Über die Lücken der Aufarbeitung

4. Mai 2014, 16:47
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Bei einer Tagung an der FH Joanneum wurden aktuelle Probleme der Sozialarbeit besprochen - Die Forschung will vor allem Licht in die teils dunkle Geschichte des Fachs bringen

Graz - Sozialarbeiter sollten die Finger auf die Wunden der Gesellschaft legen. Wunden, die niemand gerne sieht, meint Klaus Posch, Leiter des Studiengangs Soziale Arbeit an der FH Joanneum. So nehmen beispielsweise die Pensionierungen aufgrund von Depressionen seit Jahren ebenso massiv zu wie die Zahl der Inhaftierungen oder der vielzitierte Abstand zwischen Armen und Reichen. Gleichzeitig aber werden von der Politik drastische Sparmaßnahmen im Sozialbereich durchgesetzt.

"Eigentlich müsste man im öffentlichen Bereich sofort mindestens 25 Prozent mehr Sozialarbeiter einstellen, um die akuten Probleme einigermaßen zu bewältigen", ist Posch, der 17 Jahre der steirischen Bewährungshilfe vorstand, überzeugt. "Zurzeit werden diese Probleme einfach der nächsten Generation überlassen." Früher hatte ein Sozialarbeiter in der Bewährungshilfe 20 Klienten zu betreuen, heute sind es 60. "Damit", so Posch, "ist dieses an sich gute Modell obsolet geworden, denn 60 Klienten kann man nicht mehr betreuen, sondern nur noch verwalten."

Es waren also brisante Themen, die vergangene Woche auf der Tagung des August-Aichhorn-Instituts für Soziale Arbeit an der FH Joanneum in Graz unter dem Motto "Sozialarbeit - falsch verbunden?" zur Sprache kamen. So fragten sich die Teilnehmer in verschiedenen Workshops etwa, wie politisch Sozialarbeit sein darf bzw. kann oder ob Beziehungsarbeit zum Auslaufmodell der Sozialarbeit geworden ist.

Zur Diskussion stand auch das nicht unumstrittene Modell der "Sozialraumorientierung", das in Graz nächstes Jahr vom Pilotprojekt- in den Regelbetrieb übergehen soll. Grundsätzlich geht es dabei um Hilfe zur Selbsthilfe, indem alle verfügbaren Ressourcen im sozialen Umfeld eines Klienten genutzt werden. Von den Sozialarbeitern soll so viel Hilfe wie notwendig und so wenig Hilfe wie fachlich und leistungsrechtlich vertretbar geleistet werden. Hauptsächliches Ziel sei es, die Klienten bei einer selbstständigen Lebensführung zu unterstützen.

Modell mit Sparpotenzial

Das Modell birgt ein Einsparungspotenzial: Immerhin sei die durchschnittliche Unabhängigkeit der Klienten am Ende einer Hilfsmaßnahme durch die Sozialraumorientierung schlagartig gestiegen, wie eine Evaluation der Grazer Kinder- und Jugendhilfe herausfand. Während früher nur 39 Prozent auf eine weitere Unterstützung der Jugendwohlfahrt verzichten konnten, sind es dank Sozialraumorientierung nun 84 Prozent. Aber welche Nebenwirkungen ergeben sich daraus für Klienten, Sozialarbeiter und letztlich die Gesellschaft? Darüber ist in der Evaluation nichts zu lesen. Wie ist sozialarbeiterischer Erfolg überhaupt messbar? Eine Frage, der sich auch die Sozialarbeitsforschung an der FH Joanneum widmet. "In diesem Bereich gibt es noch viele offene methodische Fragen", so Klaus Posch. "Mit großartigen Erfolgsmeldungen sollte man sich hier seriöserweise also eher zurückhalten."

Ein großes Thema der Sozialarbeitsforschung ist die Organisationsverantwortung, die im Zuge etwa der Missbrauchsfälle in Grazer Jugend-WGs verstärkt öffentlich diskutiert wurde. Dabei stelle sich die Frage, "inwieweit es vertretbar ist, einzelne Sozialarbeiter für etwaige Fehler verantwortlich zu machen, nicht aber jene, welche die Aufträge erteilen", sagt Posch. "Eigentlich haben wir diese Problematik in der Nachkriegszeit bereits eingehend diskutiert." Auch in den 1960er-Jahren habe man zum Großteil gewusst, was in den Heimen passiert. "Es gab ja Berichte! Aber die wurden von der Politik unter den Teppich gekehrt. Oft werden Missstände so lange verleugnet, bis sie außer die Betroffenen keinen mehr interessieren. Das ist ein großes Problem in der Sozialarbeit und sollte dringend aufgearbeitet werden."

Dass die Sozialarbeit in Österreich auf eine "unheimliche" und vor allem noch weitgehend unerforschte Geschichte zurückblickt, hob auch der Sozialpsychologe Karl Fallend hervor. Er spricht von einer "generellen Geschichtslosigkeit der eigenen Profession gegenüber", die ihn gemeinsam mit Klaus Posch zur Herausgabe einer eigenen Schriftenreihe zur Geschichte der Sozialarbeit und Sozialarbeitsforschung motiviert habe.

Darin soll nicht nur die Erinnerung an die Pioniere der Sozialarbeit wie etwa August Aichhorn, Ilse Arlt oder Ernst Federn wachgehalten, sondern auch die verdrängte, dunkle Seite der Profession beleuchtet werden. So berichtete er von einem Flugblatt, das 1940 an der Grazer Uni kursierte, wo auch die Antifaschistin und spätere Fürsorgerin Emmy Miklas studierte, die nach 1945 die Erziehungsberatung in Graz aufbaute. Hier stand: "In Steinhof in Wien (...) gingen diese nationalsozialistischen Unmenschen her, steckten die Narren vom Steinhof in Omnibusse und führten sie ins Altreich. Angeblich sollten sie dort in bessere Anstalten gebracht werden. Nach kurzer Zeit wurden die Verwandten vom Tod ihres Angehörigen verständigt. (...) Dasselbe erfahren wir von Feldhof in Graz."

Es hat niemand gefragt

Ob Emmy Miklas das Flugblatt gelesen hat, wird man nie erfahren. Dass sie später als Fürsorgerin im Wiener Gaujugendamt über die Vorgänge am Spiegelgrund Bescheid wusste, steht für Karl Fallend außer Zweifel. "Über ihre Erfahrungen hat sie weder gesprochen noch geschrieben, aber - es hat sie auch niemand gefragt." Bald werden die letzten Zeitzeugen sterben, und "die Lücken der Aufarbeitung werden wie die neurotische Wiederkehr des Verdrängten aufbrechen und uns weiter in unheimliche Stimmungen versetzen". Durch die Forschung an den Fachhochschulen kann der Berg des Verdrängten und Unhinterfragten zumindest verkleinert und der kritische Blick auf aktuelle Entwicklungen geschärft werden. (Doris Griesser, DER STANDARD, 30.4.2014)

  • Die Forschung will auch das klassische Bild der Sozialarbeit modernisieren.
    foto: corbis

    Die Forschung will auch das klassische Bild der Sozialarbeit modernisieren.

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