Erleben statt Frontalunterricht

2. Mai 2014, 08:38
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Ein Plädoyer für erlebnisorientierte Trainings

Personalentwicklungsabteilungen stehen vor der Herausforderung immer effizientere Trainings anzubieten. Die Mitarbeiter haben wenig Zeit und die Trainingsbudgets werden laufend gekürzt. Es ist daher wichtig, ein Setting zu wählen, mit dem die beabsichtigte Wirkung in möglichst kurzer Zeit erzielt wird.

Je intensiver und ehrlicher sich die Teilnehmer mit dem Thema auseinandersetzen, umso größer ist die Chance nachhaltiger Effekte. Mit Frontalvorträgen und Erklärungen, wie etwas ablaufen sollte, ist dieses Ziel nicht  zu erreichen.

Die Menschen müssen erkennen, wie sie selbst zu einem Status quo beitragen, und was sie selbst an sich ändern müssen, um zu einer Änderung in der Organisation zu führen. Für den Professor am Bostoner MIT, Peter Senge, ist Systemdenken die wichtigste Disziplin für die lernende Organisation. Kurz gefasst bedeutet Systemdenken, dass die Mitarbeiter einerseits die Wirkung von Systemen erkennen, aber auch sich selbst als wesentlichen Teil dieses Systems und damit seiner Veränderung wahrnehmen.

Die beabsichtigten Veränderungen können verschiedene Ziele haben: sie können darauf ausgerichtet sein, die Kommunikation in einem Team zu verbessern, die Führung effektiver zu gestalten, oder zum Beispiel Mitarbeiter im Rahmen eines Diversity-Workshops auf Unterschiede im Team zu sensibilisieren. Die Veränderung kann auch sein, dass die Teilnehmer sich bewusst zum Status Quo bekennen. Aber auch dafür braucht es innere Überzeugung.

Möglichst rundum erreichen

Der Erfolg eines Trainings hängt vor Allem davon ab,  ob es gelingt, die Teilnehmer auf möglichst vielen Kanälen zu erreichen. Hier setzen handlungsorientierte Entwicklungsmaßnahmen an. Durch die moderierte und reflektierte Betrachtung des eigenen Verhaltens oder jenes der Gruppe sollen die Teilnehmer ihre Wahrnehmung von Mustern und deren Wirkungen schärfen.

Das an der Universität Wien entwickelte Konzept für Integrative Outdoor-Aktivitäten  liefert dafür einen wissenschaftlich fundierten Ansatz. Das Konzept setzt dabei auf allen Ebenen an, die in Bezug auf die Wirkung von Trainings zu beachten sind. Die handlungstheoretische Ebene betrachtet unter anderem die Frage, unter welchen Voraussetzungen Entwicklungs- und Lernprozesse im Menschen stattfinden. Ein Prozessmodell beschäftigt sich mit der Konzeption von Trainings und der "Bogen" beantwortet die Frage, wie eine Übung oder "Intervention" zu gestalten ist, um Wirkung beim einzelnen Menschen und damit im System zu erzeugen.

Die Anwendung des Konzepts gewährleistet, dass der Trainer kein Training "von der Stange" anbietet, sondern maßgeschneidert auf die Bedürfnisse des Kunden ein Konzept für die Veranstaltung entwirft. Dies beginnt bei der Analyse der Ausgangssituation auf Basis des Auftragsgesprächs bis zur konzentrierten Durchführung  und der sorgfältigen Reflexion zur Sicherstellung des Transfers des Gelernten in den betrieblichen Alltag. Dabei ist ein Setting zu schaffen, das die Teilnehmer fordert, ohne sie zu überfordern.

Planen - auch den Freiraum

Die Auswahl an handlungstheoretischen Übungen ist mannfaltig und wird laufend bunter. Aber egal ob es sich um eine kurze Sequenz im Seminarraum während eines Workshops, um gemeinsames Kochen oder um eine mehrtägige Wanderung mit Übernachtung auf einer Selbstversorgerhütte handelt: wichtig ist es in der Vorbereitung und Durchführung nichts dem Zufall zu überlassen und gleichzeitig jene Freiräume zu schaffen, die Lernen erst ermöglichen.

Handlungsorientierte Aktivitäten sind zum Beispiel ideal, wenn es darum geht, in einem neu geschaffenen Projektteam den Kennenlernprozess zu beschleunigen, um damit das Abtasten zu Beginn zu beschleunigen und das Team schneller in Gänge  zu bekommen. Ein andere Anwendung wäre, im Rahmen eine Führungskräfteentwicklung Führung in unterschiedlichen Settings aktiv und passiv zu erleben, um danach darüber zu reflektieren und damit die Wahrnehmung  für die Wirkung des eigenen Führungsverhalten zu schärfen. (derStandard.at, Hans Fruhmann)

Hans Fruhmann ist Country Manager Österreich für Outward Bound, Organisation für erlebnisorientiertes Lernen, Berater und Trainer in Wien.

 

  • Was beim einzelnen Menschen wirkt, wirkt auf die Organisation: Gar nicht so einfach, mit fremden Teammitgliedern zu kochen...
    foto: archiv

    Was beim einzelnen Menschen wirkt, wirkt auf die Organisation: Gar nicht so einfach, mit fremden Teammitgliedern zu kochen...

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