Das skrupellose Geschäft mit der Scham: Interpol jagt Sex-Erpresser

2. Mai 2014, 16:15
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58 Verdächtige nach groß angelegter Aktion festgenommen

Für den 17 Jahre alten Daniel Perry waren Scham und Verzweiflung offensichtlich zu groß. Im Juli vergangenen Jahres nahm sich der Teenager in Schottland das Leben. Kurz zuvor hatte er ein Erpresserschreiben von einer Verbrecherbande auf den Philippinen erhalten.

Eines ihrer Mitglieder hatte sich im Internet als attraktives Mädchen aus den USA ausgegeben und Perry dazu gebracht, sich vor seiner Internetkamera auszuziehen. Wenig später kam die Drohung, das schlüpfrige Bildmaterial online zu verbreiten. Nur die Zahlung eines erheblichen Geldbetrags hätte demnach verhindern können, dass Freunde, Eltern und Verwandte Zugriff auf die Bilder bekommen.

58 Verdächtige

Der Fall Perry ist für die internationale Polizeiorganisation Interpol ein besonders tragischer. Ihren Fahndern gelang jetzt ein Schlag gegen die Bande, die den jungen Schotten vermutlich erpresste. Insgesamt 58 Verdächtige wurden nach Angaben vom Freitag bei der groß angelegten Aktion gegen Netzwerke auf den Philippinen festgenommen, darunter auch drei Männer, die mit dem Fall Perry zu tun haben sollen. Monatelang war zuvor verdeckt ermittelt worden.

Von Entwarnung kann allerdings keine Rede sein. Die aufgedeckten Strukturen sind nach Einschätzung der Fahnder nur die Spitze des Eisberges. Interpol hat Anhaltspunkte dafür, dass die Erpresser nicht nur von Asien, sondern auch von Afrika aus Opfer suchen. Hunderttausende Internetnutzer, die auf der Suche nach Beziehungen oder sexuellen Abenteuern waren, sollen schon in die Fänge von Kriminellen geraten sein und Dutzende Millionen Dollar an "Schweigegeld" gezahlt haben.

Die Täter arbeiten nach Angaben von Interpol mittlerweile zum Teil in Call-Center ähnlichen Büros und werden in Lehrgängen für das schmutzige Geschäft geschult. Wer seinen Job besonders gut macht, kann Boni wie Bargeld-Prämien, Extraurlaub oder ein neues Handy erhalten.

"Die Täter interessieren sich nur für das Geld und nicht im geringsten für das Leid, das sie ihren Opfern zufügen"

"Die Täter interessieren sich nur für das Geld und nicht im geringsten für das Leid, das sie ihren Opfern zufügen", kommentierte Sanjay Virmani, Leiter der Interpol-Abteilung für digitale Kriminalität. Im Schnitt verlangen die Erpresser nach Erkenntnissen der Polizeiorganisation 500 Dollar (361,01 Euro) für die Vernichtung von freizügigen Bildern oder Videos. Teilweise wird aber auch die dreifache Summe oder noch mehr gefordert.

Deutschsprachige Internetnutzer sind nach Angaben von Interpol bisher in vergleichsweise geringem Ausmaß betroffen. Aus dem einfachen Grund, dass viele Erpresser mangels Sprachkenntnis keine Anlockversuche über deutsche Online-Dating-Portale oder soziale Netzwerke starten können. Wer es dennoch mit Kriminellen zu tun bekomme, solle sich sofort an die Polizei wenden, empfiehlt Interpol. Ganz gleich, wie unangenehm das Erpressungsmaterial auch sein möge.

"Ein junger Mann aus Schottland hat infolge dieser Online-Aktivitäten sein Leben verloren. Die Folgen für seine Familie, seine Freunde und sein Umfeld sind unermesslich", kommentierte Malcolm Graham von der schottischen Polizei den Ermittlungserfolg der vergangenen Tage. Nun sollten die Täter zumindest wissen, dass man sie überall auf der Welt aufspüren könne. (APA, 2.5. 2014)

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