Unter den Dächern von Cannes

4. Mai 2014, 17:23
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Hitchcock hätte es auch nicht besser inszenieren können: Grace Kelly kehrt als Filmbiografie zurück an die Côte d'Azur

John Robie hätte es heute schwerer als damals. Inzwischen gibt es massive Riegel vor den Zimmerfenstern und Überwachungskameras in den Korridoren. Und sehr unauffällige Security-Leute. Aber wenn jemand die Fenster bei Nacht einen Spalt offen lässt, damit er das Meeresrauschen und die Autos unten auf der Croisette von Cannes hören kann, flattern die Vorhänge noch genauso im Wind wie damals Mitte der 1950er-Jahre vor der Filmkamera.

Wie damals, als wieder und wieder erst nur ein Arm von draußen in die Zimmer griff und schließlich ein schwarzer Schatten im Mondlicht hereinsprang und Juwelen raubte. Was ebenfalls so ist wie früher, sind die niedrigen Metallgitter zwischen den kleinen Balkonen im sechsten Stock: allesamt leicht überwindbar für einen geübten Kletterer wie John Robie alias "die Katze" - für den erfolgreichsten Juwelendieb seiner Zeit an der Französischen Riviera. Alfred Hitchcock hat ihn mit seiner Verfilmung von To Catch a Thief dazu gemacht.

"Hier? Bei uns in den Zimmern? Hier ist in all den Jahren seitdem nichts passiert. Keine spektakulären Diebstähle, kein Schaden für die Gäste. Das gab es nur im Film", erinnert sich Louis Menin, der 1946 als Etagenkellner im Room Service angefangen, diese Abteilung später geleitet und das Filmteam damals bedient hat. Heute ist er fast neunzig Jahre alt und weiß noch genau: "Damals, im Frühsommer 1954, da wurde gestohlen - aber nur für die Kamera.

Und wenn es zu Louis Menins aktiver Zeit und selbst in den Jahrzehnten danach tatsächlich keine Schmuckdiebstähle im Carlton gegeben haben mag - ausgerechnet 2013, im Jahr des hundertsten Hotelgeburtstags, war es doch so weit. Der Täter musste dafür weder klettern können noch Stiegen steigen. Katzenhafte Eleganz war nicht gefragt. Ob es ein Gentleman-Ganove war, ist auch nicht bekannt. Er marschierte ins Gebäude, wo in einem der Veranstaltungsräume gerade eine Juwelenausstellung stattfand. Ohne einen Schuss abzugeben, räumte er in Windeseile die Vitrinen leer und entkam unerkannt mit einem Koffer voller Juwelen. Der Täter ist flüchtig, die Beute wird auf 103 Millionen Euro geschätzt. Filmreifer Stoff.

Andere Dächer im Deutschen

John Robie, den Gentleman-Dieb von damals, hat bekanntermaßen Cary Grant gespielt. Menin hat ihn als sehr freundlichen Herren im Gedächtnis, als im Carlton an der Croisette von Cannes To Catch a Thief gedreht wurde: ein Welterfolg, der in der deutschsprachigen Fassung den nicht ganz akkuraten Titel Über den Dächern von Nizza bekam.

Dem Hotel hat er zu Prominenz verholfen, auf der Leinwand und darüber hinaus. Gebraucht hat das Haus diese Art Werbung nicht. Der 1911 eröffnete und bereits 1913 erweiterte 382-Zimmer-Koloss mit seinen fünf Sternen konnte sich nie über Mangel an Auslastung beklagen, und war schon vor diesem Film so etwas wie das Herz des 1946 ins Leben gerufenen Filmfestivals von Cannes.

John Robies Spezialität war es, katzenhaft über Fassaden und Dächer zu den Verstecken des wertvollen Schmucks seiner Opfer vorzudringen. Er wurde in Paris gefasst, hatte seine Strafe dafür abgesessen, der Kriminalität abgeschworen - so weit die Vorgeschichte. Im Film kommt es aber erneut zu Diebstählen in Cannes, die exakt der Arbeitsweise von Robie entsprechen und enorme Kletterkünste voraussetzen.

