An der Steckdose der Intensität

2. Mai 2014, 18:31
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Giuseppe Verdis "Nabucco" mit Plácido Domingo an der Wiener Staatsoper

Es hat mitunter gewisse Vorteile, so sich Dirigent und Orchester bei einer Ouvertüre lärmmäßig herzhaft austoben, als wollten sie etwa von der Wiener Staatsoper aus halb Europa signalisieren, dass am Tag der Arbeit in Wien die musikalische Tätigkeit keinesfalls ruht. Das kann eine gewisse Gewähr dafür bieten, dass sich später alles im Sinne der Sänger gütig rundet, sie also nicht vom instrumentalen Überschwang erdrückt werden, da selbiger schon gezeigt hat, zu welcher Kraftentfaltung er befähigt ist.

Bei Giuseppe Verdis Nabucco hat es einigermaßen geklappt: Dirigent Jesús López-Cobos und das Staatsopernorchester drehten so beherzt auf (das Schlagwerk!), dass einiges zu befürchten war. Indes: Es wurde später zwar nicht gerade diskret agiert. Dennoch aber wich das Grobschlächtige des Beginns einer soliden Gangart. Wobei: Auch auf der Bühne war nicht unbedingt feinste gesangliche Handschrift zu vernehmen. In der schlichten, statischen, aber atmosphärisch brauchbaren Inszenierung von Günter Krämer reüssierte etwa Anna Smirnova (als Abigaille) mit vokaler Überkraft und etwas herbem Timbre. Immerhin gelangen ihr am Schuss einige feine Passagen, die zeigten, dass sie zu Zwischenstufen des Ausdrucks abseits wilder Dramatik fähig wäre. Auch Dmitry Belosselskiy (als Zaccaria) fand mit der Zeit zu einer gewissen Klarheit. Blass bliebt hingegen Marian Talaba (als Ismaele), und etwas unscheinbar wirkte auch Zoryana Kushpler (als Fenena).

Wirkliches Format erlangte die Aufführung durch den energischen Staatsopernchor und natürlich durch Plácido Domingo.

Als Nabucco ist er nach wie vor ein Wunder an vokaler Klarheit und Impulsivität. Den - durch Phasen geistiger Umwölkung - unterbrochenen Kampf um Macht und innere Läuterung zelebriert Domingo mit der Fulminanz eines routinierten Sängerdarstellers, der die Bühne beherrscht. Ein erstaunlicher Künstler an der Steckdose der Intensität. (tos, DER STANDARD, 3./4.5.2014)

Weitere Vorstellungen: 4. Mai (17.00), 7. Mai (19.00)

  • Plácido Domingo an der Staatsoper als Nabucco.
    foto: wiener staatsoper / michael pöhn

    Plácido Domingo an der Staatsoper als Nabucco.

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