Frau Macheva kämpft für die Kinder von Pleven

2. Mai 2014, 05:30
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In Bulgarien gibt es 19 Krisenzentren für Kinder und Jugendliche, die Opfer von Menschenhändlern auffangen - oft auch mithilfe österreichischer Experten. Ein Lokalaugenschein in der Stadt Pleven zeigt: Was fehlt, ist nachhaltige Unterstützung für junge Roma

Zlatka Macheva ist keine Frau großer Gesten. Das gewöhnt man sich wohl ab, wenn man 14 Jahre lang ein Krisenzentrum für minderjährige Opfer von Menschenhandel leitet - mehr geduldet als gefördert, stets am Rande des finanziellen Aus. Doch jetzt steht die ansonsten gemütliche Bulgarin zornbebend in einem verwilderten Garten. Sie holt weit aus, deutet auf die ebenerdige Beinahe-Ruine im wuchernden Grün. Es ist eine leerstehende Schule, aus deren Fensterstöcken Eschen wachsen: "Das alles könnte längst renoviert sein", ruft Zlatka, "hier könnte eine Lehrgärtnerei stehen mit Schulungsräumen und einem Glashaus!" Aber? "Die Gemeinde hat das Gebäude zur Verfügung gestellt, nun will niemand mehr etwas davon wissen."

Düster starrt Zlatka Macheva auf den Verfall ringsum und erläutert den Plan, den sie 2009 voller Elan begann: Hier, am Rande der nordbulgarischen Stadt Pleven, sollte ein Ausbildungszentrum für geschleppte und missbrauchte Jugendliche entstehen. Eine Schule mit Gärtnerei und Tischlerwerkstatt, samt Wohnräumen. "Denn selbst wenn es uns gelingt, diese Jugendlichen gut unterzubringen - mit 18 stehen sie oft wieder auf der Straße", sagt Zlatka. Meist ohne fertige Ausbildung, werden vor allem die Mädchen allzu oft erneut Opfer von Menschenhändlern - diesmal vielleicht als Zwangsprostituierte. "Vor allem Mädchen aus Romafamilien erleiden dieses Schicksal", sagt die Sozialarbeiterin.

Versprechen aller Art

Der Bürgermeister hatte versprochen, zumindest zu Beginn den laufenden Betrieb zu finanzieren. Mit EU-Geld begann Macheva, ihr Projekt zu verwirklichen. Als Erstes wurde ein Nebengebäude zu einer Wohngemeinschaft für geistig behinderte Kinder und Jugendliche adaptiert, danach ein verfallener Schuppen renoviert. Die Heimwerkerkette Hornbach spendierte einige Geräte, und zumindest der Tischlereibetrieb konnte beginnen: Neun Jugendliche sind dort beschäftigt, lernen bei drei Meistern das Handwerk, es ist hell und riecht nach Holz und Lösungsmittel. Die Jugendlichen sind in der Schule, ein Meister kehrt eine frisch gehobelte Bank für die Besucher. Vor kurzem wurde der örtliche Kindergarten mit Tischen und Bänken beliefert, Vogelhäuschen werden gebaut und bemalt und Mistkübel für ein schöneres Dorfbild produziert. Ein wenig Geld kommt herein, aber zu wenig, um den Betrieb zu finanzieren. Für die Jugendlichen aus dem Krisenzentrum fehlen Wohnmöglichkeiten.

Nach der Finanzkrise herrscht Ebbe in den öffentlichen Kassen. Weder Kommune noch Staat haben bis dato zugesagt, das Projekt weiter zu finanzieren. Womit sich die Katze in den Schwanz beißt: Keine Kofinanzierung bedeutet auch keine weiteren EU-Mittel. Zlatka Macheva seufzt leise und streicht versonnen über die Lehne der nagelneuen Holzbank. Freundlich nickt sie der kleinen Delegation aus Sozialexperten zu, die sie zur Besichtigungstour begleitet hat. Man steht noch ein wenig zusammen, raucht und überlegt, wie man Geld für das halbfertige Projekt zusammenkratzen könnte. Dann fahren alle zurück ins Stadtzentrum von Pleven, wo Zlatka Macheva die dritte "Nationale Konferenz für Krisenzentren für Gewaltopfer in Bulgarien" organisiert hat.

Hochkarätige Politiker hatten sich zur Konferenz angesagt. Kein einziger ist gekommen. Dafür rund 100 Sozialarbeiter, einige Juristen, viele jung, der Frauenanteil ist hoch. Der Österreicher Norbert Ceipek ist zu Gast, er beschreibt die Arbeit der "Drehscheibe", jener Einrichtung der Wiener Jugendwohlfahrt, die in (Ost-)Österreich aufgegriffene Jugendliche aus dem Ausland in Obhut nimmt und - wenn möglich - in ihre Heimatländer zurückbringt. Für ihn sei die enge Kooperation mit funktionierenden Krisenzentren für diese Kinder "essenziell", sagt Ceipek und kritisiert das Fernbleiben der Verantwortlichen.

Dennoch sei Bulgarien zu loben, sagt Ceipek: 19 Einrichtungen kümmern sich hier um jugendliche Verbrechensopfer - in Rumänien, wo es vor wenigen Jahren sogar 20 vergleichbare Institutionen gab, sind nach der Finanzkrise nur drei übriggeblieben.

