"Nur Probieren ist Pflicht, Aufessen nicht"

Interview2. Mai 2014, 17:00
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Ernährungspsychologe Thomas Ellrott über den Kampf ums gesunde Kinderessen, die "Massenhypochondrie" Laktoseunverträglichkeit, sinnlose Süßigkeitenverbote und wieso Kinder ruhig Ketchup essen dürfen

derStandard.at: Wieso wird ausgerechnet gesundes Essen so oft zum Machtkampf zwischen Eltern und Kindern?

Ellrott: Sicher, weil viele sogenannte gesunde Lebensmittel von Kindern als "eher nicht lecker" eingestuft werden. Die Aufforderung, sie dennoch zu essen, widerspricht daher wesentlichen hedonistischen Motiven. Gleichzeitig prallen hier das Autonomiestreben der Kinder und der Steuerungsanspruch der Eltern aufeinander.

derStandard.at: Schon beim Familienfrühstück beginnt die Sorge: Haferbrei wird verschmäht, Kuchen gewünscht – wie bekommen Eltern Kinder dazu, gesund zu essen?

Ellrott: Am besten, indem sie es authentisch selbst mit Genuss tun. Und bitte nicht viel darüber reden, einfach tun.

derStandard.at: In Österreich wird in der Schule die "gesunde Jause" propagiert. Ist diese Betonung des Gesunden eher kontraproduktiv?

Ellrott: Wird der Begriff auch gegenüber den Kindern verwendet, so ist entscheidend, was die Kinder mit "gesund" verknüpfen. Haben Kinder den Begriff negativ kennengelernt, weil sie zu Hause mit "gesund" gedrängt wurden, Lebensmittel zu essen, die ihnen nicht schmecken, dann werden sie sich mit diesem Begriff kaum motivieren lassen.

derStandard.at: Übertreiben Erwachsene bei der gesunden Ernährung von Kindern?

Ellrott: In manchen Familien bestimmt. Im schlimmsten Fall verdirbt man Kindern damit die Lust auf gesunde Lebensmittel nachhaltig.

derStandard.at: Haben Kleinkinder ein Gespür für gesunde Ernährung und verlieren es später? Oder greifen sie automatisch von Anfang an zum Gummibärchen und nicht zur Gurke?

Ellrott: Kinder und auch Erwachsene haben eine Vorliebe für Lebensmittel, die viele Kalorien enthalten. Das Gehirn belohnt uns dafür mit einem guten Gefühl, weil Kalorien in der Stammesgeschichte immer knapp waren und die Auswahl von möglichst kalorienreichen Speisen somit einen entscheidenden Überlebensvorteil darstellte. Sind genügend Kalorien da, kann sich auch eine Vorliebe für weniger kalorienhaltige Speisen ausbilden.

derStandard.at: Früher hieß es: Trink ein Glas gesunde Milch. Heute schreien viele gleich "Laktoseunverträglichkeit!". Sind die Kinder empfindlicher geworden oder die Eltern hysterischer?

Ellrott: In den meisten Fällen ist die Unverträglichkeit von Milchzucker nur "gefühlt". Manche Kollegen sprechen von einer regelrechten Massenhypochondrie. Eine tatsächliche Unverträglichkeit kann man übrigens über einen Atemtest klar nachweisen.

derStandard.at: Ein Trend ist die vegetarische oder vegane Ernährung. Wenn die Eltern kein Fleisch essen, brauchen es die Kinder dann auch nicht?

Ellrott: Wenn Milchprodukte, Eier und Fisch im Speiseplan des Kindes verbleiben, spricht auch bei ihnen nichts gegen eine vegetarische Ernährung. Die harten Formen des Vegetarismus sind mit einem gewissen Risiko für eine Unterversorgung mit einigen lebensnotwendigen Nährstoffen vor allem bei jüngeren Kindern verbunden. Hier empfehle ich dringend regelmäßige Kontrollen durch den Kinderarzt.

derStandard.at: Und was sollen ernährungsbewusste Eltern machen, wenn das Kind ständig nach Ketchup schreit?

