"Unsicherheit stachelt zu Höchstleistungen an"

29. April 2014, 20:55
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Die Sinologin Susanne Weigelin-Schwiedrzik, seit 2011 Vizerektorin der Uni Wien, über unsichere Karrieren, Wissenschaft als Beruf und Schwächen des Peer-Review-Systems

STANDARD: In seinem Essay „Wissenschaft als Beruf" hat der Soziologe Max Weber vor fast hundert Jahren das akademische Leben als „wilden Hasard" bezeichnet. Der Zufall würde eine wichtige Rolle spielen, ob jemand in der Wissenschaft Karriere macht. Gilt das noch immer?

Weigelin-Schwiedrzik: Alle Professoren, auch die besonders angesehenen, werden Ihnen sagen, dass der Zufall bei ihrer Karriere eine wichtige Rolle spielte. Aber so ganz zufällig ist es dann meist doch nicht, dass gerade sie es waren, die eine Professur bekamen. Es gibt kaum ein System, das so meritokratisch, also an Leistung orientiert ist, wie die Wissenschaft, und ich denke, dass es heute sehr viel mehr Mechanismen gibt als zu Max Webers Zeiten, die den Faktor Zufall bei wissenschaftlichen Karrieren doch relativ gering halten.

STANDARD: Aber so etwas wie Jobgarantien in der Wissenschaft selbst für exzellente junge Wissenschafter gibt es nach wie vor nicht.

Weigelin-Schwiedrzik: Das stimmt schon. Wir bemühen uns daher, für exzellente junge Wissenschafter gute Lösungen zu finden. Unsicherheit ist allerdings auch so etwas wie der Motor des Erfolgs der Wissenschaften, sowohl auf ganz allgemeiner Ebene wie auch auf Ebene der Karrieren einzelner Wissenschafter. Denn die Unsicherheit stachelt zu Höchstleistungen an, und mit jeder Höchstleistung gewinnt man wiederum an Sicherheit dazu. Wer Wissenschaft als Beruf wählt, sollte jedenfalls die Bereitschaft haben, das über einen längeren Zeitraum zu ertragen.

STANDARD: Sie sind Vizerektorin für Forschung und Nachwuchsförderung. Ab welcher Karrierestufte beginnt für Sie die Förderung der Jungwissenschafter?

Weigelin-Schwiedrzik: Bei uns beginnt das mit dem Doktorat. Die Vizerektorin für Lehre ist für die Studierenden zuständig, und ich für die Doktoranden. Wir halten die Doktorandenphase auch schon für einen integralen Bestandteil der Forschungsaktivitäten der Universität. Wichtig ist aber natürlich auch schon das Masterstudium – und dabei insbesondere die Phase des Schreibens der Masterarbeit. Es soll die Studierenden in die Lage versetzen, entscheiden zu können, ob sie eine Dissertation in Angriff nehmen wollen.

STANDARD: Als Sie 2011 Vizerektorin wurde, gab es an der Universität Wien 10.000 Doktoranden, von denen aber nur 450 pro Jahr promovierten. Wie ist es heute?

Weigelin-Schwiedrzik: Wir haben immer noch 10.000 Doktoranden, aber inzwischen immerhin 650, die pro Jahr abschließen. Es hat sich also etwas geändert. Vor allem aber haben wir eine neue Form der Doktorandenförderung eingerichtet, die sogenannten Uni-Doc-Stellen, die besonders streng ausgewählten Jungforscherinnen und Jungforschern erlauben, sich drei Jahre lang ihrer Dissertation zu widmen. In der letzten Ausschreibung hatten wir über 240 Bewerber und haben die 25 besten ausgewählt – nur nach Qualität und ohne Quoten für die einzelnen Fächer.

STANDARD: Wie passiert dieser Auswahlprozess?

Weigelin-Schwiedrzik: Das Auswahlverfahren ist sehr aufwendig und mehrstufig, es sind sowohl fachnahe wie auch fachfremde Wissenschafter der Universität beteiligt, die neben dem Exposé auch die allgemeine Reflexionsfähigkeit und das gesellschaftliche Verantwortungsbewusstsein der Kandidaten unter die Lupe nehmen. Der Nebeneffekt dabei ist, dass viele Personen der Universität in dieses Verfahren eingebunden sind und auf diese Weise die Qualitätsdiskussion über Dissertanten und die Standards von Dissertationen auf sehr viel breitere Weise geführt wird. Solche Kommunikationsprozesse braucht es gerade an großen Universitäten wie der unsrigen.

