"Wenn Federer nur mehr daheim spielen darf"

30. April 2014, 17:25
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Der Ökonom Ernst Fehr sieht das Schweizer Votum gegen Masseneinwanderung als sehr schädlich - Den europäischen Unis insgesamt verordnet der Professor der Uni Zürich einen offenen Zugang zu privaten Mitteln

STANDARD: In Österreich wird das Wissenschaftssystem gern mit jenem in der Schweiz verglichen. Mit dem Ergebnis: Die Schweizer geben dreimal so viel für Grundlagenforschung aus und haben dreimal so viel Erfolg damit. Womit vergleichen Sie sich?

Fehr: Ich vergleiche mich nicht mit Österreich, sondern mit dem angloamerikanischen Raum. Dabei stelle ich fest, dass die USA und Großbritannien in vielen Bereichen Europa einiges voraushaben. Ein Beispiel: Die London School of Economics hat 60 Professoren, die Uni Zürich hat am Department of Economics nur 25 Fachprofessoren - wahrscheinlich sind das immer noch deutlich mehr, als es in Österreich gibt. Ein Grund für die Position des angloamerikanischen Raums: Hier stehen deutlich höhere Summen zur Verfügung, nicht zuletzt dank privater Investoren. Schauen Sie doch nach Harvard: An dieser US-amerikanischen Elite-Uni konnte ein beachtliches Vermögen aufgebaut werden. Man muss es ganz klar sagen: Durch die zunehmende Ungleichheit in der Welt gibt es ja immer mehr reiche Leute. Viele von ihnen wollen philanthropisch tätig sein. Dieser Markt muss bearbeitet werden. Da ist Europa zu untätig.

STANDARD: Welche Gründe sehen Sie dafür?

Fehr: Es gibt große Ängste, dass Private zu viel Einfluss bekommen und die Wissenschaft dadurch ihre Freiheit verliert. Ich bin aber überzeugt, dass man das durch Gesetze und Verträge steuern kann. Die Unabhängigkeit vom Staat musste ja auch erst errungen werden. Ein Professor kann heute sagen, was er will - und muss nicht fürchten, deshalb entlassen zu werden. Warum sollte er nicht mit einem Großunternehmer kooperieren können, ohne dass ihm dieser vorschreibt, was er zu tun hat? Da brauchen wir ein Umdenken.

STANDARD: Sie selbst gerieten vor einem Jahr durch eine 100-Millionen-Franken-Spende von UBS an Ihr Department for Economics unter Druck. Man warf Ihnen vor, für die Großbank Marketing zu machen. War die Zeit noch nicht reif dafür, ein derart großzügiges Geschenk anzunehmen?

Fehr: Für unser Department war diese Spende schon unglaublich. Eine derart spektakulär hohe Summe zu bekommen bedeutet, dass wir einen wirklich großen Sprung machen können. Wir können nun fünf neue Professuren einrichten. Ich verstehe aber das Bedürfnis, das öffentlich zu diskutieren. Es muss natürlich geklärt werden, ob die Freiheit der Forschung gesichert ist. Wer den Vertrag durchliest - er ist ja nun öffentlich -, kann sich davon überzeugen, dass wir richtig gehandelt haben. Die Bank wollte hier nur Gutes tun.

STANDARD: Sie sitzen auch im Aufsichtsrat der UBS Foundation. Ist das klug angesichts der Kritik?

Fehr: Es ist ja wohl gut, dass ich im Aufsichtsrat sitze und die Interessen der Universität vertrete. Ich habe da keine Berührungsängste. Noch einmal: Das war eine Spende der UBS, sie war mit keinen Interessen verbunden. Ich habe mich immer bemüht, private Mittel einzuwerben, obwohl die Unis von den Kantonen gut aus gestattet werden und der Schweizer Nationalfonds, das Pendant zum österreichischen Wissenschaftsfonds FWF, ein großzügiges Budget zur Verfügung hat, sodass Wissenschafter mit guten Projekten auch eine große Erfolgschance haben. In Österreich werden doch relativ viele Projekte, die eigentlich gut sind, nicht bewilligt, weil die Mittel nicht ausreichen.

STANDARD: Sie verließen Österreich, als die Unis noch keinerlei Autonomie hatten. War da die Schweiz nicht wie ein ganz anderer Planet für Sie?

