Alstoms Kampf gegen Siemens und Paris

1. Mai 2014, 17:43
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Alstom fühlt sich bei General Electric besser aufgehoben. Die französische Regierung favorisiert aber Siemens

Die Schlacht um Alstom wogt. Der Verwaltungsrat des französischen Energie- und Transportkonzerns genehmigte "einstimmig" die Kaufofferte des US-Branchenleaders General Electric (GE) in der Höhe von 12,4 Mrd. Euro. Das Rennen um das angeschlagene Traditionsunternehmen ist aber damit noch nicht entschieden. Das erklärten im Nachhinein sowohl Alstom-Chef Patrick Kron als auch Wirtschaftsminister Arnaud Montebourg.

Alstom geht mit GE keine exklusiven Verhandlungen ein. Siemens hat einen Monat Zeit, um selber ein Kooperationsangebot einzureichen. Der Münchner Konzern genießt weiter die implizite Unterstützung der französischen Regierung, die einen europäischen "Airbus der Energie" bilden möchte; diesen soll laut Montebourgs Vorstellung Siemens leiten, während Alstom einen europäischen Transportkonzern mit den Hochgeschwindigkeitszügen TGV und ICE bilden würde.

Die große Frage ist, ob sich der Wirtschaftsminister gegenüber dem Konzernchef durchsetzen kann - denn Kron gibt klar GE den Vorzug. Montebourg erklärt täglich, die Zukunft des französischen Industrieflaggschiffs Alstom sei "im nationalen Interesse" - und deshalb eher bei Siemens als bei GE.

Montebourgs großer Widersacher Kron sieht das anders. Als Konzernchef wie Verwaltungsratspräsident lässt er sich nicht gerne am Zeug flicken. Doch vergangene Woche, bekam der mächtige Patron selber zu spüren, wer in Paris das Sagen hat: Als er von einer Auslandsreise zurückkehrte, erwartete ihn eine verdunkelte Staatslimousine am Flughafen. Ohne eine Widerrede zu dulden, verfrachtete ihn der Chauffeur mit heulenden Sirenen ins Wirtschaftsministerium, wo ihm Montebourg laut der Zeitung Le Monde die Leviten las: Als Vorsteher eines "strategischen" Konzerns hätte er die Regierung selbstverständlich über die Verhandlungen mit General Electric informieren müssen, donnerte der Minister.

Hinters Licht geführt?

Diese Woche doppelte Montebourg in der Nationalversammlung nach: Die Regierung akzeptiere nicht, in einem so heiklen Deal vor vollendete Tatsachen gestellt zu werden, rief er ins Parlamentsrund. Kron habe sie hinters Licht geführt, indem er erklärt habe, er plane keine Allianzen. "Muss der Wirtschaftsminister etwa einen Lügendetektor in seinem Büro installieren?", fragte Montebourg wutentbrannt.

Kron bleibt aber hartnäckig bei seinem GE-Kurs. Der Alstom-Chef mag nicht mit Siemens. Er hat es den Münchnern bis heute nicht verziehen, dass sie Alstom 2004 in einem schwachen Moment wie ein Schnäppchen übernehmen wollten. Der damalige Staatschef Nicolas Sarkozy schob in enger Absprache mit Kron einen Riegel, indem er eine vorübergehende Teilverstaatlichung anordnete. Vergangene Woche ließ der Alstom-Boss ein Schreiben von Siemens-Chef Joe Kaeser - der wie GE die Übernahme der zentralen Energie-Sparte Alstoms anbietet - offenbar unbeantwortet. Wie zerrüttet die Beziehung ist, belegte Siemens nun mit einer öffentlichen Stellungnahme, die sich über Krons Schweigen "enttäuscht" zeigt.

Angesichts solcher Ressentiments scheint es zweifelhaft, ob die Spitzen von Alstom und Siemens jemals zueinander finden werden. Montebourg umgekehrt Deutschfreundlichkeit zu unterstellen, wäre indessen ebenso verfehlt: In der Vergangenheit hatte er Kanzlerin Angela Merkel gerne mit Bismarck verglichen. Doch die Staatsmacht in Paris ist am Schwinden. Und: In fast allen Sparten ergänzen sich GE und Alstom einfach besser. (Stefan Brändle aus Paris, DER STANDARD, 2.5.2014)

  • Artikelbild
    foto: apa/epa/etienne laurent
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