Geduldiges Papier

Bulgarien hat sogar einen nationalen Aktionsplan. "Aber Papier", sagt Teodora Krumova lächelnd, "ist geduldig." Krumova leitet die "nationale Agentur für Kinderschutz" (Amalipe) und referiert in Pleven über "Kinderhochzeiten". Diese finden an geheimen Orten statt, die Behörden sind, so scheint's, macht- oder mittellos. Es handle sich um riesige Heiratsmärkte, auf denen oft erst zwölf Jahre junge "Bräute" "regelrecht verschachert werden", sagt Teodora. Dass die meisten jung verheirateten Mädchen sofort mit der Schule aufhören, sei ein Problem - dass ihre "Ehemänner" sie oft auf sehr spezielle Art zum Geldverdienen schicken, ein weiteres. "Wir tun unser Möglichstes, diese Mädchen zurück in Schule oder Ausbildung zu bringen", sagt Teodora. Das Problem sei, dass EU-Hilfsgelder bei kleinen, lokalen Hilfsprojekten oft nicht ankämen, sagt Teodora. "Und die brauchen wir, weil sie am nächsten dran sind an den Menschen."

Kein Wasser, kein Kanal

Schätzungen gehen von 700.000 Roma in Bulgarien aus, laut offiziellen Zählungen sind es nur halb so viele. Eine Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung aus dem Vorjahr berichtet von 19 Prozent Analphabeten, rund dreimal so viele davon Frauen wie Männer - nur 0,5 Prozent hingegen haben einen Hochschulabschluss, neun Prozent haben Matura. Zum Vergleich: Jeder zweite Bulgare der Mehrheitsbevölkerung hat Matura, jeder Vierte einen Hochschulabschluss. Prekär sind auch die Lebensbedingungen: 40 Prozent der Roma-Haushalte haben keinen Frischwasseranschluss, 60 Prozent sind nicht an die Kanalisation angeschlossen.

Ermutigend ist das alles nicht, aufgeben will hier dennoch niemand. Am wenigsten Zlatka Macheva. Die Stadt hat ihr ein Haus zur Verfügung gestellt. Im Keller ist eine kleine Wäscherei untergebracht, in der einige von Zlatkas Klientinnen arbeiten und etwas dazuverdienen. In den Schlafräumen des Hauses sind derzeit drei Mädchen, ein 13-jähriger Bub und eine Mutter mit einem autistischen Kind untergebracht.

Den 13-jährigen Stefan hatte sein Vater zum Betteln vor große Supermärkte geschickt. Als er eines Abends nur mit zehn Lewa nach Hause kam, wurde er "von Unbekannten missbraucht", formuliert die Sozialarbeiterin vorsichtig. Die Mädchen wurden in Frankreich aufgegriffen, "Bekannte" hatten sie zum Betteln und zu Taschendiebstählen gezwungen. Zlatka erzählt die Schicksale ihrer Schützlinge betont sachlich. Eine Zeichnung an der Wand zeigt ein Mädchen, das nackt auf einem niedrigen Schemel sitzt. Das Kind schlägt die Hände vors Gesicht, es ist angekettet. Eine 15-Jährige hat das gezeichnet, "es ist ein Selbstbildnis", sagt Zlatka.

Das älteste der Mädchen ist traurig. "Ich muss raus", sagt die 16-jährige Denislava. Seit mehr als sechs Monaten ist sie hier, eine lange Zeit - das Krisenzentrum soll explizit kurzfristig helfen. Denislava soll in eine WG in Pleven umziehen, "wenigstens kann ich dann meine Freunde hier besuchen", sagt sie. Über ihre Familie spricht sie nicht. Ein "Onkel" habe sie zum Stehlen nach Frankreich geschickt, sagt die Sozialarbeiterin - der Vater des Mädchens habe ihm "viel Geld geschuldet".

Was Denislava einmal werden möchte? Sie weiß nur, dass sie weg will aus Bulgarien: "Dann komm ich dich besuchen, wie du mich besucht hast", sagt sie. Es klingt, als würde sie nicht wirklich daran glauben. (Petra Stuiber aus Pleven, DER STANDARD, 2.5.2014)


  • Zlatka Macheva, Leiterin des Krisenzentrums in Pleven: "Trotzdem nicht aufgeben."
    foto: stuiber

    Zlatka Macheva, Leiterin des Krisenzentrums in Pleven: "Trotzdem nicht aufgeben."

  • Der Österreicher Norbert Ceipek mit einem bulgarischen Kollegen vor dem steckengebliebenen Ausbildungsprojekt für junge Roma, die Opfer von Menschenhandel wurden: "Politischer Wille fehlt."
    foto: stuiber

    Der Österreicher Norbert Ceipek mit einem bulgarischen Kollegen vor dem steckengebliebenen Ausbildungsprojekt für junge Roma, die Opfer von Menschenhandel wurden: "Politischer Wille fehlt."

  • Selbstporträt einer 15-Jährigen, die im Krisenzentrum der Stadt Pleven Aufnahme und Schutz vor Menschenhändlern fand.
    foto: stuiber

    Selbstporträt einer 15-Jährigen, die im Krisenzentrum der Stadt Pleven Aufnahme und Schutz vor Menschenhändlern fand.

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