Ellrott: Zu manchen Gerichten wie gebackenen Kartoffelspalten würde ich Ketchup servieren, zu anderen nicht. Auch hier ist wichtig, was die Eltern selbst tun. Sie können sagen: "Das schmeckt mit Ketchup klasse!" beziehungsweise "Ich finde, dazu passt Ketchup überhaupt nicht!"

derStandard.at: Ketchup enthält ...

Ellrott: ... Zucker, richtig! Aber, liebe Eltern, die Essmengen sind bei ein paar Klecksen Ketchup so gering, dass die absolute Zuckermenge kein Problem darstellt. Da sind Säfte und Limonaden ganz andere Kaliber.

derStandard.at: Lange lautete das Credo: Was auf den Tisch kommt, wird gegessen. Sie haben selbst zwei Kinder. Wie machen Sie das?

Ellrott: Bei uns gibt es ein Probiergebot, aber kein Aufessgebot. Nur Probieren ist Pflicht, Aufessen nicht.

derStandard: Ihre Kinder müssen also nicht die ganze Portion futtern?

Ellrott: Richtig. Wir versuchen allerdings, den Kindern immer nur so viel auf den Teller zu geben, wie sie essen können, damit wir nicht so viel wegwerfen müssen. In der Praxis bedeutet das, dass wir eher kleine Portionen servieren. Wenn die Kinder mehr möchten, dann sagen sie das schon. So erhält man auch das Essen nach den sogenannten Innenreizen, also Hunger und Sättigung.

derStandard.at: Bringen Sie Ihre Kinder mit der "Probieren ist Pflicht"-Regel auch dazu, für sie ganz neue Speisen zu entdecken?

Ellrott: Auch hier ist Vorbildlernen alles: "Das schmeckt richtig klasse, das musst du unbedingt probieren!" Das Verknüpfen wir mit der Regel "Mag ich nicht, ohne probiert zu haben, gibt es nicht".

derStandard.at: Oder mit der Aussicht auf eine Süßigkeit als Nachspeise?

Ellrott: Was sicher nicht geht, ist, dass die Kinder die Hauptspeise liegenlassen und sich dafür nachher am Nachtisch satt essen. Wenn Eltern das zulassen, belohnen sie die Kinder für ihre Mäkeligkeit und zementieren dieses Verhalten.

derStandard.at: Aber manchmal entsteht der Eindruck, ein Kind könnte sich wochenlang nur von Pommes frites ernähren. Da müssen die Eltern ja einschreiten.

Ellrott: Biologisch gesehen vertragen Kinder einseitiges Essen für eine gewisse Zeit durchaus. Nicht alle lebensnotwendigen Nährstoffe müssen in einer Mahlzeit oder einem Esstag stecken. Gibt es im Speiseplan allerdings keinerlei Abwechslung, hängt Kindern die gleichförmige Kost nach einiger Zeit zum Halse heraus, und sie wünschen sich sehnlichst etwas anderes. Man nennt diesen Mechanismus spezifisch-sensorische Sättigung. Er schützt uns langfristig vor Nährstoffmangel durch zu einseitige Auswahl.

derStandard.at: Isst Ihre Familie immer gemeinsame bei Tisch? Ist das überhaupt wichtig?

Ellrott: Wir versuchen das so oft wie möglich einzurichten. Immer gelingt es uns auch nicht. Das gemeinsame Essen ist eine Art familiäres Lagerfeuer. Es ist überaus wichtig für soziale Geborgenheit, familiäre Bindungen, aber auch das Erlernen wichtiger Lebenskompetenzen.

derStandard.at: Der Sommer kommt, die Eissaison startet. Mit Maß und Ziel ist ein Eis kein Problem, oder?

Ellrott: So ist es. Gerade Eis gibt es für Kinder bereits in kleinen Portionen mit deutlich weniger als 100 Kalorien pro Einheit.

derStandard.at: Warum naschen Kinder eigentlich so gern?