STANDARD: Was war der Grund dafür, diese Uni-Doc-Stellen überhaupt einzuführen? Es gibt ja schon die Doktoratskollegs des Wissenschaftsfonds FWF. Und auch die Universität Wien hatte früher ähnliche Kollegs.

Weigelin-Schwiedrzik: Diese kollektive Förderung der Doktoranden hat sich vielfach, aber nicht immer bewährt. Ein gewisser Nachteil der Doktoratskollegs besteht darin, dass sie mehr oder weniger enge Themen haben, die von einer älteren Wissenschaftergeneration vorgegeben werden. Die Doktoranden sollen aber eben auch die Möglichkeit haben, ihre eigenen Forschungsinteressen zum Thema zu machen, diese Ergänzung bringt die Uni-Docs-Schiene.

STANDARD: Wann sollte man sich entscheiden, in der Wissenschaft bleiben zu wollen oder nicht? Schon während der Dissertation?

Weigelin-Schwiedrzik: Die Frage, ob man die Wissenschaft zum Beruf machen will, stellt sich zum einen ganz besonders während der Dissertation, aber zum anderen auch in der ersten Phase danach, beim ersten Post-Doc. Das ist wohl auch der Zeitpunkt, um wissenschaftlich quasi „die Pampers auszuziehen". Spätestens dann sollte man erkennen, ob man auch genug Themen für weitere Forschungsarbeiten hat. Denn es gibt ja Leute, die hervorragende Dissertationen schreiben, aber kein weiteres Thema finden.

STANDARD: ...oder keine Post-Doc-Stelle. Wie viele Leute gehen der Wissenschaft nach der Dissertation verloren?

Weigelin-Schwiedrzik: Wir gehen davon aus, dass ein Viertel der Doktoranden eine Postdoc-Stelle bekommt. Und ein Viertel der Postdocs erhält irgendwann eine Professur in Österreich oder im Ausland. Wenn wir nur Professuren in Österreich heranziehen würden, wäre die Quote schlechter. Aber der universitäre Arbeitsmarkt zählt zum Glück zu den internationalsten überhaupt. Junge Wissenschafter müssen sehr mobil sein, und wenn man in Wien keine Stelle bekommen, dann bleibt die Möglichkeit, Chancen im Ausland zu nutzen.

STANDARD: Kommen wir vom Nachwuchs zur Forschung. In letzter Zeit häuften sich Stimmen, die bestimmte Fehlentwicklungen kritisierten – dass etwa zu viele Belanglosigkeiten veröffentlicht werden, weil der Publikationsdruck so groß ist.

Weigelin-Schwiedrzik: Diese Diagnose ist nicht ganz falsch. Zu solchen Fehlentwicklungen kommt es vor allem deshalb, weil alle Teilhaber des Wissenschaftssystems nun einmal Personen mit einem überdurchschnittlich hohen Intelligenzquotienten sind und sehr schnell lernen, sich den Forderungen des Systems anzupassen – und diese im Extremfall auch pervertieren. Deshalb müssen die Qualitätskontrollmechanismen auch immer wieder angepasst und erneuert werden, um diese negativen Effekte wieder zu reduzieren. Ich denke, dass wir uns gerade in einer Veränderungsphase befinden.

STANDARD: Wo besteht Ihrer Meinung nach der größte Veränderungsbedarf?

Weigelin-Schwiedrzik: Ich habe als Vizerektorin mit vielen Wissenschaftern über diese Frage gesprochen. Spannend waren in diesem Zusammenhang die Aussagen von Nobelpreisträgern. Jene Idee, für die sie den Nobelpreis bekamen, war laut deren Aussage jene Idee, die von den Kollegen am wenigsten verstanden wurde und wo das Peer-Review-System Schwäche zeigte. Den größten wissenschaftlichen Durchbrüchen werden mithin meist die größten Schwierigkeiten gemacht wurden, ehe sie veröffentlicht wurden. Umgelegt auf die wissenschaftliche Nachwuchsförderung bedeutet das, weniger Augenmerk auf die Performance der Jungforscher – also etwa die Anzahl der Publikationen in guten Zeitschriften – zu richten, als auf die inhaltliche Substanz ihrer Forschungen.

STANDARD: Aber wie soll das passieren?

