Alles Verstehen ist ein Übersetzen

2. Mai 2014, 17:40
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Worte als verirrte Lebensretter: Das Lexikon "Schrift ahoi!" führt den Leser in vielerlei Hinsicht zu neuen Ufern

"Unsere Fluglinien", schreibt Christoph Ransmayr in Die Schrecken des Eises und der Finsternis, "haben uns schließlich nur die Reisezeiten in einem geradezu absurden Ausmaß verkürzt, nicht aber die Entfernungen, die nach wie vor ungeheuerlich sind. Vergessen wir nicht, dass eine Luftlinie eben nur eine Linie und kein Weg ist und: dass wir, physiognomisch gesehen, Fußgänger und Läufer sind."

Die Sehnsucht nach fremden Welten, nach dem Fort- und Wegsein, nach einem neuen, anderen, besseren Leben haben aus dem ehemaligen Läufer Mensch mit der Zeit einen vom Fliegen Träumenden, vor allem aber einen Seefahrer gemacht. "Navigare necesse est, vivere non est necesse", "Seefahren ist nötig, Leben ist nicht nötig", lautet ein Plutarch zugeschriebener Satz. Und: "Von den Wogen geschüttelt, wird es doch nicht untergehen", verspricht das Motto unter dem Stadtwappen von Paris, das ein Schiff ziert.

Vom Über-setzen, Schreibstürmen und dem Buch, dieser Konserve für Erinnerung, Glück und Schönheit, das den Leser gleichsam als Kompass durch Not und Fährnisse des Lebens leiten kann, handelt der Band Schrift ahoi! Brigitte Schwens-Harrant, Leiterin des Feuilletons der Furche, hat ihn gemeinsam mit dem Bonner Professor für Pastoraltheologie Jörg Seip im Klever-Verlag herausgegeben. Allerdings wird in diesem Buch nicht nur Seemannsgarn gesponnen, von Passagen geträumt und über Abschiede sinniert, sondern auch ganz handfest in Lexikonform der Faden der Literatur mit dem Seil der Schifffahrt vertäut.

Von "Ablegen" bis "Seewetter", von "Kapitän" bis "Proviant" führen einen die Stichworte. Jedes davon ist ein kleiner Essay über das Unterwegssein, das Lesen, Erfindung, die Gefahren des Meeres und das Handgemenge mit der Realität. Doch das ist nicht alles, denn jeder Eintrag ist von kursiv gesetzten Passagen durchzogen, bei denen es sich um Zitate aus Büchern handelt, die am Ende des Artikels ausgewiesen sind.

In diesem Sinne führt Schrift ahoi! den Leser in vielerlei Beziehung zu neuen Ufern. Plötzlich stößt man auf den Satz "So stemmen wir uns voran, in Booten gegen den Strom und werden doch immer wieder zurückgeworfen ins Vergangene." Man schaut nach und denkt sich, dass es nicht schlecht wäre, wieder einmal den Großen Gatsby zu lesen.

Viele Autoren werfen in diesem gut geschriebenen und schön gemachten Buch ihre Wellen (u. a. Aichinger, Hoppe, Hemingway und Woolf). Man stößt aber auch auf unbekanntere Namen, etwa unter dem Lexikoneintrag "Seemannsgarn" auf jenen von Jón Kalman Stefánson, aus dessen Roman Himmel und Hölle, in dem zwei der Poesie verfallene Jungs für einen Fischer arbeiten, eine kurze Passage zitiert wird. "Unsere Worte sind verirrte Lebensretter mit nutzlosen Landkarten und Vogelgezwitscher an Stelle von Kompassen. Verwirrt und hoffnungslos verirrt, und trotzdem sollen sie die Welt retten, erloschenes Leben, dich und hoffentlich auch uns." (Stefan Gmünder, Album, DER STANDARD, 3./4.5.2014)

Brigitte Schwens-Harrant, Jörg Seip, "Schrift ahoi! Literatur als Seefahrt. Ein Lexikon." € 19,90 / 200 Seiten. Klever 2013

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