Unmögliche Nähe, unüberwindbare Distanz

29. April 2014, 22:02
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Bei der elften Ausgabe von Crossing Europe in Linz gab es Milieustudien einer neuen Generation von Filmern zu entdecken

Linz - Die Wiederbegegnung mit der Familie verläuft etwas verkrampft. In den Augen ihrer Mutter ist Lili vor allem Tochter geblieben. Deshalb ist sie kaum an ihrer Profession als Filmemacherin interessiert, die sie einige Zeit in Mexiko ausgeübt hat. Und deshalb sucht sie auch weniger das intime Gespräch, sondern drängt auf Besuche bei Tanten und Cousinen. Schließlich soll jeder wissen, dass Lili wieder zurück in Spanien ist. Die Heimkehrerin wird dabei den Eindruck nicht los, dass alle außer ihr unbeirrbar dieselben geblieben sind.

Liliane Torres' Spielfilmdebüt Family Tour wurde am Dienstagabend beim Filmfestival Crossing Europe mit dem Hauptpreis ausgezeichnet (ex aequo mit Thierry de Perettis korsischem Jugendporträt Les Apaches). Die persönlich gehaltene, mit Detailbeobachtungen angereicherte Arbeit ist nach einer bemerkenswerten Grundidee entstanden: Die junge Regisseurin porträtiert hier ihre eigene Familie, einen vielköpfigen Clan aus Charakterköpfen - nur Lili, ihre Stellvertreterin, wird von der Schauspielerin Nuria Gago verkörpert. Nervtötende Routinen und neurotische Ticks wirken deshalb besonders glaubwürdig - zugleich ermöglicht die Nähe auch eine Form liebevoll-komischer Distanz. Da Torres' Verwandte allesamt der Arbeiterklasse entstammen, hat man es hier zudem mit einem Bild der spanischen Gesellschaft zu tun, das man nicht oft zu sehen bekommt.

Filme wie Family Tour, der gerade einmal mit 30.000 Euro finanziert wurde, sind eine der Stärke des von Christine Dollhofer mit sicherem Gespür kuratierten Linzer Festivals. In etlichen Arbeiten überzeugte heuer der präzise Blick auf Milieus, nicht nur proletarischer, auch bourgeoiser Spielarten. Die türkische Regisseurin Asli Özge studiert in Hayatboyu (Lifelong) die Risse in der Ehe eines gut situierten Paares, ohne sich je dramatisch zu verausgaben. Das Designerhaus mit den transparenten Fassaden ist auch ein Gefängnis unausgesprochener Gefühlslagen.

Zentral ausgerichtete Breitwandaufnahmen verstärken den Eindruck der Erstarrung noch. Der distinguierte Umgang dieser so selbstbewussten, urbanen Schicht verbannt die Beziehungsdefizite ins Innere. Ela (Defne Halman) entwickelt psychosomatische Symptome, während man von Cans Untreue (Hakan Çimenser) nur indirekt, über das eine oder andere Indiz erfährt. Einzig die Metaphorik des Erdbebens erscheint in diesem besonders stilsicheren Film etwas überzogen.

Belastungsprobe Skype

Reduktion bei gleichzeitiger Verdichtung, das war eine wiederkehrende Formel dieses Jahrgangs in Linz. Beim Publikumshit, Long Distance vom Spanier Carlos Marques-Marcet, erfährt die Beziehung eines Pärchens eine Belastungsprobe, als sie ein Stipendium in L.A. antritt, während er in Barcelona zurückbleibt. Weite Teile des Films sind als Skype-Gespräche konzipiert, in denen die seltsam verbogene Intimität dieser Kommunikationsform einfallsreich zum Tragen kommt.

In TIR vom Italiener Alberto Fasulo, der schon in Rom ausgezeichnet wurde, spielt sich das gesamte Geschehen im Inneren oder im näheren Umfeld eines Lastwagens ab. Branko (Branko Zavrsan) ist Fernfahrer geworden, weil er als Lehrer zu wenig verdient. Davon und über die zunehmend unverschämter werdenden Arbeitsanweisungen erfahren wir nur über Telefonate: Schicht auf Schicht soll abgeleistet werden, Ruhepausen verkürzen sich. Solidarität ist unter den Fahrern nur bedingt vorhanden. Fasulos Held ist im wahrsten Sinne allein auf der Strecke - aus dieser Engführung auf geduldig eingefangene Arbeitsabläufe schöpft der Film seine Kraft. Es bleibt zu hoffen, dass der eine oder andere dieser Filme regulär ins Kino kommt.

Nach Italien ging auch der Social-Awareness-Preis für einen europäischen Dokumentarfilm: Luca Bellino und Silvia Luzi verzeichnen in ihrer Langzeitbeobachtung Dell'arte della guerra Arbeitskampfstrategien der Belegschaft eines Montagewerks in Mailand. Der gleiche Preis für eine heimische Produktion ging an Alexandra Schneiders Private Revolutions, der vom politischen Engagement von vier Ägypterinnen im Nachfeld des Arabischen Frühlings erzählt. (Dominik Kamalzadeh, DER STANDARD, 30.4.2014)

  • Szenen mit Aussicht - aus dem tristen Leben der Bourgeoisie: "Hayatboyu (Lifelong)" von Asli Özge.
    foto: crossing europe

    Szenen mit Aussicht - aus dem tristen Leben der Bourgeoisie: "Hayatboyu (Lifelong)" von Asli Özge.

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