Längst wieder von der Polizei verfolgt, bleibt ihm nur, den Täter auf eigene Faust zur Strecke zu bringen und sich dabei bereits im Vorfeld die Rückendeckung eines Versicherungsagenten zu sichern. Dieser stellt den Kontakt zur amerikanischen Millionärin Jessie Stevens (Jessie Royce Landis) her, die mit ihrer 24-jährigen Tochter Francie, gespielt von Grace Kelly, im Carlton abgestiegen ist - mit reichlich Juwelen im Gepäck. Der Familienschmuck wird natürlich gestohlen. Im Verdacht: John Robie. Doch neben der Krimihandlung entspinnt sich von nun an auch eine Liebesgeschichte.

Nach Cary Grant ist im Hotel heute eine der Suiten benannt, eine andere nach Alfred Hitchcock, eine weitere nach Grace Kelly. Sie lernte hier bei der Filmpremiere 1955 Fürst Rainier von Monaco kennen, den sie ein Jahr später heiratete. Sie zog daraufhin für immer an die Côte d'Azur, die sie einst für den Film das erste Mal bereist hatte und war fortan Fürstin Gracia Patricia.

Anträge in der Kelly-Suite

Kein Wunder, dass "ihre" Suite heute häufig von Hochzeitsreisenden gebucht wird - oder von Männern, die ihrer Begleitung dort einen Heiratsantrag unterbreiten wollen und die passende Blumendeko gleich mitbuchen - das nötige Kleingeld vorausgesetzt. Die Nachfolger von Louis Menin kümmern sich heute um Extrawünsche wie diesen. Er selber ist 1984 pensioniert worden. "Manchmal", sagt der kleine Mann mit dem Haarkranz, "möchte ich zurück hierher ins Hotel und wieder arbeiten." Er lächelt, während er einen Tee in der Bar unten im Erdgeschoß trinkt und dort fast im Sessel versinkt: "Aber meine Frau lässt mich nicht mehr." Sie klopft ihm derweil liebevoll mit der flachen Hand auf den Unterarm. Das soll so etwas heißen wie: "Auf keinen Fall lasse ich dich!"

Wie das damals bei Hitchcocks Dreharbeiten war? In den Fünfzigern? Das weiß Menin noch genau. Viel Aufwand, die Kameras und Scheinwerfer, die vielen Leute. Erst haben sie in Zimmer 623 gedreht, dann unten am Strand vorm Hotel, wo Carry Grant und Grace Kelly zu einem Ponton schwimmen mussten. Einen Monat lang, erinnert sich Menin, sei Hitchcock hier gewesen. Und was alle Bilder aus der Vergangenheit überlagert, ist dies: "Grace Kelly war sehr, sehr schön. Magnifique! Mehr noch als auf der Leinwand!"

Ob dieser Film auch Einfluss hatte auf Fabrice Le Roy? Der antwortet mit einem lang gezogenen "Ouuii" darauf, während er den Zündschlüssel seines roten 1967er Mercedes 250 SL Pagoda umdreht: So etwas wie "Ja, selbstverständlich" soll das heißen. Denn Le Roy sammelt flotte Oldtimer, automobile Klassiker vor allem aus den 1950er und 60er-Jahren - solche, die bei To Catch a Thief über die Leinwand fahren. Typische Riviera-Autos.

Es sind Wagen wie das Cabrio vom Typ Sunbeam Alpine Mark III, in dem Grace Kelly als Francie Stevens den vermeintlichen Juwelendieb John Robie alias Cary Grant im Rallye-Tempo über die Serpentinen der hoch gelegenen Grand Corniche zwischen Nizza und Monaco chauffiert, um ihn schließlich in einer Kurve mit bestem Blick aufs Meer und auf Monte Carlo zu küssen.

