Ich hab dem Qualtinger zweimal die Tür aufgesperrt

8. Mai 2014, 05:30
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Der Architekt und Designer Martin Mostböck wohnt seit 1984 im Heiligenkreuzerhof mitten in der Wiener City - im dritten Stock ohne Lift

Der Architekt und Designer Martin Mostböck wohnt im Heiligenkreuzerhof mitten in der Wiener Innenstadt. Michael Hausenblas besuchte ihn und ließ sich erzählen, dass Styling nichts mit Stil zu tun hat.

"Ich bin hier im September 1984 eingezogen, als ich des Studiums wegen aus dem Burgenland nach Wien kam - also vor knapp 30 Jahren. Meine mittlerweile verstorbene Mutter ist in dieser Wohnung aufgewachsen. Heute wohne ich hier mit meiner Frau und unserer achtjährigen Tochter im dritten Stock eines Gebäudes, das zum Heiligenkreuzerhof in der Wiener Innenstadt gehört.

Der Gestalter Martin Mostböck im Wohnzimmer seiner Wohnung, von wo aus er auf den großen und sehr ruhigen Heiligenkreuzerhof blicken kann. (Foto: Lisi Specht; Bildansicht durch Klick vergrößern)

Dritter Stock ohne Lift - das bedeutet 76 Stufen! Neulich habe ich spaßhalber ausgerechnet, dass ich in diesem Haus mittlerweile an die dreieinhalb Millionen Stufen erklommen haben muss. Wie viele Höhenmeter das sind, kann ich jetzt auf die Schnelle nicht sagen. Das hätte ich auch noch ausrechnen sollen. Als halber Burgenländer denkt man wahrscheinlich eher in die Weite als in die Höhe.

Bis ins 18. Jahrhundert war das Haus nur einstöckig. Ursprünglich waren hier Stallungen untergebracht. Die Grundmauern der Anlage gehen bis auf die Babenbergerzeit zurück. Das Historische dieses Ortes ist schon von Bedeutung für mich, aber man gewöhnt sich daran. Die beiden Tore zum großen, ruhigen Innenhof werden übrigens - nach wie vor - täglich um punkt 21 Uhr geschlossen. Ich mag das Städtische hier sehr gern. Allein deshalb möchte ich nicht von hier fort. Es ist wunderbar, fast alles zu Fuß erledigen zu können.

Was die neuere Geschichte dieses Ortes betrifft, kann ich erzählen, dass auf der Einserstiege früher der Helmut Qualtinger gewohnt hat. Ich hab ihm seinerzeit zweimal die Tür aufgesperrt, um nicht zu sagen: aufsperren dürfen. Er war in diesen Momenten, wie soll ich sagen, nicht gerade standfest. Aber zurück zum Wohnen: Die Fläche der Wohnung beträgt etwa 100 Quadratmeter, der Grundriss ist eine typische sogenannte Perlenreihe. Das heißt: zentraler Eingang, Küche mit angeschlossenem Bad, Wohnzimmer, Schlafraum, Kinderzimmer und integrierter Arbeitsraum, alles der Reihe nach aufgefädelt. Die Raumhöhe beträgt circa dreieinhalb Meter.

Den Stil der Wohnung würde ich als authentisch bis eigenwillig bezeichnen, vielleicht auch als reduziert und das Neue neben dem Alten zulassend. Ich denke schon, dass man als Architekt und Designer anders wohnt. Man legt mehr Wert auf Möbel und Ambiente - und nicht nur auf das, was Styling genannt wird. Styling ist für mich etwas Nichtauthentisches und wird heute oft mit Stil und wirklichen Inhalten verwechselt. Der Grafikdesigner Stefan Sagmeister hat einmal frei übersetzt geschrieben: 'Styling=Furz'. Ich glaube, er hat recht. Viele Menschen versuchen sich mit Styling abzusichern. Sie trauen sich nichts zu und haben Angst, eine Art kreativen Fehler zu begehen. Sie wollen lieber dem Mainstream entsprechen. Dabei geht es doch eigentlich darum, Dinge in die Wohnung zu stellen, die einem wirklich am Herzen liegen.

Seinen Stil zu finden, das ist ein langwieriges Ausleseverfahren. Es geht um Stücke mit Charakter wie zum Beispiel die Leuchte Arco von den Brüdern Castiglioni. Die hab ich schon als Student bewundert. Nachdem ich die Ziviltechnikerprüfung absolviert hatte, hab ich sie mir selbst zum Geschenk gemacht. Natürlich gibt's in der Wohnung auch einige Entwürfe von mir: Sessel, Tische, Leuchten. Die Dinge müssen schließlich ausprobiert werden, bevor sie in den Handel kommen.

Ich habe übrigens aufgehört, die Wohnungen anderer Leute zu analysieren. Meine Frau sagte früher nämlich, man könne mit mir nirgends mehr hingehen, ohne dass ich etwas kritisiere. Doch, doch, natürlich geh ich noch immer zu anderen nach Hause, aber inzwischen habe ich gelernt, mich zurückzuhalten." (DER STANDARD, 3.5.2014)

Martin Mostböck wurde 1966 in Wien geboren. Er studierte Architektur und arbeitete mit dem Wiener Büro Coop Himmelb(l)au in den Bereichen Architektur, Städtebau und Design. Für seine Arbeiten hat er eine Reihe von Designpreisen und Nominierungen erhalten, beispielsweise den Red Dot Award, den Good Design Award oder den Adolf-Loos-Staatspreis Design. Seine Entwürfe sind Teil international renommierter Sammlungen wie jener des Museum of Arts and Design in New York, des Designmuseums Holon in Tel Aviv oder des Museums für angewandte Kunst in Wien.

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martin-mostboeck.com

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