Bolschewiken und Indianerinnen

2. Mai 2014, 15:42
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Es ist nun schon vier Wochen her, dass der Herausgeber des "Falter" einer schrecklichen Gefahr mutig entgegengetreten ist

Es ist nun schon vier Wochen her, dass der Herausgeber des "Falter" einer schrecklichen Gefahr mutig entgegengetreten ist. Sein Einsatz wurde ihm aber schlecht gelohnt, wehte doch in der Folge ein Shitlüftchen über ihn hinweg, das sich auch diese Woche noch nicht völlig legen wollte. Es begann damit, dass er den Michael Jeannée von der "Kronen Zeitung", in Steigerung von dessen vorangegangener Beschreibung als Schleimrevolver diesmal als "überstandige Indianersquaw" bezeichnet hatte.

Diese Definition ergab sich zwanglos aus dem vermeintlichen Erfordernis, einen groben Keil auf jenen groben Klotz zu setzen, den Jeannée dem "Falter" immer wieder hinwirft, indem er ihn als "Bolschewikenblattl" bezeichnet, ihn also der Propagierung von Staatsterrorismus, Massenmord und Gesinnungsterror zeiht.

Erstaunlich allein schon Armin Thurnhers Angst, irgendjemand in diesem Land könnte die erwähnte Ausgeburt von Jeannées Esprit so ernst nehmen, um ihretwegen den "Falter" tatsächlich der Propagierung von Staatsterrorismus, Massenmord und Gesinnungsterror zu zeihen. Noch erstaunlicher allerdings, wieso man zur Abwehr dieses schnöden Verdachts ausgerechnet auf eine überstandige Indianersquaw zurückgreifen musste, drängt sich doch der Zusammenhang zwischen Bolschewiken und Indianerinnen nicht unmittelbar auf. Der Mangel eines logischen Zusammenhangs störte Leserinnen und Leser, Twitterer und Twitterinnen weniger, umso mehr war es ihnen ein Anliegen, Thurnher in der Folge als Frauen- und Indianerfeind zu entlarven, was diesen wiederum zu einer ganzseitigen Kolumne verleitete, in der er seine antibolschewistischen Motive zu erläutern versuchte.

Er hätte es sich dabei leicht machen können. Wenn ich jemanden ein Arschloch nennen möchte, werde ich den Begriff nicht vornehm umschreiben. Muss man einem anderen sein Aussehen vorhalten? Man muss nicht, aber jeder ist für sein Gesicht verantwortlich, und wenn gewisse Anstandsgrenzen unterschritten sind (wiederholter Bolschewismus-Anwurf), bestehe ich auf meinem Recht, zurückzuschreiben. Warum er dann aber vom für ihn akzeptablen Arschloch ab- und auf die überstandige Indianersquaw ausgewichen ist, muss tiefere Gründe haben.

Sich dem Phänomen Jeannée physiognomisch zu nähern, wäre die Aufgabe, eines Lavater würdig. Ohne sich zu überschätzen, sieht sich Thurnher aber eher ein wenig in der Nähe von Jesus, der ja auch fälschlich beschuldigt wurde. Das Wasser, über das ich schreite, ist ein Tümpel - nicht jeder hat den See Genezareth vor der Haustür, aber schließlich galt es ein paar Twitterkommissarinnen zurechtzuweisen, die gleich einen anschwellenden Mückengesang von Sexismusundrassismus anstimmten. Und nicht nur sie, auch Leserbriefkommissarinnen fanden, unter anderem: Wenn es darum geht, dass ein Gockel den anderen lächerlich machen will, funktioniert es anscheinend immer noch am besten, ihn mit einer Frau zu vergleichen!

Die Wahrheit lag irgendwo zwischen Mücke und Gockel, war aber doch überraschend. Ich habe ein literarisches Klischeebild (Karl May) benützt, um Michael Jeannée grob zu treffen, und zwar auf, wie ich annehme, juristisch unanfechtbare Weise. Nun wäre es denkbar, dass sich Old Shatterhand gegen den Vorwurf des Bolschewismus eventuell mit der Formulierung "Räudiger Komantsche", wahlweise auch mit "Schleimpfeil", zur Wehr gesetzt hätte, ja vielleicht sogar mit dem Begriff, den Thurnher nicht vornehm umschreiben möchte. Es ist in dem an literarischen Klischeebildern reichen Werk Karl Mays aber keine Stelle bekannt, in der zu diesem Zweck auf eine überstandige Indianersquaw zurückgegriffen würde.

Man kann bei der Auswahl seiner Lektüre gar nicht sorgfältig genug vorgehen, vor allem wenn man daraus im argumentativen Notstand das eine oder andere literarische Klischeebild heranziehen will. Man soll aber, um die Erregung etwas zu dämpfen, mit der sich Thurnher gegen den Erregungszyklus wehrte, erwähnen, dass es nicht nur Leserinnen gab, die seine überhebliche Machowortwahl abstoßend fanden, sondern auch Leser, die seine blumige Sprache priesen.

Wie jede seiner Kolumnen schloss Thurnher auch diese mit dem Stehsatz: Im Übrigen bin ich der Meinung, der Mediamil-Komplex muss zerschlagen werden. Kein Wunder, wenn die überstandige Indianersquaw vom Bolschewikenblattl faselt. (Günter Traxler, DER STANDARD, 3./4.5.2014)

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