Wie Russland seine Macht durch Gas erneuern will

Analyse2. Mai 2014, 17:00
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Den Mächtigen in Russland schwimmen die Felle davon. Mit South Stream, einer Pipeline bis vor Wien, möchte man vorbauen

Wien - Früher wurden Pipelines mit klingenden Namen versehen. Sie hießen Druschba oder Sojus, auf gut Deutsch Freundschaft bzw. Union. In jüngster Zeit ist man nicht mehr so pathetisch, man spricht nüchtern von Blue Stream, Nord Stream oder South Stream.

Stream deutet darauf hin, dass etwas strömt. Bei den Pipelines Blue Stream, die 2005 offiziell eröffnet wurde und Gas von Russland in die Türkei befördert, sowie Nord Stream, die 2011 eingeweiht wurde und russisches Erdgas durch die Ostsee nach Deutschland bringt, ist dies der Fall. Ob dereinst aber wirklich Gas durch die South-Stream-Röhre strömen wird, muss sich erst noch weisen. Die Widerstände in der EU jedenfalls sind gewaltig, auch wenn es entlang der geplanten Trasse durchaus Befürworter gibt.

Zuletzt haben sich die OMV und Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner (ÖVP) in die Reihe der Unterstützer begeben. Die Pipeline soll nicht mehr nach Norditalien geführt werden, wo einer der Aktionäre, Eni, zuletzt große Bedenken gegen das sehr teure Projekt vorgebracht hat. Die Gasleitung soll stattdessen nach Querung des Schwarzen Meeres über Bulgarien, Serbien und Ungarn bis zum Knoten Baumgarten in Niederösterreich gebaut werden (siehe Grafik).

Die letzten 40 Kilometer würde die OMV übernehmen, die dafür einen dreistelligen Millionen-Euro-Betrag eingeplant hat. Peanuts im Vergleich zu den kolportierten Gesamtkosten des Projekts, die jenseits der 25 Milliarden Euro zu liegen kommen dürften.

Für Russland jedenfalls hat sich das Projekt schon ausgezahlt. South Stream wurde von den Strategen in Moskau ersonnen, als ein anderes Projekt abzuheben begonnen hatte - Nabucco. Hinter dem Namen der Verdi-Oper verbarg sich der Plan, Gas aus der kaspischen Region über die Türkei und den Balkan bis vor die Tore Wiens zu bringen. Die Federführung hatte die OMV. Weil damit der Einfluss Russlands auf die Gasversorgung Europas zurückgedrängt worden wäre, setzte Moskau alle Hebel in Gang, um das Projekt zu verhindern - mit Erfolg. 2013 wurde Nabucco abgedreht.

Weil die OMV in der Zwischenzeit ein großes Gasfeld im Schwarzen Meer gefunden und Interesse daran hat, das Gas nach Entwicklung des Felds ab 2020 bis Baumgarten zu bringen, kommt ihr South Stream zupass. Andernfalls müsste Österreichs Branchenprimus eine eigene Röhre zu wesentlich höheren Kosten bauen.

Mit der Differenzierung der europäischen Gasimporte wäre es bei Realisierung des Projekts aber Essig. Über South Stream käme überwiegend russisches Erdgas nach Europa - Gas, das bisher durch Weißrussland und die Ukraine nach Westeuropa strömt. Wie schon bei der Nord-Stream-Leitung durch die Ostsee nach Deutschland, mit der man die polnische Wegemaut umgehen wollte, will sich Russland mit South Stream von weißrussischen bzw. ukrainischen Ansprüchen freispielen - und gleichzeitig seinen Einfluss in Europa zementieren. Einfach wird das nicht.

Ein Preis für russisches Gas

EU-Energiekommissar Günther Oettinger hat wiederholt anklingen lassen, dass auch für einen Konzern wie Gasprom europäische Gesetze gelten, wenn er in Europa tätig werden wolle. Und die sehen eben vor, dass über eine Pipeline nicht exklusiv der Errichter bestimmen kann. Auch interessierte Dritte müssten South Stream nützen können. Zurzeit wird aber noch die ganze Kapazität von Gasprom selbst beansprucht.

Am Freitag war es wiederum Oettinger, der bei einem Gasgipfel in Warschau Russland auf den Boden der Realität zu holen versuchte. Ziel sei ein einheitlicher Preis für russisches Erdgas in Europa. Damit sollte verhindert werden, dass ein Land gegen ein anderes ausgespielt werden kann.

Ähnliches hat auch Polens Ministerpräsident Donald Tusk überlegt. Am Freitag schlug er zudem den Aufbau einer europäischen Energieunion nach dem Vorbild der Bankenunion vor. Ziel sollte es sein, dass die EU-Staaten in der Energiepolitik und bei der Versorgung mit Öl und Gas enger zusammenarbeiteten. Gut ein Drittel des Gas- und Ölverbrauchs der EU wird aus Russland gedeckt. (Günther Strobl, DER STANDARD, 3.5.2014)

  • Die Rohre der Nord-Stream-Pipeline sind längst verlegt, russisches Gas strömt seit 2011 unter der Ostsee nach Deutschland. Mit der South-Stream-Röhre sollen Weißrussland und die Ukraine umgangen werden.
    foto: reuters/schwarz

    Die Rohre der Nord-Stream-Pipeline sind längst verlegt, russisches Gas strömt seit 2011 unter der Ostsee nach Deutschland. Mit der South-Stream-Röhre sollen Weißrussland und die Ukraine umgangen werden.

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