Wenn gefeierte Stärken kippen

Interview3. Mai 2014, 11:00
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Stärken werden Schwächen, wenn sie zu dominant werden, und sind dann Grund für einen Hinauswurf, sagt Executive Coach Claudia Daeubner zu Karin Bauer. Sie benennt, was sie häufig beobachtet.

DER STANDARD: Man sagt gern, dass Manager wegen ihrer fachlichen Kompetenzen geheuert, wegen ihrer sozialen gefeuert werden ...

Daeubner: Ich würde eher sagen: Die Gefahr liegt in der Kluft zwischen Eigen- und Fremdwahrnehmung. Jede Stärke wird zur Schwäche, wenn sie zu dominant wird, Manager selbst erkennen das oft nicht, und das berufliche Umfeld vermittelt das auch nicht.

DER STANDARD: Lauter Jasager und Bewunderer rundum?

Daeubner: Kritik wird ab gewissen Machtpositionen nur mehr hinter vorgehaltener Hand geübt. Vor allem in wirtschaftlich angespannten Zeiten mit wenig guten Joboptionen verbergen die Direct Reports ihre wahren Gedanken, tragen Masken und zeigen vor allem angepasste Reaktionen. Korrekturimpulse für das Verhalten bleiben also aus.

DER STANDARD: Des Kaisers neue Kleider?

Daeubner: Ja, dieser Effekt tritt ein, und dann kommt der Rauswurf ganz überraschend. Aufsichtgremien sind derzeit besonders aufmerksam und handeln auch schnell.

DER STANDARD: Beispiele für Stärken, die zu Schwächen werden?

Daeubner: Brillanz etwa, die sich in konzeptionellem Denken, schneller Auffassung, exzellentem Ausdrucksvermögen und hervorragendem Auftreten zeigt, kann im Zuge des Aufstiegs, wenn immer wieder bestätigt wird, besser als die Mitstreiter zu sein, leicht zu Selbstzentriertheit führen: Ideen anderer werden geringgeschätzt oder ignoriert. Oder Engagement, Einsatzbereitschaft, Loyalität: Wer die Stunden nicht zählt und allzeit bereit ist, macht den Vorstand auf sich aufmerksam, zeigt Bereitschaft für höhere Weihen. Mitarbeiter sind häufig die Leidtragenden - Wochenendarbeit, Nachtschichten, Überstunden sind für solche Führungskräfte selbstverständlich. Eine hohe Fluktuation im Team und Burnout sind die Folgen von solchem Despotismus. Ambition kann in Gier umschlagen, wenn nicht mehr sicher ist, dass sie dem Unternehmen, sondern eigentlich nur mehr dem persönlichen Erfolg und der Eitelkeit dient. Eine ausgezeichnete Fachexpertise läuft Gefahr, zum Tunnelblick zu verkommen.

DER STANDARD: Die Lösung?

Daeubner: Die Kluft der Wahrnehmung schließen durch Blicke von außen, Reflexion in Gang setzen.
(DER STANDARD, 3./4.5.2014)

Claudia Daeubner arbeitet international als Beraterin von Führungskräften.

  • Executive Coach Claudia Daeubner
    foto: archiv

    Executive Coach Claudia Daeubner

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