Viele Knipser und keine Leiche

30. April 2014, 17:24
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Fotografie im Spiegel des Films: "Blow-Up", das filmische Meisterwerk Michelangelo Antonionis, bietet der Albertina eine perfekte Oberfläche, um Fragen des Mediums zu verhandeln und die Stimmung der umbrechenden, swingenden 1960er-Jahre einzufangen

Wien - Man geht näher und näher heran, aber das Bild wird nicht klarer. Im Gegenteil. Aufgeblasen und wieder aufgeblasen wird das Foto immer abstrakter, zeigt seine Körnung, offenbart die Materialität des Mediums - allerdings keine Leiche. In seinem Meisterwerk Blow-Up (1966) lässt Michelangelo Antonioni das Medium, von dem man glaubt, es könne die Realität wie kein anderes abbilden, grandios scheitern.

Antonionis ungläubiger Thomas (David Hemmings) will einen vermeintlichen Mordfall im Park lösen, reizt dazu die Technik aus, vergrößert seine Aufnahmen eines heimlich geknipsten Liebespaars mehr und mehr, aber statt sich zu manifestieren, entschwindet die Leiche im Gebüsch in ein verpixeltes Nirwana. Antonioni entlarvt die Realitätskonstruktionen der Fotografie - aber auch jene des Films. Seine Pointe: Thomas trifft auf Pantomimen, die im Park ein Tennisspiel darstellen, nimmt einen der unsichtbaren Bälle auf und "wirft" ihn zurück. Die Kamera folgt der Flugbahn. Das Medium entfaltet seine Illusionswirkung.

Seine medientheoretischen Exkurse hat der Filmemacher allerdings sehr flott verpackt. Sein mit dem Cabrio durch London cruisender, voyeuristisch veranlagter, aber auch an Sozialreportagen interessierter Fashionfotograf Thomas bewegt sich ganz selbstverständlich durch Londons Mode-, Kunst- und Musikszene. Jane Birkin tänzelt im unschuldigen, zarten Batistkleidchen vor der Kamera. Model Veruschka nimmt vor der Linse offenbar nicht nur Voguing vorweg, sondern scheint - hingestreckt am Boden - auch als Stellvertreterin für das abwesende Mordopfer zu fungieren.

Sex, Drugs, Rock 'n' Roll

Das beschworene Bild der Swinging Sixties überzeugt durch Authentizität: Nicht allein, dass die Rockband Yardbirds im Film auftritt, Jeff Beck zertrümmert auch noch in einer Szene seine Gitarre. Reale Figuren wie der Vogue-Fotograf David Bailey könnten als Vorbild der Hauptfigur gedient haben - modisch aufgeputzt im Stil von Playboy Gunter Sachs. Die Gemälde im Film stammen vom britischen Maler Ian Stephenson.

Die Fotografie ist nicht nur das Element, das alle hippen Ingredienzien der Zeit zusammenhält, sie spielt die eigentliche Hauptrolle. Und die Recherche zu seinem Protagonisten fiel exzessiv aus: Antonioni studierte die Modefotografen und Fotoreporter seiner Zeit und engagierte letztendlich Profis, um die im Film eingesetzten Aufnahmen zu machen. Ein Kunstgriff.

David Montgomery lichtet in einer Filmszene etwa ein Model am Hoxton Market im East End ab: Er spielte den Fotografen nicht - dazu fehlte ihm das Talent - er tat einfach seinen Job. Auf einem dieser Fotos sieht man Arthur Evans, den sonst üblicherweise unsichtbaren Standfotografen. Evans fertigte die meisten Filmstills zu Blow-Up, meisterte nicht nur die schwierige Aufgabe, Bewegtbild als statische Momente zu konservieren, sondern führte eine, den Standpunkt der Filmkamera reflektierende Perspektive ein.

Die zu Ikonen gewordenen Blowups des Films fertigte Don McCullin, dessen Sozialreportagen eine Nebenrolle spielen. Nur ein einziges Foto schoss hingegen Magnum-Fotografin Eve Arnold, bevor Antonioni sie feuerte: Es zeigte die nackte Vanessa Redgrave. Ein Bild, auf das nicht nur der Regisseur, sondern auch Albertina-Kurator Walter Moser bewusst verzichtet. Moser betont dafür die Rolle von Tazio Seccharoli, einem italienischen Paparazzo, den vor Antonioni bereits Federico Fellini für seinen Paparazzi-Film La dolce vita zur Mitarbeit gewonnen hatte. Schließlich ist der Voyeurismus zentrales Motiv in Blow-Up, mit filmischen Vorläufern wie Alfred Hitchcocks Fenster zum Hof.

Die Ausstellung entwickelt sich allerdings nicht punktuell wie Fotografie, sondern wickelt einen Kader für Kader wie in eine Filmrolle ein. Brillant. (Anne Katrin Feßler, DER STANDARD, 30.4.2014)

Bis 17. 8. in der Albertina Wien. Im Anschluss reist die Ausstellung ins Fotomuseum Winterthur und wird später im C/O Berlin zu sehen sein.

Filmvorführung
Antonionis Filmklassiker wird am Donnerstag, 15. Mai 2014 und am Donnerstag, 5. Juni 2014, jeweils um 20 Uhr im Gartenbaukino gezeigt. 

  • Modefotograf Thomas (David Hemmings) fotografiert in "Blow-Up" heimlich ein Liebespaar im Park.
    foto: secchiaroli

    Modefotograf Thomas (David Hemmings) fotografiert in "Blow-Up" heimlich ein Liebespaar im Park.

  • Neben Evans schoß auch der italienische Paparazzo Tazio Secciaroli Fotos am Filmset (hier: David Hemmings und Veruschka).
    foto: secchiaroli

    Neben Evans schoß auch der italienische Paparazzo Tazio Secciaroli Fotos am Filmset (hier: David Hemmings und Veruschka).

  • Auf den Vergrößerungen der im Park geschossenen Fotos sucht Thomas nach Beweisen für das Verbrechen.
    foto: secchiaroli

    Auf den Vergrößerungen der im Park geschossenen Fotos sucht Thomas nach Beweisen für das Verbrechen.

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