Fehr: Das österreichische Universitätssystem war damals Anfang der Neunzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts wirklich noch kafkaesk. Ich verhandelte mit einem Beamten, der wirkte sehr unwillig. In der Schweiz waren die Unis auch noch nicht autonom. Mir wurde aber schnell klar, dass die Schweizer mich wollten. Daran hat sich seither nichts geändert. Wenn die Schweizer einen Professor wollen, dann tun sie wirklich alles, um ihm die Arbeit und den Alltag so angenehm wie möglich zu gestalten. Und die Politiker halten immer Wort. Das schafft Vertrauen: Das Erste, was ich in der Schweiz miterlebt habe, war eine Gehaltskürzung. Die zuständigen Politiker des Kantons sagten, dass sie eine Budgetkrise zu bewältigen haben, und versprachen, sobald es besser geht, die Gehaltskürzung rückgängig zu machen. Und das ist auch passiert.

STANDARD: Die Schweiz liegt heute in allen wissenschaftsrelevanten Rankings deutlich vor Österreich. Woran liegt das?

Fehr: In Österreich hat man weit weniger Mittel zur Verfügung als in der Schweiz. Das ist ein wichtiger Grund, man muss sich aber hüten zu glauben, dass es der einzige Grund ist. Sicher müssten die Strukturen effizienter werden. Es gibt noch immer zu viele Professoren, die sich an den österreichischen Unis ein Königreich aufbauen können. Das wird natürlich durch das Lehrstuhlsystem gefördert, das es beispielsweise in den USA nicht gibt. Wer die Finanzierung seiner Arbeit kompetitiv einwirbt, hat einen ganz anderen Zugang zu Forschung und Lehre. Da geht es jedem darum, sich mit den besten Wissenschaftern seines Fachs zu messen.

STANDARD: Österreicher sind traditionell wissenschaftsfeindlich. Wie denken die Schweizer?

Fehr: Sehr positiv. Das liegt auch daran, dass jede größere Finanzierung seitens des Kantons durch eine Volksabstimmung abgesegnet werden muss. Daher sind die Schweizer bestens informiert, und sie sind auch stolz auf ihre Universitäten und Forschungseinrichtungen. Außerdem wird hier viel Öffentlichkeitsarbeit betrieben. In Zürich gibt es etwa eine "Woche des Gehirns".

STANDARD: Nicht jede Volksabstimmung in der Schweiz geht positiv für die Wissenschaft aus. Das Votum gegen "Masseneinwanderung", wie es die Schweizerische Volkspartei (SVP) nannte, führte zum Ausschluss der Schweiz vom Europäischen Forschungsrat und vom EU-Rahmenprogramm Horizon 2020. Was halten Sie von dieser Volksabstimmung?

Fehr: Ich war wirklich schockiert, als ich diese Nachricht hörte. Für die Wissenschaft ist das ganz schädlich. Die Schweiz war eines der erfolgreichsten Länder beim Einwerben von Drittmitteln der EU. Jetzt sind wir davon ausgeschlossen. Finanziell trifft das die Schweiz gar nicht so hart: Der Nationalfonds hat sofort Mittel bereitgestellt, um einen großen Teil der entgangenen Projektförderungen wettzumachen. Uns fehlt vielmehr der Wettbewerb. Warum werden wir Wissenschafter? Natürlich, weil es uns Spaß macht, aber auch, weil wir wissen wollen, wie gut wir im Vergleich zu den anderen sind. Wir wollen internationale Anerkennung. Das ist jetzt ungefähr so, als würde man Roger Federer sagen, er dürfe nur mehr die Schweizer Meisterschaften spielen.

STANDARD: Wie sehr schadet dieses Votum der Reputation des Wissenschaftsstandortes Schweiz?

Fehr: Es hat nicht gerade geholfen. Bisher sind ja sehr viele ausländische Wissenschafter in die Schweiz gekommen, weil die Arbeitsbedingungen hier so gut sind. Ich hoffe, dass das so bleiben wird. Man muss abwarten. Das Votum sieht eine Drosselung der Zuwanderung von einem Prozent der Bevölkerung, also etwa 80.000 Menschen jährlich, auf vielleicht 50.000 vor. Nur wenn eine weitere Volksbefragung durchgeht, die eine Drosselung auf 0,2 Prozent im Jahr fordert, hätten wir ein massives Problem. Ich bin aber überzeugt, dass die von den Schweizern abgelehnt wird. (Peter Illetschko, DER STANDARD, 30.4.2014)


Ernst Fehr wurde 1956 in Hard in Vorarlberg geboren. Er studierte Volkswirtschaft an der Uni Wien. 1994 nahm er eine Professur für Mikroökonomik und Experimentelle Wirtschaftsforschung an der Uni Zürich an. Seit 2011 ist er Direktor des neuen Department of Economics. Fehr gilt seit einigen Jahren als aussichtsreicher Kandidat für den Wirtschaftsnobelpreis.

  • Der österreichische Ökonom Ernst Fehr betont, dass Schweizer Politiker ihre Versprechen immer halten.
    foto: uni zürich

    Der österreichische Ökonom Ernst Fehr betont, dass Schweizer Politiker ihre Versprechen immer halten.

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