Ein zerrissener Handschuh

Porträt3. Mai 2014, 12:00
11 Postings

Er mag keinen Chef haben. Deswegen das Boxen. Deswegen das Schreiben. Ein Porträt des bulgarischen Autors Palmi Ranchev

"Das gute Leben hat mich nie angezogen, das interessante schon", sagt Palmi Ranchev. Er lebt in Sofia. In Sofia leben nur ganz wenige gut. Nicht nur in Sofia. Im ganzen Land versucht die Mehrheit irgendwie über die Runden oder über die Grenze zu kommen. Palmi Ranchev ist Autor, ein sehr guter sogar. Doch auch die sehr guten Autoren können sich in Bulgarien nicht vom Schreiben ernähren, geschweige denn gut davon leben. Für ein Buch bekommt man 300 bis 500 Euro, wenn man überhaupt etwas bekommt. Stipendien gibt es keine. Das Kulturbudget reicht gerade, um die Löhne der Kulturbeamten zu zahlen. Unter solchen Bedingungen ist es kein Wunder, dass der Beruf des Schriftstellers vollkommen an sozialem Ansehen verloren hat. Ein großes Problem ist auch, dass die Mehrheit der zwei Millionen Menschen, die das Land in den letzten 20 Jahren verlassen haben, Leser waren. "Es ist eine große Katastrophe, wenn ein Land seine Leser verliert", sagt Ranchev. Er gehört zu jenen, die weiterhin hartnäckig gegen den Verfall des Begriffs Schriftsteller kämpfen. Und er weiß, wovon er spricht, denn er hat einen zweiten, für einen Autor eher seltenen Beruf, bei dem es nicht im übertragenen Sinn, sondern buchstäblich um Kämpfe geht. Er ist nämlich Trainer der bulgarischen Boxnationalmannschaft. Das Boxen und die Literatur sind zwei Leidenschaften, die ihn seit seiner Jugend begleiten.

Er ist in Sofia, in einem Haus ohne viele Bücher aufgewachsen. Eines Tages findet er im Haus drei lose Blätter, ausgerissen aus einem Buch. Es sind Gedichte. Der Junge liest sie und geht eine Weile wie berauscht durch die Sofioter Straßen. An dem Tag entdeckt er, der die Kraft der Fäuste schon gut kennt, auch die Kraft der Worte und beginnt viel zu lesen und selber zu schreiben. Auf den Blättern ist kein Name zu finden. Ein namenloser Dichter hat seine Initiation vollzogen. Heute weiß er, es war Heinrich Heine.

Jahrelang erfüllt ihn das Schreiben an sich vollkommen. Er hat nicht das Bedürfnis, das Geschriebene jemandem zu zeigen, geschweige denn vorzutragen. Er spricht lieber auf dem Ring, mit seinen Fäusten. Dort hat er sein Publikum.

Erst mit 41 veröffentlicht er sein erstes Buch, einen Gedichtband. Es folgen mehrere Erzählbände und die Romane Biblische Graffiti und Anonyme Scharfschützen. Seine Kämpfe habe ich nicht miterlebt, aber seine Texte gehören zum Besten, was die bulgarische Gegenwartsliteratur zu bieten hat.

Fast alle seiner Werke sind in Sofia entstanden, doch Orten und Plätzen misst er keine besondere Bedeutung bei. Er mag das Zentrum, die Parks, auf der Vitoschka zu flanieren. Seine Plätze sucht er nach dem Kaffee aus. Wo es guten Kaffee gibt, dort bleibt er. Der Kaffee ist wichtig, nicht der Ort, meint er. Momentan verbringt er viel Zeit im Café Kosta.

Gelebt hat er in den verschiedensten Vierteln der Stadt, in Löchern, in Häusern, in Plattenbauten. Nun wohnt er im Zentrum. Sofia ist für ihn das Zentrum. Er geht nur so weit spazieren, wie die Straßenbeleuchtung reicht. Er bleibt lieber beim Licht. Aber auch im Licht sind die seltsamsten Gestalten unterwegs. Warum gehst du so energisch oder warum lachst du, das Leben ist traurig, fragen sie so lange, bis sie einen Grund finden, dich von dem Schmerz und dem Kummer dieser Welt kosten zu lassen. "Irgendwie reize ich die Menschen. Vor der Wende dachte ich, es liegt an meinen bunten Hemden, die ich mir bei meinen Reisen zu Boxturnieren im Ausland gekauft habe. Irgendwann habe ich die Hemden gewechselt, doch geändert hat sich nichts. Aber was soll's, aus den Konflikten entsteht die Literatur."

Zu Hause hat er ein kleines Eckchen, wo er schreibt. Unter Leuten kann er auch schreiben, vorausgesetzt sie sprechen ihn nicht an. Aber er hat viele Freunde. Kaum sieht ihn jemand, schon ruft er nach ihm, schon sind alle genialen Ideen weg, und schon ist er wieder ein gewöhnlicher Mensch. "Die Freunde machen aus mir einen gewöhnlichen Menschen", lacht Ranchev.

Unlängst hat er einen Gedichtband herausgebracht. Gedichte sind etwas Zufälliges, ein Geschenk Gottes, erklärt er. Deswegen hat er ein kleines Heft bei sich. Und wenn ihn ein Gedicht aufsucht, dann läuft er in das nächstbeste Stiegenhaus und schreibt es auf. So sind eben Gedichte, schnell und direkt wie eine abgefeuerte Kugel. Manchmal brennen sie hinter der Schläfe. Nein, für Gedichte braucht er keinen Schreibplatz. In den unterschiedlichsten Sofioter Stiegenhäusern sind Palmi Ranchevs Gedichte entstanden. Orte, an denen sich sonst nur Verfolgte, Verliebte, Diebe und Mörder verstecken.