Wo die beiden vor Hitchcocks Kamera gepicknickt haben, steht heute ein Haus. Trotzdem sind viele Kilometer ihrer Cabrio-Fahrtstrecke durchs unmittelbare Hinterland der Côte d'Azur unverbaut geblieben - Fabrice Le Roys liebste Route für seine Ausflugsfahrten. Die kurze Strecke aus dem Film ist in Wirklichkeit gut hundert Kilometer lang. Hitchcock hat auch hier beim Schnitt gemogelt und mehrere besonders schöne Streckenteile zusammengefügt, die in der Wirklichkeit so nicht aufeinanderfolgen.

25 Autoklassiker hat Le Roy inzwischen in seiner Garage stehen und vermietet sie seit kurzem: oft an Leute, die auf den Spuren genau dieses Filmes fahren wollen, manchmal an welche, die sogar die Dialoge auswendig kennen. Sein Geschäft würde wahrscheinlich auch so funktionieren, aber im Sog dieses Filmes läuft es immerhin mehr als ein halbes Jahrhundert nach dessen Kinopremiere umso besser.

Alltag ohne Autogramme

Louis Menin hat den Film ein paar Mal gesehen, nie ein Cabrio besessen, nie auch nur eine Statistenrolle während einer der vielen Filmdrehs der Folgejahre an der Riviera bekommen. Hat er auch Autogramme der Stars? "Hätte ich bloß gefragt!", sagt er heute. "Aber das habe ich nie getan. Nicht einmal daran gedacht! Es war alles so normal, es war mein Alltag, diese Leute zu treffen." Wäre so ein Leben auch anderswo möglich gewesen? Er denkt einen Moment nach, und seine Augen scheinen in die Unendlichkeit zu schauen: "Ich weiß nichts über andere Hotels. Ich hatte das Glück, die besten Jahre hier zu erleben, die Fünfziger, die Sechziger, auch noch die Siebziger. Das war großartig und anderswo wahrscheinlich wirklich nicht möglich gewesen."

Zwei Jahre vor Louis Menins Pensionierung im Jahr 1984 ist Grace Kelly bei einem Autounfall umgekommen, in einer Serpentine bei La Turbie kurz vor Monaco, nicht weit von der Strecke, die sie in To Catch a Thief mit Grant entlangraste. Ihr Leben ist gerade mit Nicole Kidman in der Hauptrolle verfilmt worden. Grace of Monaco heißt der Streifen und wird - wie könnte es anders sein - am 14. Mai das Filmfestival von Cannes eröffnen. Gedreht wurde vieles vor Ort - das heißt, irgendwo an der Côte zwischen Nizza und Cannes. (Helge Sobik, DER STANDARD, Album, 3.5.2014)

  • Das Carlton-Hotel, unter anderem in Hitchcocks "Über den Dächern von Nizza" zu sehen, spielt seit jeher eine tragende Rolle beim Filmfestival von Cannes.
    foto: crt côte d'azur / emmanuel bovet

    Das Carlton-Hotel, unter anderem in Hitchcocks "Über den Dächern von Nizza" zu sehen, spielt seit jeher eine tragende Rolle beim Filmfestival von Cannes.

  • Dreimal täglich wird Nizza von Wien aus direkt angeflogen - zweimal von Austrian, einmal von Niki. Der „Airport Express" mit der Nummer 210 fährt am Flughafen ab und hält mit maximal drei Zwischenstopps direkt in der Stadtmitte von Cannes: rund 50 Minuten, Rückfahrtticket um 25 Euro. Ohne Auto kann es schwierig sein, sich im Hinterland der Côte d'Azur fortzubewegen.
An der Küste funktionieren die Öffis (Bus und Bahn) ganz gut. Transports Alpes-Maritimes (TAM) bedient rund 60 Buslinien im Département um den Einheitstarif von einem Euro. Haltestellen gibt es etwa in Grasse, Cannes, Antibes, Menton, Nizza, aber auch in den Dörfern des Hinterlands.

