Charmeur der Verknappung

29. April 2014, 18:16
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US-Gitarrist John Abercrombie und Pianist Marc Copland im Porgy & Bess

Wien - Der Gitarrist ist untröstlich: Keine Ahnung, wie die nächste Komposition genau gehe, wie sie überhaupt heiße. Da muss Kollege Marc Copland die ersten Töne am Klavier anspielen, um das Gedächtnis von John Abercrombie aufzufrischen. Selbst vor eigenen Stücken vermittelt Abercrombie gerne den Eindruck, sich der Titel nicht entsinnen zu können. Es sei, was bevorsteht, wohl ein Walzer, so Abercrombie - "schließlich schreibe ich ja auffällig viele Walzer". Aber der Titel?

Abercrombie zelebriert also in den Ansagen gerne das Scheitern als solches, womit jedoch der Kontrast zu seinem Spiel nicht größer sein könnte. Nach dem Tod von Gitarrist Jim Hall, bei dem er vor Urzeiten auch ein paar Stunden genommen hat, ist Abercrombie nämlich eher die unangefochtene Instanz in Sachen Subtilität, Sparsamkeit und Genauigkeit des Ausdrucks.

So kokett er seine eigene Zerstreutheit simuliert, so punktgenau setzt er seine Statements, so rätselhaft bleibt seine Fähigkeit, auf dem Improvisationspfad durch die harmonische Songlandschaft die überraschend aufleuchtende Wendung oder gerne auch Pause einzubringen.

Subtil wirksame Technik

Was im Porgy & Bess zu erleben ist, wirkt somit als Inbegriff abgeklärten Reduktionismus und aphoristischer Verknappung. Technische Fähigkeiten spielen bei Abercrombie nur in Form von musikalischem Sinn eine Rolle - als smart getimte Idee, die sich gerne auch in einer einzigen, eleganten Note materialisieren kann und dennoch den Charakter einer ganzen Dialogsituation zu prägen vermag.

Dabei ist es einerlei, ob als Vorlage Klassiker wie The Way You Look Tonight, All The Things You Are (von Jerome Kern) oder Eigenkompositionen fungieren: Abercrombie und Copeland (der Pianist gibt sich sparsam und denn auch als Minimalist, wirkt jedoch nicht ganz so markant wie der Kollege) zelebrieren spontane Kammermusik, eine scheinbar schlichte, in Wahrheit hochkomplexe Echtzeitkunst, die sich um das Wesentliche bemüht. Nur dass sich das Wesentliche hier nahe der Stille entfaltet. (Ljubiša Tošic, DER STANDARD, 30.4.2014)

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