Bildband: Ewiger Parkplatz

Ansichtssache15. Mai 2014, 14:04
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Ein Buch über die skurrilsten Autofriedhöfe Europas

Umweltfreundlich ist die Sache nicht, aber schon sehr schön. Traurig auch. Aber das liegt in der Natur der Sache, denn die heißt Friedhof, genauer gesagt Autofriedhof. Wer glaubt, dieser sei ein amerikanisches Kulturgut, der irrt. Automobile segnen das Zeitliche auch hierzulande nicht nur in der Schrottpresse. Und doch mutiert der Autofriedhof zur aussterbenden Gattung. Dabei ist der letzte und ewige Parkplatz ein Ort an dem sich Autos im Gegensatz zur brutalen Presse sehr langsam, vor allem aber würdevoll endgültig von Gassen, Straßen und Autobahnen verabschieden.

Wie Dinosaurierskelette

Das zeigt auch der Autofan und Fotograf Thorsten Müller, der europäische Autofriedhöfe von Griechenland bis Finnland besuchte. Das Ergebnis lässt sich auf 144 Seiten in dem Buch "Endstation. Die skurrilsten Autofriedhöfe Europas" sehen. Fotografiert hat er Einzelgräber ebenso wie massenhaft dahinrostende Karossen. Rollten die Wagen einst blankpoliert aus den Fertigungsstraßen, erinnern sie hier an Dinosaurierskelette der Industriegesellschaft. 

Abgebildet sind VW Käfer und andere alte Bekannte, aber auch längst verschwundene Marken wie Borgward oder Panhard. Sie alle gehen auf ganz eigene ästhetische Art eine Symbiose mit der Natur ein, zum Beispiel der abgebildete Lancia Aprilia, der zwischen 1937 und 1949 gebaut wurde. Längst haben es sich auf ihm kleine Moosteppiche gemütlich gemacht. Doch Autofriedhöfe sind nicht nur romantische Nostalgieorte für Oldtimerfans und Moosforscher, sie sind auch Orte der Design- und Technikgeschichte sowie eine Art natürliches Museum in Progress.

Der Motorraum als Blumentrog

Angesichts der Fotos fragt man sich danach, was wohl alles in diesen Wagen geschah, welche Musik der Fahrer gern hörte, wohin die erste Ausfahrt führte, zum Beispiel jene des Peugeot 203, der von 1948 und 1960 aus der Fabrik kam. Auf einem der Bilder sieht man ihn von Reisig bedeckt. Aus dem offenen Motorraum sprießt ein prächtiger Farn, als wäre dieser Ort ein Blumentrog. Aber auch die persönlichen Fantasien reichen nicht aus, den Autofriedhof zur Gänze zu charakterisieren. Noch ein Merkmal macht diese geistvollen Schrottplätze zu etwas ganz eigenem: Autos verändern sich hier durch äußere Einflüsse vom Massenprodukt zum Unikat und kehren sich auch in ihrer Sinnhaftigkeit um. Vom mobilen Objekt, vom Transportmittel, das einst über die Straßen brauste, ist es hier zum ewigen Stillstand verbannt, denn von diesen Wagen springt keiner mehr an. (Michael Hausenblas, derStandard.at, 15.5.2014)

Thorsten Müller
Endstation
Die skurrilsten Autofriedhöfe Europas
Verlag Delius Klasing
144 Seiten, 25,60 Euro

foto:thorsten müller/delius klasing
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