Weigelin-Schwiedrzik: Ein Problem des Peer-Reviews besteht ja auch darin, dass es so etwas wie „wissenschaftlichen Mainstream" fördert: Wenn ich bei Projekten die Zustimmung meiner Kollegen erhalten will, dann komme ich besser nicht mit radikal neuen Ideen. Und je mehr die Wissenschaft kostet und je weniger Mittel vorhanden sind, desto geringer wird die Risikobereitschaft, was wiederum die Innovationsfähigkeit der Wissenschaft behindert. Um dieser Tendenz entgegenzuarbeiten, müssen wir zusätzlich zum Peer-Review-System Mechanismen entwickeln, die unerprobten, riskanten und innovativen Ansätzen eine Chance geben. Da geht es dann auch um eine Potentialabschätzung und um Vertrauen.

STANDARD: Gibt es aus Ihrem Bereich Beispiele für die Anwendung dieses anderen Begutachtungssystems?

Weigelin-Schwiedrzik: Wir haben an der Universität Wien sogenannte Forschungsplattformen, die Forschungen zu innovativen und interdisziplinären Themen unterstützen. Eine beantragte Forschungsplattform mit einem hochriskanten Thema wurde von den Gutachtern sehr unterschiedlich beurteilt. Das Rektorat hat sich dann aber dennoch für das Risiko entschieden – auch wegen unseres Vertrauens in die Forscher, die das Projekt beantragten. Nach einem Jahr Laufzeit wissen wir nun, dass sich die ursprüngliche Projektidee nicht in vollem Umfang realisieren lässt. Allerdings gibt es zahlreiche spannende neue Erkenntnisse, die so gar nicht geplant waren.

STANDARD: Wie viel Geld hat die Universität, um selbst Forschung zu finanzieren?

Weigelin-Schwiedrzik: Im Augenblick haben wir 18 Plattformen laufen, die im Schnitt jeweils rund 150.000 Euro im Jahr erhalten. Die Autonomie eröffnet uns die Möglichkeit, Themen zu fördern, die erst erprobt werden müssen, bevor sie als Drittmittelprojekte, etwa beim FWF oder ERC beantragt werden können Ich war Prorektorin in Heidelberg, einer der besten Universitäten in Deutschland, und dort hatten wir diese Autonomie nicht.

STANDARD: Wie zufrieden sind Sie mit der Einwerbung von Drittmitteln durch die Forscher der Universität Wien? Es gibt Beobachter, die meinen, dass da durchaus noch Luft nach oben wäre – insbesondere im Vergleich zu den zum Teil erfolgreicheren außeruniversitären Instituten.

Weigelin-Schwiedrzik: Der Anteil der Universität Wien bei den FWF-Projekten liegt bei 25 Prozent, das lässt sich kaum steigern. Bei den Projekten des Europäischen Forschungsrats ERC sind wir gut unterwegs, wir wollen aber noch mehr. Das es da einen gewissen Nachholbedarf gibt, hängt damit zusammen, dass wir eine Universität mit einen großen geistes- und sozialwissenschaftlichen Bereich sind.

STANDARD: Aber beim ERC gibt es sogar eine gar nicht so geringe Quote für die Sozial- und Geisteswissenschaften.

Weigelin-Schwiedrzik: Nur haben wir in diesen Fächern besonders viele Studierende. Das macht es eben nicht leichter, einen ERC-Antrag zu schreiben. Da fehlt einem oft die Zeit, einen solchen Antrag zu schreiben. Wir haben die Zahl dieser Anträge in letzter Zeit deutlich gesteigert, und wir sind mit den Ergebnissen vergleichsweise zufrieden. Womit ich hingegen gar nicht zufrieden bin, ist der Anteil der Frauen bei solchen hochdotierten Grants – also etwa auch dem Wittgenstein-Preis. Da scheint die gläserne Decke für Frauen noch weitaus dicker zu sein als in allen anderen Bereichen der Wissenschaft.  (Klaus Taschwer, DER STANDARD, 30.4.2014)

  • "Wir gehen davon aus, dass ein Viertel der Doktoranden eine Postdoc-Stelle bekommt. Und ein Viertel der Postdocs erhält eine Professur." Susanne Weigelin-Schwiedrzik in ihrem Büro an der Uni Wien, wo sie auch für Nachwuchsförderung zuständig ist.
    foto: standard/corn

    "Wir gehen davon aus, dass ein Viertel der Doktoranden eine Postdoc-Stelle bekommt. Und ein Viertel der Postdocs erhält eine Professur." Susanne Weigelin-Schwiedrzik in ihrem Büro an der Uni Wien, wo sie auch für Nachwuchsförderung zuständig ist.

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