    Dreimal täglich wird Nizza von Wien aus direkt angeflogen - zweimal von Austrian, einmal von Niki. Der „Airport Express" mit der Nummer 210 fährt am Flughafen ab und hält mit maximal drei Zwischenstopps direkt in der Stadtmitte von Cannes: rund 50 Minuten, Rückfahrtticket um 25 Euro. Ohne Auto kann es schwierig sein, sich im Hinterland der Côte d'Azur fortzubewegen.

    An der Küste funktionieren die Öffis (Bus und Bahn) ganz gut. Transports Alpes-Maritimes (TAM) bedient rund 60 Buslinien im Département um den Einheitstarif von einem Euro. Haltestellen gibt es etwa in Grasse, Cannes, Antibes, Menton, Nizza, aber auch in den Dörfern des Hinterlands.

  • Das Biopic "Grace of Monaco" von Regisseur Olivier Dahan mit Nicole Kidman in der Hauptrolle wird am 14. Mai die 67. Internationalen Filmfestspiele in Cannes eröffnen. Der Kinostart in Österreich ist bereits am 16. Mai. Mietwagen, die schon zu den besten Zeiten von Grace Kelly an der Côte d'Azur unterwegs waren, gibt es bei Rent a Classic Car. Ab 179 Euro pro Tag vermietet Fabrice Le Roy Oldtimer - der günstigste: ein Citroën 2CV France 3. Vom Autor dieses Beitrags erscheint Ende Juli ein Reportagenband von der Côte d'Azur in der Lesereisen-Reihe des Wiener Picus-Verlags (im Buchhandel: € 14,90).

    Das Biopic "Grace of Monaco" von Regisseur Olivier Dahan mit Nicole Kidman in der Hauptrolle wird am 14. Mai die 67. Internationalen Filmfestspiele in Cannes eröffnen. Der Kinostart in Österreich ist bereits am 16. Mai. Mietwagen, die schon zu den besten Zeiten von Grace Kelly an der Côte d'Azur unterwegs waren, gibt es bei Rent a Classic Car. Ab 179 Euro pro Tag vermietet Fabrice Le Roy Oldtimer - der günstigste: ein Citroën 2CV France 3. Vom Autor dieses Beitrags erscheint Ende Juli ein Reportagenband von der Côte d'Azur in der Lesereisen-Reihe des Wiener Picus-Verlags (im Buchhandel: € 14,90).

  • Ein Doppelzimmer im Carlton in Cannes ist in der Nebensaison ab 194 Euro zu haben. Eine interessante Alternative zu Hotels und Pensionen an der Côte d'Azur bieten Vermittler privater Wohnungen oder Häuser à la Airbnb oder 9flats. Weitere touristische und praktische Infos zur Côte d'Azur sowie einige hilfreiche Apps für die lokalen Öffis, Events oder Museen gibt es unter: www.cotedazur-tourisme.com
Zusätzliche Infos liefert Atout France - Französische Zentrale für Tourismus auf www.atout-france.fr oder unter Tel. 01/503 28 92 und per Mail: info.at@rendezvousenfrance.com
Foto: wikipedia.org (cc)
    foto: wikipedia.org

    Ein Doppelzimmer im Carlton in Cannes ist in der Nebensaison ab 194 Euro zu haben. Eine interessante Alternative zu Hotels und Pensionen an der Côte d'Azur bieten Vermittler privater Wohnungen oder Häuser à la Airbnb oder 9flats. Weitere touristische und praktische Infos zur Côte d'Azur sowie einige hilfreiche Apps für die lokalen Öffis, Events oder Museen gibt es unter: www.cotedazur-tourisme.com

    Zusätzliche Infos liefert Atout France - Französische Zentrale für Tourismus auf www.atout-france.fr oder unter Tel. 01/503 28 92 und per Mail: info.at@rendezvousenfrance.com

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