Nach der Wende sei er entweder arbeitslos oder Boxtrainer gewesen. Er mag keine Chefs haben. Deswegen das Boxen, deswegen das Schreiben.

Gegenwärtig ist Palmi Ranchev Trainer der bulgarischen Boxnationalmannschaft. Das Boxen ist für ihn wie eine Reinigung, sowohl für den Körper als auch für den Geist. Er mag die Arbeit mit den Jungen, er mag es, ihnen zu helfen, sich für ein paar Runden für das Zentrum der Welt zu halten. Die Talente in der Halle zu halten ist schwierig. Denn von dort rekrutiert am liebsten auch die Mafia ihre Leibwächter. 150 bis 600 Euro im Monat verdient ein Boxer, und dafür muss er hart kämpfen. Der einfachste Bodyguard dagegen bekommt schon 800 Euro. "Bei uns soll es kein Ministerium für den Kampf gegen das organisierte Verbrechen, sondern ein Ministerium des organisierten Verbrechens geben, denn da würden sowieso dieselben Leute sitzen."

Schon nach einem Tag in der Halle hat man so viel Stoff wie für Krieg und Frieden, doch er wehrt sich lange, über das Boxen zu schreiben. Er wollte nicht in eine Schublade gesteckt werden. Erst in diesem Jahr ist seine erste Sammlung mit Boxergeschichten erschienen. "Denn das Boxen ist nichts anderes als ein zerrissener Handschuh, durch den ich die Welt sehe, und das Zerrissene kennt jeder."

Palmi Ranchev kennt auch ein wenig die Welt. Er hat in Kuba, Kairo und Bagdad gelebt, wo er unter Saddam Hussein Trainer der irakischen Boxnationalmannschaft war. Er mag Barcelona, kennt New York. In New York würde er gern leben. Jeder, der in Sofia mal gelebt hat, fühlt sich sofort in New York wohl, behauptet er. Oft, sehr oft wollte er Bulgarien schon verlassen, doch etwas zieht ihn immer wieder zurück nach Sofia. Auf die Frage, was das ist, antwortet er mit einer Geschichte aus seinem Roman Biblische Graffiti: Da kehrt nach fünf Jahren in den Staaten die Hauptfigur nach Sofia zurück. Schon aus dem Flieger ekelt sie der Anblick der Stadt an. Und auch später, als sie durch die Straßen geht, bleibt der Ekel. Aber dann kommt sie auf den Slavejkov-Platz und tritt auf einen zur Hälfte abgebrochenen Stein am Gehsteig. Sie erkennt ihn. Schon vor fünf Jahren stand er abgebrochen da, und nun begrüßt er sie mit demselben Klappern. "Das ist es. Die Sofioter Steine ziehen mich zurück", sagt Palmi Ranchev, und nach einer Weile ergänzt er, "ich beseele nicht die Orte, an denen ich lebe. Ich mache sie nicht zu etwas Eigenem. Meine Frau tut es. Zu ihr kehre ich zurück." (Dimitré Dinev, Album, DER STANDARD, 3./4.5.2014)

Dimitré Dinev, geboren 1968 in Plowdiw (Bulgarien), arbeitet als österreichischer freier Schriftsteller und Theater- sowie als Drehbuchautor.

Ein europäisches Karussell

Zwischen 2006 und 2012 nominierten  lokale Jurys aus 16 Ländern (Bosnien, Bulgarien, Estland, Kroatien, Lettland, Litauen, Polen, Rumänien, Russland, Serbien, Slowakei, Slowenien, Tschechien, Türkei, ­Ukraine und Ungarn) Autorinnen und Autoren, aus denen eine internationale Jury, zuerst unter dem tschechischen Schriftsteller Jiří Gruša (1938–2011), dann unter seinem ungarischen Kollegen György Dalos Preisträger aussuchte, die mit dem Bank-
Aus­tria-Literaris-Preis für Prosa, einer Auszeichnung für den besten Lyrikband sowie sieben "Writer in Residence"-Stipendien von KulturKontakt Austria gewürdigt wurden. Die Aktion „Ein europäisches Karussell“, im Rahmen deren der ­Standard zehn Texte osteuropäischer Autoren pu­bliziert, will einen Beitrag zur verstärkten Rezeption osteuropäischer Literatur leisten. Es werden Autoren besucht und mit ihrer Literatur in der Landschaft präsentiert: vom Roadmovie zum Road-Feuilleton.

Zum "Europäischen Karussell" erscheint ein Kartonschuber mit neun Bänden 2222 S., € 75 plus zehn Euro Versand­kosten, versandkostenfrei für STANDARD-Abonnenten.

Die Aktion wird unterstützt von: DER STANDARD, Bank Austria Literaris, Ö1 und dem Wieser-Verlag.

Zu beziehen über Ihre Buchhandlung oder über: office@wieser-verlag.com, Fax: 0463/370 36, per Post: Wieser-Verlag, 8.-Mai-Straße 12, 9020 Klagenfurt/Celovec. Ö1 spielt vom 4. Mai an "Karussell"-Texte in "Ex Libris" (jeweils Sonntag 16 Uhr).

www.wieser-verlag.com

  • "Es ist eine große Katastrophe, wenn ein Land seine Leser verliert", sagt Palmi Ranchev. Er kämpft weiterhin hartnäckig gegen den Verfall des Begriffs "Schriftsteller".
    foto: archiv wieser

    "Es ist eine große Katastrophe, wenn ein Land seine Leser verliert", sagt Palmi Ranchev. Er kämpft weiterhin hartnäckig gegen den Verfall des Begriffs "Schriftsteller".

Share if you care.