Der laufende Donut und die rosa Golatsche in Wien

3. Mai 2014, 12:00
8 Postings

Das Projekt "Schlauchräume" lässt Kinder einer Wiener Schule ihre eigenen Räume schaffen

Bevor die Kinder den "laufenden Donut" in die Hand nehmen, ist er nur ein Haufen Stoff am Boden des Werkraums in der Integrativen Lernwerkstatt Brigittenau in Wien. Doch nach und nach erwacht das textile Bündel zum Leben, indem die Schüler in den grauen Stoff hineinklettern. Durch die bunten Zippverschlüsse stecken die zehn Kinder ihre Beine und laufen wie eine Raupe ohne Gesicht durch die Gänge des Schulgebäudes. Dabei stoppen sie immer wieder, um sich gegenseitig zu helfen, damit niemand stürzt. "Das ist wie eine Schmetterlingsgeburt", ruft ein Bub und grinst, nachdem er aus dem grauen Stoff gerobbt ist.

Der "laufende Donut" ist ein sogenannter "Raumschlauch", der von den Kindern selbst entworfen, hergestellt und genutzt wird und den zweiten Platz bei der SozialMarie, dem Preis für soziale Innovation, gewonnen hat.

foto: renate stuefer
Die Kinder planen ihre Raumschläuche selbst.

"Alles begann mit Seidenstrumpfhosen"

Ursprung des Projekts war die Idee von Architektin Renate Stuefer, deren Kinder selbst in den Schulversuch im 20. Bezirk gehen. Sie ist unter anderem an der Technischen Universität tätig und interessiert sich schon lange dafür, wie Kinder und Jugendliche Räume wahrnehmen und gestalten. "Alles begann mit Seidenstrumpfhosen", erzählt Stuefer. Sie und ihre Kollegin Alexandra Schilder wollten aus Stoffen, die ebenso durchsichtig, elastisch und leicht sind, neue Räume schaffen und konnten die Lehrerin für textiles Werken, Gabriele Reithofer, für ihre Idee begeistern. Daraus entstand ein fächerübergreifendes Projekt, das in der sogenannten Stammgruppe durchgeführt wurde. In der Lernwerkstatt Brigittenau sind in dieser Gruppe die ersten bis dritten Klassen zusammengefasst.

So eine wirkliche Vorstellung, wie diese Räume im Endeffekt aussehen sollten, hatte man zu Beginn nicht. Erst die Kinder selbst zeigten durch ihre Entwürfe, was man aus den dehnbaren Stoffen "bauen" konnte. So entstanden bunte, einfarbige, große, kleine, enge und großzügige Schläuche mit klingenden Namen wie "rosa Golatsche" oder "für-uns-alle-riesenschlauch". Räume von Erwachsenen seien zwar auch für Kinder aber Kinder könnten ihre Räume selbst viel besser gestalten, war der Grundtenor der Schülergruppe.

foto: renate stuefer
Die Schläuche gibt es in allen Farben und Formen.

Rückzugsräume in der Schule

"Mir war von Anfang an wichtig, dass sich die Kinder ernst genommen fühlen und mir ein wertvoller Partner sind", sagt Stuefer, die durch das Projekt auch Input für die Architekturlehre gewinnen will. Der Werklehrerin Reithofer wurde durch das Projekt bewusst, "dass mich die Kinder in ihrer Kreativität gar nicht so sehr brauchen, wie ich das gedacht habe." Zwar müsse man ihnen sehr wohl die Grundlagen des Nähens und Planes beibringen, den Rest könnten sie dann allerdings ganz alleine. "Indem bei uns die Schüler bereits ab der ersten Volkschulklasse das Nähen an den Maschinen lernen, waren gewisse Voraussetzungen schon vorhanden", erzählt Reithofer.

Nachdem es in der Schule in der Brigittenau nur kleine Klassen- und Werkräume gibt, wurden die Raumschläuche des Architekturprojektes auch zu Rückzugsräumen innerhalb der Schule. So beschreiben die Kinder es oft als angenehm, weich und geschützt, wenn sie sich in einen der Schläuche setzen.

foto: petra radeschnig
Durch die Schläuche werden auch die Integrationskinder noch stärker in die Gruppe eingebunden.

Integration durch Raumschläuche

Sollte das Projekt zu Beginn eigentlich nur ein Semester lang dauern, so geht es heuer bereits in das fünfte Jahr. Noch immer sei es laut Reithofer "schön zu sehen, wie das gemeinsame Planen die Kinder zusammenbringt." Sie würden sich gegenseitig helfen, über die Möglichkeiten ihrer Entwürfe diskutieren und die Schläuche auch gemeinsam nutzen. "Es kommt immer wieder vor, dass Gruppen, die normalerweise gar nicht miteinander Kontakt haben, sich gegenseitig in ihrer Schläuche einladen", sagt Reithofer.

Auch die körperbehinderten oder lernschwachen Integrationskinder der Schule würden durch die Raumschläuche noch mehr in andere Gruppen finden. So robbte ein sehbehindertes Kind zuerst noch alleine in einen kleinen Schlauch, bis die anderen Schüler es in ihren großen "Raum" einluden. Dabei waren die Kinder ganz vorsichtig und darauf bedacht, dass sich auch der durch seine Behinderung eingeschränkte Schüler in dem neuen Raum besser zurechtfindet.

foto: gabriele reithofer
Warm, kuschelig und sicher fühlen sich für viele Kinder die dehnbaren Räume an.

Erfolg bei Kindern

Auch Kinder mit Aufmerksamkeitsdefiziten hätten laut Reithofer durch das Projekt gelernt, eine Sache von der Planung bis zur Fertigung abzuschließen. Durch die Raumschläuche hätten sie das Erfolgserlebnis einer fertiggestellten Arbeit erlebt. Autistische Kinder würden sich in den elastischen und farbenfrohen Stoffen oft zum ersten Mal berühren lassen und ihre körperlichen Grenzen erfahren. "Natürlich sind die Erfolge nicht wissenschaftlich belegt", sagt Reithofer: "Aber ich wäre mehr als bereit, die Auswirkungen der Schläuche im Rahmen einer Facharbeit untersuchen zu lassen."

Der Erfolg innerhalb der Schule lässt sich anhand der Reaktionen der Kinder allerdings leicht nachvollziehen. Immer wieder fragen Schüler, wann sie ihren eigenen Raumschlauch entwerfen und schneidern dürfen. "Ich will einen Schlauch, damit ich auch im Klassenzimmer mehr Privatsphäre habe und mich zurückziehen kann, wenn es nicht so gut läuft", sagt ein Achtjähriger, während er den weichen Stoff streichelt. (Bianca Blei, derStandard.at, 2.5.2014)

Die weiteren Preisträger der SozialMaria 2014:

  • Platz 1 für "Sozialnetz-Konferenz in der Bewährungshilfe"
  • Platz 2 für "raumSchläuche schlauchRäume"
  • Platz 3 für "Nachbarinnen in Wien"
  • Den Publikumspreis erhielt die Budgetberatung Österreich, die sich an Menschen richtet, deren Einkommens- und Ausgabensituation sich gerade verändert, die jedoch noch nicht von Überschuldung betroffen sind.
  • Insgesamt wurden 15. Siegerprojekte mit einem Preisgeld von insgesamt 42.000 Euro ausgezeichnet. (red/APA)
Share if you care.