Ellrott: Die Vorliebe für Süßes ist angeboren, da Muttermilch süß schmeckt, Süßes lebensnotwendige Kalorien verheißt und süße Lebensmittel nicht giftig sind. Dazu kommen die für Kinder ansprechende Verpackung, ein Zusatznutzen durch eventuelle Beigaben wie Aufkleber, Spielsachen oder Sammelaktionen und der verhältnismäßig günstige Preis.

derStandard.at: Daraus könnte man ableiten, dass eine werdende Mutter ihr Kind schon für später in eine Richtung "formen" kann. Geht das?

Ellrott: In gewissen Grenzen hat das Essen der Mutter während Schwangerschaft und Stillzeit einen Einfluss, da Kinder die Lebensmittel in dieser Zeit mitschmecken und später selbst bevorzugen.

derStandard.at: Bringen Süßigkeitsverbote etwas?

Ellrott: Verbote machen das Verbotene beziehungsweise Verknappte noch attraktiver. Haben die Kinder die Möglichkeit, an anderer Stelle zuzuschlagen, werden sie doppelt und dreifach zulangen. Warum sonst ist gerade Cola bei Schulkindern so beliebt?

derStandard.at: Welche Ernährungsfehler haben Sie bei Ihren Kindern begangen? Konnten Sie das Steuer da nochmals herumreißen, oder ist die Chance vertan?

Ellrott: Als mein Sohn fünf war, sagte er plötzlich: "Paprika mag ich aber nicht." Er hatte zuvor immer Paprika gegessen. Meine Frau und ich haben uns beide zu ihm hingewandt und auf ihn eingeredet: "Das gibt's doch gar nicht, überleg doch mal, Gulasch ist doch dein Lieblingsessen, da ist doch auch immer Paprika drin!" Was wir nicht kapierten, war, dass es ihm gar nicht um Paprika ging. Sondern um Zuwendung und Aufmerksamkeit. Die hat er bekommen. Durch diese völlig falsche Reaktion haben wir das Kind in seinem Verhalten sogar bestärkt.

derStandard: Was wäre die richtige Reaktion gewesen?

Ellrott: Ganz einfach: nicht hinhören. Nicht immer auf alles reagieren. Weiteressen. Dann lässt er die Paprikastreifen diesmal halt liegen. Oder man kann sagen: "Das ist ja toll, gib her", und nimmt sich schnell die Paprika vom Teller des Kindes. Dann fehlt ihm etwas, was seine Vorbilder gern essen. Dieses Prinzip nennt man künstliche Verknappung. (Peter Mayr, derStandard.at, 2.5.2014)

Thomas Ellrott (geboren 1966) ist Arzt und leitet das Institut für Ernährungspsychologie an der Universitätsmedizin Göttingen. Er ist Vater von zwei Kindern.

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  • Ein Eis ist kein Problem, findet Ernährungspsychologe Thomas Ellrott. Außerdem: "Die Vorliebe für Süßes ist angeboren, da Muttermilch süß schmeckt, Süßes lebensnotwendige Kalorien verheißt und süße Lebensmittel nicht giftig sind."

    Ein Eis ist kein Problem, findet Ernährungspsychologe Thomas Ellrott. Außerdem: "Die Vorliebe für Süßes ist angeboren, da Muttermilch süß schmeckt, Süßes lebensnotwendige Kalorien verheißt und süße Lebensmittel nicht giftig sind."

  • Ständig Spaghetti? "Biologisch gesehen vertragen Kinder einseitiges Essen für eine gewisse Zeit durchaus. Nicht alle lebensnotwendigen Nährstoffe müssen in einer Mahlzeit oder einem Esstag stecken", sagt Thomas Ellrott.

    Ständig Spaghetti? "Biologisch gesehen vertragen Kinder einseitiges Essen für eine gewisse Zeit durchaus. Nicht alle lebensnotwendigen Nährstoffe müssen in einer Mahlzeit oder einem Esstag stecken", sagt Thomas Ellrott.

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