Die Armen sollen sich nützlich machen

Kolumne2. Mai 2014, 17:01
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Für ein Defilee der Habenichtse

Grauenhaft, dieser Neid der Besitzlosen. Auch heuer sind wir zum Ersten Mai wieder mit Hassbotschaften gegen die Vermögenden überschüttet worden. Die OECD mäkelt herum, dass die Reichen in den vergangenen dreißig Jahren noch viel reicher geworden seien. Und in den USA wird über den Ökonomen Thomas Piketty debattiert, der frech fordert, Vermögen über 100 Millionen Euro stärker zu besteuern!

Verkehrte Welt! Dabei wäre es längst an der Zeit, den Tag der Arbeit mit seinen verschwitzten Proleten, die den Rathausplatz unsicher machen, in einen Tag des Kapitals umzuwandeln, an dem die Plutokraten ihre Sorgen artikulieren können. Denn: Geld allein macht nicht glücklich!

Oder glauben Sie etwa, es sei lustig, von einem Tag auf den anderen mit der Verantwortung als Milliardenerbe dazustehen? Und wer würde schon gerne mit den millionenschweren Friends of Putin tauschen? Den ersten Bezirk in Wien aufzukaufen oder die blonde Luxusgrammel, mit der man gerade zusammen ist, auf dem Kohlmarkt mit dem fünfundvierzigsten Hermès-Schal zu beschenken, das kann ja wohl kein Lebensinhalt sein.

Um die Superreichen vor der ständigen Bedrohung durch Fadesse und Überdruss zu schützen, sollte die Gesellschaft überlegen, wie sie deren Schicksal kollektiv erleichtern kann. Eine Möglichkeit wäre die Einführung einer gesetzlichen Vorschrift, die unseren neofeudalen Verhältnissen auch äußerlich Ausdruck verleiht, indem Vermögende künftig mit heiteren neuen Adelstiteln angesprochen werden müssen ("Fürst Flocken", "Graf Gerstl", "Zar Zaster" etc.).

Möglichkeit zwei: Die Armen sollen damit aufhören, sich aus Scham in ihren verschimmelten Wohnungen zu verkriechen. Macht euch stattdessen nützlich, Habenichtse! Stellt eure Armutsmerkmale (zerschlissene Kleider, Fettbäuche, schiefe Zähne) taktvoll zur Schau. Formiert euch zu einem unaufdringlichen Defilee der Kirchenmäuse auf dem Graben oder der Kärntner Straße und vermittelt den Reichen so ein Kontrasterlebnis, das ihnen das Gefühl gibt, es hat auch Vorteile, reich zu sein.

Ein solches Armutsdefilee, das die Reichen bei Laune hält, trüge zur Standortsicherung bei und sollte staatlich unterstützt werden, etwa durch eine anschließende Gratisausspeisung. Und weil Hunger ja der beste Koch ist, würden Knackwürste und ein wenig Früchtetee sicher reichen. (Christoph Winder, Album, DER STANDARD, 3./4.5.2014)

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