "Quote vor Qualität" zu reihen. Journalismus besteht nicht ausschließlich aus Gratis-Boulevard und Yellow Press.

Wer in Österreich kennt nicht Kurt Kuch -, hier stellvertretend für alle sachlich kompetente, integre, mutige, österreichischen Medienmenschen genannt - der seit langem vorexerziert, wie investigativer Journalismus erfolgreich funktioniert. An Fachkräften mag es vielleicht bei manchen Entscheidungsträgern anderer Berufsgruppen mangeln, im Bereich des Journalismus nicht. Faul ist etwas ganz anderes in unserer kleinen, feinen Informationswelt. Um nochmals Shakespeare zu bemühen: "Something is rotten - die Zeit ist aus den Fugen".

Sparen bis zum geht nicht mehr

Die Zeit und das System: Medienkonzentration, Zusammenlegung von Redaktionen und damit Vereinheitlichung der Information per se. Bei Qualitätsmedien Geldmangel an allen Ecken und Enden. Folge: Sparen bis zum geht nicht mehr. Dazu ein neues Presseförderungsgesetz, das solche Entwicklungen fördert statt ihnen entgegenzuwirken. Die jüngsten Kürzungen im Rahmen dieses Gesetzes interpretiert die Journalistengewerkschaft übrigens als "Kniefall vor den Medien-Unternehmen". Der Verband der österreichischen Zeitungen moniert: "Medienvielfalt und Pressefreiheit müssen der heimischen Regierung auch in Zeiten der Hypo Alpe Adria etwas wert sein." Bundeskanzler Faymann bedauert: "Nicht jedem könne es recht getan werden."

Apropos Presseförderung: Sowohl in Deutschland als auch in der Schweiz ist diese fast doppelt so hoch wie in Österreich. In den skandinavischen Ländern fünf bis sechs Mal höher. Aus Sicht des kürzlich verstorbenen Kommunikationswissenschafters Hannes Haas - er hatte im Auftrag des Bundeskanzleramtes eine Evaluierung der heimischen Presseförderung erstellt - könnte vor allem Schweden mit seinen transparenten Qualitätskriterien auch für Österreich ein Vorbild sein.

Ressourcenknappheit

Die kürzlich mit dem Pulitzer-Preis für ihren "Dienst an der Öffentlichkeit" - gemeinsam mit der britischen Tageszeitung "Guardian" - ausgezeichnete US-Zeitung "Washington Post" hatte in Sachen NSA sage und schreibe 28 Mitarbeiter nur für die Aufklärung dieses Abhörskandals von anderen Pflichten freigeschaufelt. In Österreich gibt es Tageszeitungen mit weniger als 20 Redaktionsmitgliedern. Hätten sich in diesen Medien alle um die Hypo gekümmert, wer hätte dann das Blatt gemacht? Vielleicht sollte auch einmal über die Ressourcenknappheit bei Qualitätsmedien nachgedacht werden.

Der 3. Mai ist ein Gedenktag im Namen der Informations- und Pressefreiheit. Reporter ohne Grenzen erinnert in diesem Jahr an 100 Journalistinnen und Journalisten aus 65 Ländern, die ihr Leben in den Dienst dieses Bürgerrechtes gestellt haben. Der jüngste dieser "Helden der Information" ist der 25-jährige Kambodschaner Oudom Tat, der älteste der 50 Jahre ältere Kollege Muhammad Ziauddin in Pakistan. Es gibt keine Erst-, keine Letztgereihten. Alle sind sie Leit- und Vorbild. Die meisten sind Einzelkämpfer und keine glückhaften Mitglieder einer Special Taskforce wie etwa bei der "Washington Post". (Rubina Möhring, derStandard.at, 3.3.2014)

  • Die kürzlich mit dem Pulitzer-Preis für ihren "Dienst an der Öffentlichkeit" - gemeinsam mit der britischen Tageszeitung "Guardian" - ausgezeichnete US-Zeitung "Washington Post" hatte in Sachen NSA 28 Mitarbeiter nur für die Aufklärung dieses Abhörskandals von anderen Pflichten freigeschaufelt.
    foto: ap/manuel balce ceneta

    Die kürzlich mit dem Pulitzer-Preis für ihren "Dienst an der Öffentlichkeit" - gemeinsam mit der britischen Tageszeitung "Guardian" - ausgezeichnete US-Zeitung "Washington Post" hatte in Sachen NSA 28 Mitarbeiter nur für die Aufklärung dieses Abhörskandals von anderen Pflichten freigeschaufelt.

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