Normierte Körper und Puderzucker

2. Mai 2014, 17:03
7 Postings

Einübung in die Erniedrigung. Von Julya Rabinowich

"Mens sana in corpore sano" ist ein Spruch, den sich Mario Plachutta und Heidi Klum im systemischen Sinne zu Herzen nehmen sollten. Nicht immer wohnt in einem gsunden Betrieb ein gsunder Geist. Germany's Next Topmodel hat vor allem den Klums und ihrer Modelagentur Geld und den beworbenen Produkten Aufmerksamkeit gebracht.

So gut wie keine der Gewinnerinnen, die anschließend von Klum betreut wurden, erreichte je eine internationale, nicht einmal eine ernsthafte heimische Karriere. Das Einzige, das überproportional wuchs, war Heidis Besitz und die Dauer der Werbeeinschaltungen von einem Viertel auf ein Drittel der Sendung. In diesem Tempo erleben wir bald einen einstündigen Werbeblock für Billigstschminke und Autos, der ab und zu von kurzen Episoden mit weinenden Mädchen und den launigen Meldungen von Sugardaddy Joop und der blonden Domina mit der Lizenz zum Lästern unterbrochen wird. "Ist einfach so", piepst Klum die Hoffnungen einer dunkelhäutigen Kandidatin vom Tisch. "In Deutschland gibt's keinen Markt für dich." Klum hinterfragt diese Botschaft nicht. Ist so. Bleibt so.

Joops Angewohnheit, beständig an den Minderjährigen und/ oder im Abhängigkeitsverhältnis Stehenden herumzugriffeln, als wäre er in Seenot und sie der einzige Halt in seinem Leben, vermittelt folgende Botschaft: Wenn du in deiner Karriere weiterkommen willst, musst du über den Ekeljordan.

Beständig predigt auch Klum die Litanei der Ausbeutung: Wenn du uns überzeugen willst, Generation Praktikum, gehe über alle deine Grenzen. Damit du irgendwann jedes Gespür dafür verlierst und jede Selbstachtung, dann hat der Markt ein leichteres Spiel mit dir. Du bist eine Ware mit Ablaufdatum, weiter nichts. Das impliziert auch Plachutta, wenn er seine Mitarbeiter zu den "drei Ls - Lachen, Laufen, Leisten" drillt und sie erniedrigt. Was ist schon ein dahergelaufener "eh nur Slowake" gegen die Locke des Kaisers, die Plachutta erworben hat? Und so eine Locke kostet. Mario Antoinette führt also vor: Wenn man des Kaisers Devotionalien kauft, muss man eben beim Zucker sparen.

"Sei sexy" lautete der Befehl an 16- bis 19-Jährige, die in Reizunterwäsche über den Laufsteg gejagt wurden. Dann ein niederschmetterndes: "Du bist aber nicht sexy." Damit hatte die Sendung für mich jede Grenze hinter sich gelassen. Es gibt eine Verantwortung Erwachsener Jugendlichen gegenüber. Das Argument, keiner müsse sich das antun, greift zu kurz. Wenn das Prekariat einen an den Rand abgedrängt hat, bevor man noch auf die Straße des Arbeitslebens aufgefahren ist, ist die Auswahl nicht groß. Sendungen à la GNTM bereiten Nachfolgerinnen und Nachfolger vor, die beigebracht bekommen, nichts wert zu sein. (Julya Rabinowich, Album, DER STANDARD, 3./4.5.2014)

Share if you care.