Der Bürgerkrieg der Atome

3. Mai 2014, 12:00
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Jakob Moser analysiert die wissenschaftliche Poesie des antiken Philosophen Lukrez

Wissenschafter haben heute viele Werkzeuge - Reime und Verse gehören aber nicht dazu. In der Antike war es jedoch durchaus üblich, wissenschaftliche Inhalte in Gedichtform zu vermitteln. Eines der bedeutendsten Beispiele ist das Werk De rerum natura ("Über die Natur der Dinge") von Lukrez, das in Gedichtform die antike Atomlehre vermittelt.

Die Nachwelt trennte später strikt zwischen Wissenschaft und Dichtung. Man erfreute sich an der Schönheit von Lukrez' Sprache, der philosophische Gehalt des Textes geriet in Vergessenheit. Jakob Moser versucht, diesen Kern wieder freizulegen. "Vor allem im deutschsprachigen Raum wurde das Werk meist allein durch die literarhistorische Brille betrachtet. In der Philosophie spielte es kaum eine Rolle", berichtet Moser, aktuell Junior Fellow am Internationalen Forschungszentrum Kulturwissenschaften in Wien. In seiner Dissertation untersucht er die Wechselwirkung von Dichtung, Rhetorik und Philosophie, die in Lukrez' Opus stattfindet.

Mit der Gedichtform hatte der römische Dichter zu seiner Zeit die Möglichkeit, die Naturphilosophie des griechischen Philosophen Epikur einem breiteren Publikum zu vermitteln: Was die Welt bestimmt, sei die Bewegung der Atome und nicht das Wirken der Götter. Jedoch war für Lukrez die Sprache nicht bloß das Mittel zum Zweck, wie Moser ausführt: "Ich beschäftige mich damit, wie die poetische Form den Gedankengang mitbestimmt, und untersuche den Transformationsprozess, der hier stattfindet. Lukrez hat in seinem Lehrgedicht versucht, Epikurs Philosophie auf verschiedenen Ebenen zu übertragen - vom Griechischen ins Lateinische, von der Prosa in die Poesie, von der griechischen Kultur in den römischen Staat."

Neben einer detaillierten Textanalyse betrachtet Moser auch den historischen Kontext, der sich sichtbar in den Text einschreibe: Der fortschreitende Zusammenbruch der Republik zu Lukrez' Lebzeiten hinterlässt nämlich in diesem unpolitischen Text seine Spuren: "Lukrez erklärt mithilfe von politischen Begriffen der römischen Republik den Mikrokosmos. Die Atome bilden Förderationen, schließen Bündnisse und befinden sich dabei in einem permanenten Bürgerkrieg." Jede Ordnung sei damit nur eine Oberflächenerscheinung eines tieferliegenden Chaos. Diese Weltanschauung ist laut Moser durchaus geprägt vom Umbruch in der politischen Ordnung Roms: Für Lukrez zeichnet sich darin etwas Kosmisches ab.

Mit der Antike beschäftigt sich Moser bereits seit Schulzeiten - ursprünglich durch Nietzsche inspiriert. "Während Nietzsche vom Philologen zum Philosophen wurde, ist es bei mir eher umgekehrt", sagt Moser. Nach seiner Matura in Innsbruck studierte er dort sowie in Wien und im süditalienischen Lecce Geschichte und Philosophie. Aber auch zur Literatur habe er immer starken Bezug gehabt - er schreibt auch selbst.

Mit lateinischen Texten setzt sich Moser nicht nur in seiner Dissertation auseinander: Er gibt Nachhilfeunterricht. Lukrez sei dafür zu schwer, aber die Schüler hätten ohnehin schon genug zu knabbern: "Sprache erscheint in diesen alten Texten nicht immer als Kommunikationsmittel, sondern entzieht sich in ihrer Komplexität der einfachen Benutzung. Das bekommt jeder Lateinschüler früher oder später zu spüren." (Johannes Lau, DER STANDARD, 30.4.2014)

  • Jakob Moser sucht den Kern im Werk "De rerum natura".
    foto: ifk

    Jakob Moser sucht den Kern im Werk "De rerum natura".

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